Eine Frau in Amsterdam, aber drei Personen auf der Bühne: Die Dreifaltigkeit aus zwei Männern und einer Frau steht gewiss nicht für simple Rollendarstellung. Aber darum geht es in „Amsterdam“, einem 2018 uraufgeführten Stück der israelischen Autorin Maya Arad Yasur, so wenig wie um lineare Handlungserzählung. Eine diffuse Vielstimmigkeit tönt hier gleichsam aus der Tiefe der Vergangenheit, färbt auf die Gegenwart ab, macht die Zukunft ungewisser, als sie eh schon ist. Man fällt sich gegenseitig ins Wort, korrigiert sich in den Antworten, wie was war. Und so kristallisiert sich aus dem Mit- und Gegeneinander der Sprechakte eine gegenwärtige Handlung und eine – hypothetische – Erinnerungsgeschichte mit „kriminalistischem Charakter“ heraus, sagt Christof Küster, der „Amsterdam“ an der Esslinger Landesbühne inszeniert.
Mysteriöses Ereignis
Eine Art autofiktionaler Kunstgriff hebt diese erzählerische Realität ins Leben: Es ist zunächst die Situation der Autorin, die selbst lange Zeit in Amsterdam lebte. Nur nicht, wie ihre Bühnenfigur, als Musikerin. Möglicherweise aber mit ähnlichen Empfindungen, die im Stück durch ein mysteriöses Ereignis getriggert werden: Die junge Israelin erhält eine offenbar unbezahlte Gasrechnung aus dem Jahr 1944 samt den seither angefallenen horrenden Mahngebühren.
Trauma der Nazi-Zeit
Die Jahreszahl, Gas als Stichwort des Holocaust: In der Imagination der Frau wird die Amsterdamer Gegenwart zerfurcht von der grauenhaften Vergangenheit – der nazideutschen Besetzung der Niederlande, dem Terror der SS, der Deportation der Juden, dem Verrat und der Ermordung Anne Franks. Plötzlich fühlt sich die Jüdin nicht mehr wohl in ihrer liberalen Wahlheimat, spürt Feindseligkeiten aus Alltagssituationen heraus, sieht sich ständig auf ihre Herkunft gestoßen, in eine Rolle gedrängt; etwa wenn ihre Agentin anfragt, ob sie nicht ein Requiem für im Gazastreifen getötete Kinder komponieren wolle. „Dabei“, sagt Küster, „bleibt offen, ob es sich tatsächlich um antisemitische Äußerungen handelt oder um Projektionen der Frau.“ Das Darstellertrio verkörpert ihre Unruhe, das Raunen und Rumoren einer traumatischen Zeit, die Signale in die Gegenwart nachsendet. Doch bei aller dreifaltigen Rekonstruktion von Erinnertem und Verdrängtem, bei aller Recherche, ob nun der Nachbar ein Nazischerge war: Die drei namenlosen Bühnenpersonen suchen nicht die Vergangenheit, sondern eine Gegenwart, wo jene nachbebt und Gewissheiten erschüttert. Plötzlich könnte wieder alles ganz anders, plötzlich könnte wieder Krieg sein in Europa.
Signale aus finsterer Vergangenheit
Die Premiere beginnt an diesem Montag, 4. April, um 20 Uhr im Podium 1 des Esslinger Schauspielhauses. Nächste Vorstellungen: 7., 10., 18., 27. und 31. Mai.