Um das Lebensgefühl einer Generation geht es in „Klarkommen“. Foto: Marina Buneta
In der Jungen Oper im Nord (JOiN) erarbeitet die Kompanie Backsteinhaus Produktion mit jungen Erwachsenen einen Abend über die Ängste der jungen Generation. Ein Probenbesuch.
Susanne Benda
01.06.2026 - 15:23 Uhr
Jacken, Shirts, Flaschen, Snacks. Es ist der Endspurt vor der Premiere, und auf der Probebühne der Jungen Oper im Nord (JOiN) herrscht buntes Chaos. Zwölf junge Erwachsene verbringen hier die Pausen zwischen den Proben, lebhaft geht es zu, und wer hereinschaut und nach der Frau fragt, bei der die Fäden zusammenlaufen, erhält sofort Hilfe. Wobei Nicki Liszta in diesem Fall nicht inszeniert, sondern eher koordiniert, denn „Klarkommen“ ist kein fertiges Stück, sondern eine Stückentwicklung, die erst während der Proben aus Ideen und Impulsen der Teilnehmenden entsteht.
Das Lebensgefühl einer Generation
Die Teilnehmenden: Das sind Schüler, Studierende, junge Berufstätige, verbunden durch die Lust am Bühnenspiel und ein gemeinsames Thema. In drei Gruppen haben sie unter behutsamer Anleitung Texte, Bühnengestaltung und Musik erarbeitet, bis nach und nach eine Form entstand. Es geht um das Lebensgefühl einer Generation, die mit vielerlei Ängsten umgehen muss. Klimakrise, politischer Rechtsruck, Künstliche Intelligenz, der Druck der sozialen Medien, Kriege, rasante Veränderungen: All dies beschäftigt junge Menschen, wenn sie an ihre Zukunft denken. Im schlimmsten Fall treibt es sie in eine Depression. „Sich selbst zu finden“, sagt Nicki Liszta, „ist heute schwieriger geworden, eine präzise Lebensplanung ist immer weniger möglich, und man versinkt schnell in seinen Ängsten.“ Deshalb wird im Stück der individuelle Rückzug ausgelebt und verhandelt, auch der Überforderung bietet „Klarkommen“ Raum.
Songs sind der rote Faden
Damit setzt „Klarkommen“ die Projektreihe „Paläste der Angst“ fort, bei der die Stuttgarter Kompanie Backsteinhaus Produktion seit 2024 mit dem Jungen Ensemble Stuttgart (Jes), dem Theater Rampe und dem JOiN kooperiert hat. „Angst“, sagt Nicki Liszta, „ist ein großes Thema. Was bewirkt sie in unserer Gesellschaft, was machen wir mit ihr, und welches künstlerische Potenzial können wir aus ihr ziehen?“
Stippvisite bei einer Durchlaufprobe. Man hört Akkorde von einer E-Gitarre, witzig-widerständige Handlungsanweisungen, anonymisierte biografische Details, und man sieht zwölf Menschen, die sich im Raum bewegen. Es gibt choreografische Momente, aber auch etliche Schauspielszenen, die spürbar im gemeinsamen Ausprobieren entstanden sind. Songs sind der rote Faden. Und „bei der Premiere“, sagt Nicki Liszta, „wird sicherlich noch mal alles anders“.
Es spielen und tanzen und singen: Schüler, Studierende, junge Berufstätige, verbunden durch die Lust am Bühnenspiel und ein gemeinsames Thema. Foto: Marina Buneta
„Klarkommen“ ist ein Work in Progress, und „es hat“, sagt Jele, „Zeit gebraucht, bis das Thema ganz klar war“. Jele ist seit Oktober dabei, seit den ersten gemeinsamen Materialsammlungen. So wie Alicia, die den Anfang des Projektes so beschreibt: „Es ging erst einmal darum, sich an einen Ort zurückzuziehen und seine Gefühle und Ängste wahrzunehmen.“ Auch eine Bilanz der Arbeit hat mancher und manche jetzt schon gezogen: Von gewachsenem Selbstbewusstsein und verstärkter Intuition ist dabei die Rede, von der Faszination für das Theater – und für die gewählte kollektive Arbeitsweise, bei der sich jeder aus seiner Sparte und seiner Komfortzone herausbewegen musste. Für Nicki Liszta liegt der Reiz des Stücks in der Authentizität der Darstellerinnen und Darsteller: „Ich arbeite wahnsinnig gerne mit Menschen, die noch nicht durch tausend Reflexionsprozesse hindurchgegangen sind, ich liebe diese unmittelbare Spielfreude und Ehrlichkeit.“
Die Arbeitshypothese hat dem Probenprozess nicht standgehalten
Was aber hilft gegen Zukunftsängste? Glaubt man dem Ankündigungstext auf der Homepage der Staatsoper, dann liegt Hoffnung in den Selbstheilungskräften solidarischer Gemeinschaften. Diese erste Arbeitshypothese hat den Erkenntnissen des Probenprozesses allerdings nicht standgehalten, denn was ist eigentlich mit Menschen, die nicht privilegiert, nicht weiß, nicht heteronormativ sind? Und überhaupt ist bei der Arbeit das Thema immer weiter und komplexer geworden. Mit dem Material von „Klarkommen“ ließen sich viele Abende füllen.
Das wäre allerdings für Backsteinhaus Produktion schon deshalb nicht zu schaffen, weil diese Kompanie seit Jahren die Teilhabe von sehbehinderten und blinden Menschen in ihre Arbeit einbezieht. „Unser künstlerischer Hintergrund“, sagt Nicki Liszta, „ist der Tanz, und den kann man nicht rezipieren, ohne ihn zu sehen. Diesen krassen Ausschluss einer Gruppe wollen wir nicht hinnehmen.“ Deshalb entstehen in Zusammenarbeit mit Experten Audiodeskriptionen, die bei „Klarkommen“ auch Gedanken und Gefühle einschließen, also interpretieren, was auf der Bühne passiert. „Das ist eine eigene Kunstform.“ Sagt Nicki Liszta, packt ihre Kaffeetasse und muss dringend zur nächsten Probe. Bis zur Premiere ist noch viel zu tun. Der Stresspegel ist hoch. Und wer weiß schon, mit welcher Idee und welchem Problem man bis dahin noch klarkommen muss?
„Klarkommen“ in der Jungen Oper
Backsteinhaus Produktion Die zeitgenössische Tanzkompanie wurde 2008 gegründet und ist genreübergreifend in der Stuttgarter Freien Szene aktiv. Künstlerische Leiterin ist Nicki Liszta. Vor allem mit Mitteln von Performance und Tanz bringt die Truppe aktuelle gesellschaftliche Fragen auf die Bühne.
Junge Oper 1997 vom Staatsopernintendanten Klaus Zehelein gegründet, residiert die Institution seit 2018 in der Spielstätte Nord und trägt seither den Namen JOiN (Junge Oper im Nord). Unter der Leitung von Keith Bernard Stonum und Martin Mutschler öffnet sich das Haus auch für unterschiedliche Gruppen der Stadtgesellschaft.
Klarkommen Die Koproduktion von JOiN und Backsteinhaus Produktion hat an diesem Donnerstag um 19 Uhr im Nord Premiere. Weitere Vorstellungen sind am 5. und 6. Juni sowie vom 10. bis 12. Juli. Karten: 0711/20 20 90.