Vor der Theaterpremiere Ein Kindskopf von 73 Jahren

Herbert Fritsch im Foyer des Kleinen Hauses. Foto: Lichtgut//eif Piechowski

Er will nur spielen: Herbert Fritsch, der Spaßbeauftragte des deutschen Theaters, bringt in Stuttgart „Das Portal“ von Nis-Momme Stockmann zur Uraufführung. Vor Klamauk und Klamotte schreckt der Regievirtuose nicht zurück.

Drei Theaterleute unterhalten sich über einen Jungregisseur. „Der arbeitet viel mit Laien“, sagt der erste. – „Mit betrunkenen Laien“, insistiert der zweite. „Warum nicht wie in guten alten Zeiten mit betrunkenen Profis?“, fragt der dritte.

 

Das Satz-Pingpong findet sich im „Portal“, dem neuen Stück von Nis-Momme Stockmann: ein Insiderwitz aus der Theaterkantine in einer Theaterfarce, mit der sich der 1981 auf Föhr geborene Autor weiter ins Komische wagt als je zuvor. Sonst kennt man ihn von Zeitstücken mit Hang zum leicht Grotesken, etwa dem „Imperium des Schönen“, uraufgeführt 2019 in Stuttgart, aber als Dramatiker des Absurden ist er bis jetzt nicht aufgetreten. Denn das ist „ Das Portal“: eine mit Klischees gesättigte Satire auf den Bühnenbetrieb, deren Gestus an Michael Frayns „Nackten Wahnsinn“ erinnert. Wie der Brite gibt auch der Mann von der Küste eine Liebeserklärung an die Verrücktheiten des Theaters ab und zielt aufs Lachen, bis die Wände wackeln.

Das Problem dabei trägt er schon im Namen: Geldoff

Der Intendant, so will es Stockmanns überdrehte Kolportage, kämpft um seine Vertragsverlängerung. Das Problem dabei trägt er schon im Namen: Geldoff. Elias Geldoff. Es ist „off“, das Geld, weg, verballert in unzähligen Flops, weshalb nicht nur der Chef, sondern auch das ganze Haus am Abgrund steht. Der Jungregisseur soll’s mit seiner trunkenen Laienschar retten. Ihre Aufführung muss ein Coup werden! Allerdings hat der Intendant auch Konkurrenz im eigenen Haus. In welchen Wahnsinn sich die Irren dabei treiben, sieht man am Freitag im Stuttgarter Schauspiel, wenn der Intrigenstadel uraufgeführt wird von einem Regisseur, den man mit dem gerne tief gründelnden Stockmann bisher kaum in Verbindung gebracht hat: den Oberflächenvirtuosen Herbert Fritsch, der für die Geldoff-Rolle den tollen Gastschauspieler Sebastian Blomberg gewinnen konnte.

Fritsch, warum nicht? Was auf den ersten Blick verwundern mag, stellt sich beim zweiten als reizvolle Paarung heraus. Stockmanns extreme Farce braucht einen extremen Regisseur, und das ist Fritsch, extrem vor allem in der Körperkomik, einer, dem es vor keinem Blödsinn, keinem Klamauk, keiner Klamotte graust. „Ich will, dass die Zuschauer lachen“, sagt er beim Gespräch im Theaterfoyer.

Als Schauspieler, der er von Haus aus ist, gelingt ihm das seit mehr als vierzig Jahren, als Regisseur seit zwanzig. Und wie! Er ist der Spaßbeauftragte des deutschen Theaters, der auch die nicht ganz so feinen Spielarten der Komödie rehabilitiert: Operette, Posse und Schwank, etwa „Die (s)panische Fliege“ von Arnold und Bach 2011 in der Berliner Volksbühne, in der allein die Schauspieler-Abgänge zum Brüllen waren: Mit Karacho rannten die Figuren eine Halfpipe hoch und ließen sich nach hinten ins Verborgene plumpsen, um Sekunden später – dem Trampolin sei Dank – mehrmals wieder hoch zu federn wie renitente Kasperlefiguren, die sich nicht vertreiben lassen. Saukomisch!

„Ich liebe Abgänge und Auftritte“, sagt Herbert Fritsch, „sie müssen sitzen, dann signalisieren sie dem Publikum: Hallo, hier bin ich! Und Achtung, ich bin gleich wieder da!“ Die Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie des „Portals“ müsste ihm liegen. Fritsch, der zuletzt in Basel mit dem anderen Herbert, dem Grönemeyer, eine Labiche-Komödie revitalisierte, er war nie weg und immer schon da. In einem Biotop abseits der Bühne kann man sich das Theatertier gar nicht vorstellen.

Waren die Profis wirklich betrunken?

Am Tag nach der „Portal“-Uraufführung wird Fritsch 73 Jahre alt, und nur einen kleinen Teil davon hat er nicht im Theater verbracht. Über Stationen in Heidelberg und Basel kam er in den Achtzigern das erste Mal nach Stuttgart. „Unter Ivan Nagel habe ich hier alles gespielt, was kam“, sagt Fritsch, der schon damals seine Nebenrollen zu Hauptrollen hochgrimassierte. Eine schöne Zeit sei das gewesen, aber noch schöner, wichtiger, existenziell herausfordernder war für ihn das Engagement, das von 1993 bis 2007 folgte: Er war der Protagonist der Berliner Volksbühne und wurde unter Frank Castorf zum Prototyp des alle Grenzen sprengenden Verausgabungskünstlers. Sein Spiel nahm seine späteren Regiearbeiten vorweg. Radikal komisch.

Wie die guten alten Zeiten, von denen Stockmann spricht, wirklich waren, das müsste der langgediente Fritsch wissen. Also: Wie ging’s zu? Waren die Profis betrunken und die Theater in einem einzigen – kreativen – Rausch? Mit ihm durch seine Erinnerungen zu spazieren, ist ein Vergnügen und ein Gewinn dazu, denn man glaubt, aus den Anekdoten tatsächlich das wehmütige Bedauern zu hören, dass die Theater unterm Druck des Diskurses heute regulierter und unfreier arbeiten als früher. Aber ein Grundgesetz lässt sich niemals aushebeln, darauf beharrt er: „Komik ist anarchisch und boshaft.“ Paart man sie, wie der ewige Kindskopf es liebt, mit der Freude am reinen Spiel, kann sie ein probates Mittel sein, hippe Diskurse zu unterlaufen. Fritsch jedenfalls schert sich in seinen Slapstick-Inszenierungen nicht die Bohne darum: „Ich mache kein politisches Theater, das machen die Politiker.“

Fritsch und der Schutzengel

Schule
 1951 in Augsburg geboren, wuchs Herbert Fritsch bei seinen Großeltern in der Oberpfalz auf, bevor er zu seinem Vater nach Hamburg zog. Der setzte die streng katholische Erziehung fort und schickte seinen Sohn auf eine katholische Schule. Daran hat der Theatermann keine guten Erinnerungen: „Die Lehrer sagten, der Junge ist zu dumm fürs Gymnasium.“

Glaube
 Fritsch ist längst aus der Kirche ausgetreten, aber vom Glauben nicht ganz abgefallen. „Bevor ich das Haus verlassen habe, hat meine Oma mir die Stirn mit Weihwasser besprenkelt und ihre Hände segnend um mich gelegt. Bis heute habe ich einen Schutzengel.“

Termin
 Die Uraufführung des „Portals“ findet an diesem Freitag, 19. Januar, 19.30 Uhr, im Stuttgarter Schauspielhaus statt. Restkarten eventuell an der Abendkasse.

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