Vor der Landtagswahl – Bilanz Schulpolitik Kam mit Eisenmann der Stillstand?

Susanne Eisenmann blickt zufrieden zurück auf ihre Zeit als Kultusministerin. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Für die einen waren die vergangenen fünf Jahre eine vertane Zeit für die Schulpolitik, andere loben Susanne Eisenmann, weil sie mehr Ruhe und Verlässlichkeit in die Bildungslandschaft gebracht habe nach den vielen tief greifenden Veränderungen unter Grün-Rot. Zumindest mit einer Vorstellung hat sie aufgeräumt.

Stuttgart - Pragmatisch, realitätsnah und zukunftsorientiert statt grün, rot oder schwarz – so sollte die Bildungspolitik unter Susanne Eisenmann in Baden-Württemberg gestaltet werden. Das hat die Christdemokratin zu Beginn ihrer Amtszeit als Kultusministerin vor fünf Jahren gesagt. „Verlässlichkeit in der Bildungspolitik ist das, wonach sich alle Beteiligten am meisten sehnen“, erklärte Eisenmann 2016: „Der fruchtlose Streit um Strukturen muss aufhören.“ Statt ständig neue Modellversuche auf den Weg zu bringen, müsse endlich Stetigkeit ins Bildungssystem – und wieder mehr Qualität und Wertschätzung für die Lehrer.

 

Die Erwartungen waren so groß wie unterschiedlich

Mit diesem Anspruch ist die 56-Jährige angetreten. Die Erwartungen an die erfahrene Bildungspolitikerin, die als engagierte Schulbürgermeisterin in Stuttgart Spuren hinterlassen hatte, waren so groß wie unterschiedlich. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) etwa befürchtete wie die SPD nur das Schlimmste: Sie waren in Sorge, dass die Christdemokratin die unter grün-rot durchgepeitschte Einführung der Gemeinschaftsschule mit dem erklärten Ziel eines zweigliedrigen Schulsystems wieder abwickeln würde.

Der Philologenverband, aber auch die Liberalen witterten hingegen Morgenluft und hofften, nun würden ihre Forderungen nach der Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung und der Wahlfreiheit für Gymnasien, ob sie ihre Schüler in acht oder neun Jahren zum Abitur führen wollen, endlich erfüllt. Und die Realschulen, die unter der Vorgängerregierung um die Existenz ihrer Schulart gebangt hatten, schnauften erleichtert durch. Die Grünen als Koalitionspartner wiederum machten sich auf Krach gefasst.

Schulen als Sparkasse? Damit hat Eisenmann aufgeräumt

Immerhin waren es Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und seine Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne), die in den Vorjahren gemeint hatten, im Bildungsbereich ließe sich die eine oder andere Million durchaus einsparen, Reformen wie der Verankerung der Inklusion im Schulgesetz zum Trotz. Mit dieser Vorstellung hat Eisenmann erst einmal aufgeräumt. Als erste Ministerin überhaupt ließ sie eine Modellrechnung über den tatsächlichen Lehrerbedarf erstellen. Das Ergebnis: Bis 2030 fehlen dem Land wegen der bis dahin in Pension gehenden Babyboomer und den wieder steigenden Kinderzahlen 10 600 Stellen.

Der Lehrermangel – in weiten Teilen hausgemacht

Die Christdemokratin verweist denn auch auf Fehler in der Vergangenheit, die sie in ihrer fünfjährigen Amtszeit habe ausbügeln müssen. Der Lehrermangel insbesondere an Grundschulen sei Planungsfehlern in der Vergangenheit geschuldet und ergo in weiten Teilen hausgemacht. In ihrer Amtszeit sei die Zahl der Studienplätze für Grundschullehrer von 1000 auf 1650 aufgestockt und seien die Schulleitungen gestärkt worden. Mit dem neu gegründeten Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) sowie dem Institut für Bildungsanalyse habe man die Lehrerfortbildung gebündelt und konzeptionell weiter entwickelt.

Systematische Demütigung von Kindern?

Auch die gebeutelten Realschulen habe sie gestärkt. Seitdem die Grundschulempfehlung nicht mehr verbindlich ist, ist die Schülerschaft an den Realschulen deutlich heterogener. Mit zusätzlichen 20 Poolstunden sollen die Lehrer das besser auffangen können. Außerdem behielt Eisenmann zwar die Orientierungsstufen in den Klassen 5 und 6 bei, in denen die Kinder entweder auf dem Grund- oder dem mittleren Niveau lernen können. Die Klassenarbeiten müssen aber alle auf M-Niveau schreiben. Damit habe Eisenmann den Niedergang der Realschulen zu verkappten Hauptschulen gestoppt, loben die einen. Damit nehme man eine „systematische Demütigung“ von Kindern in Kauf mit dem Ziel, potenziell schwächere Schüler von der Realschule abzuschrecken, schimpft hingegen Stefan Fulst-Blei, der bildungspolitische Sprecher der SPD: „Das war ihr schwerster Fehler.“

Dem Schreiben nach Gehör erteilte Eisenmann eine Absage

Mit einer ihrer ersten Amtshandlungen schaffte sie es, die Grundschullehrer vor den Kopf zu stoßen. „Richtiges Schreiben ist eine Schlüsselkompetenz, die wieder gestärkt werden muss“, mit diesen Worten erteilte sie dem Schreiben nach Gehör eine Absage. Die Kultusministerin habe damit Wertschätzung vermissen lassen ausgerechnet für die Schulart, die die Grundlagen legt, kritisiert Monika Stein, die Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Lesen, Schreiben, Rechnen – das sind die Grundlagen, auf denen der gesamte Wissenserwerb aufbaut. Wenn wir Qualität und Leistungsfähigkeit unseres Schulsystems verbessern wollen, dann müssen wir in den Kitas und Grundschulen bei diesen Grundlagen anfangen“, sagt hingegen Susanne Eisenmann. Eine Fremdsprache wird nun erst ab der 3. Klasse unterrichtet, und die Stundentafel für Deutsch und Mathematik wurde deutlich aufgestockt.

Timm Kern: „Nach der Irrfahrt kam der Stillstand“

„Eisenmann hat ihr Qualitätsversprechen nicht einlösen können“, sagt dagegen der FDP-Bildungspolitiker Timm kern. „Nach der Irrfahrt unter Grün-Rot kam der Stillstand unter Grün-Schwarz.“ Die Koalitionspartner seien zu weit auseinander in ihren Vorstellungen. Und die Coronakrise habe zutage gefördert, wie sehr Baden-Württemberg bei der Digitalisierung der Schulen hinterher hänge, sagtt Monika Stein von der GEW: „Wir haben in Deutschland zu spät gemerkt, wie wichtig das Thema für die Schulen ist.“

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