Vor der VfB-Mitgliederversammlung Berthold fordert den VfB-Präsidenten heraus

VfB-Chef Wolfgang Dietrich schaut in eine ungewisse Zukunft und sieht sich Thomas Berthold (rechts) gegenüber. Foto: picture alliance / Deniz Calaganngst,

Der Weltmeister Thomas Berthold will den VfB Stuttgart in eine andere Richtung lenken als Wolfgang Dietrich, der von der Mitgliederversammlung am Sonntag abgewählt werden könnte.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

Stuttgart - Schon als Spieler galt Thomas Berthold als äußerst durchsetzungsstark und sehr hartnäckig. Allein deshalb ist sein Plan, den VfB Stuttgart von Grund auf neu aufzustellen, ernst zu nehmen – den im Weg stehenden Hindernissen in der Satzung zum Trotz. Berthold strebt das Amt eines starken Aufsichtsratsvorsitzenden an, mit einem Präsidenten an der Seite, der repräsentieren und nicht Wolfgang Dietrich heißen soll. „Ich werfe meinen Hut in den Ring“, sagt Thomas Berthold gegenüber unserer Zeitung vor der Hauptversammlung an diesem Sonntag, bei der der Antrag auf Abwahl des Präsidenten als Tagesordnungspunkt 6 auf dem Programm steht.

 

Unmittelbar vor der Versammlung ist Wolfgang Dietrich gezwungen, seine Taktik noch einmal umzustellen. Konnte er bis jetzt darauf verweisen, dass es keine erkennbare Alternative zu ihm und seiner Führungsmannschaft gebe, hat sich dieser Zustand nun grundlegend geändert.

Dietrich entspricht nicht Bertholds Anforderungsprofil eines Präsidenten

Thomas Berthold, Fußball-Weltmeister von 1990 und langjähriger VfB-Profi, kündigt an, dass er seine Bemühungen auch dann nicht einstellen werde, sollte Wolfgang Dietrich die Vertrauensfrage überstehen. Bertholds nächster Anlauf soll dann im nächsten Jahr folgen, wenn die turnusmäßige Präsidentenwahl ansteht und Wolfgang Dietrich möglicherweise erneut kandidieren wird.

„Mein Ziel ist eine nachhaltige Richtungsänderung“, sagt Berthold. „Ein Präsident muss den Verein repräsentieren, ihn zusammenhalten, gesellschaftspolitischen Ansprüchen gerecht werden und sollte außerdem nicht operativ tätig sein“, so lautet das vom 54-Jährigen formulierte Anforderungsprofil. Er meint damit, dass Wolfgang Dietrich diesem Anforderungsprofil nicht in allen Punkten entspreche.

Laut Berthold soll sich bereits eine „honorige Persönlichkeit“ bereit erklärt haben, das Präsidentenamt zu übernehmen, auch stünde ein ganzes Team hinter ihm, um wichtige Positionen zu übernehmen. Namen will er aber noch nicht nennen. „Es wäre kontraproduktiv, die Karten zu früh auf den Tisch zu legen“, sagt der ehemalige Abwehrspieler und mauert in dieser Frage. Lieber beschreibt er aus seiner Sicht den Ist-Zustand des VfB: „Gespaltene Fanlandschaft, keinerlei personelle Kontinuität, keine Identifikationsfiguren, schlechtes Image, miese Außendarstellung, nur noch eine regionale Marke.“ Das wolle er ändern, mit meinungsstarken Mitstreitern und einem erhöhten Fußballsachverstand im Aufsichtsrat.

Ajax Amsterdam dient als Vorbild

Als Vorbild nennt Berthold Ajax Amsterdam, wo die Ex-Stars Edwin van der Sar als Geschäftsführer, Danny Blind im Aufsichtsrat, Marc Overmars als Sportdirektor und U-19-Trainer Ronald de Boer an den Schalthebeln sitzen. „Komisch, dass beim VfB ehemaligen Spielern solche Posten nicht zugetraut werden“, sagt Berthold, der die klare Spielphilosophie und konsequente Nachwuchsförderung von Ajax lobt. Neben Fußballexperten kann sich Berthold im Aufsichtsrat aber auch gut einen Politiker wie den kritischen VfB-Fan Cem Özdemir vorstellen.

Im Moment ist Berthold im Stadiongeschäft tätig und entwickelt in Verona mit einem US-Konsortium unter Federführung der Firma Legends gerade eine Arena. Legends agiert weltweit als Stadionbetreiber – unter anderem in Madrid, Barcelona, Manchester und Los Angeles. Außerdem will der Hesse, der in der Nähe von Frankfurt wohnt, die zweite Mannschaft stärken und ein Frauenteam beim VfB auf die Beine stellen. Dagegen sieht er im Moment keine Notwendigkeit, neben Daimler einen zweiten Investor ins Boot zu holen: „Der Club braucht im Moment kein Geld und würde sich als Zweitligist gerade unter Wert verkaufen.“

Berthold kann auch nichts mit dem Argument von Wolfgang Dietrich anfangen, wonach dessen Abwahl Chaos bedeuten würde. „Wenn ein Club professionelle Strukturen hat, bricht doch nicht das Chaos aus, wenn eine Person nicht mehr da ist“, sagt er.

Dietrich will auch bei 74,9 Prozent Gegenstimmen weitermachen

Im Moment ist Wolfgang Dietrich aber noch sehr präsent beim VfB. Sein Selbstverständnis auch. Wie das aussieht, lässt sich mit einer Frage beantworten. „Warum das denn?“, fragt der Präsident. Ein Fan will während einer Podiumsdiskussion von ihm wissen, ob er denn sein Amt auch niederlege, wenn zwischen 50 und 75 Prozent der Mitglieder bei der Hauptversammlung gegen ihn stimmen würden. Dietrich versteht diese Frage nicht, er sei schließlich für vier Jahre gewählt worden. Das würde auch zu einer Aussage passen, die Dietrich intern gemacht haben soll, wonach er auch bei 74,9 Prozent Gegenstimmen weitermachen werde.

Ein selbst gewählter Rückzug nach drei Jahren kommt für ihn also nicht infrage. Damit ist klar, dass die Amtszeit von Wolfgang Dietrich nur dann vorzeitig beendet sein wird, wenn tatsächlich die von der Satzung vorgeschriebene Dreiviertelmehrheit der Abwahl zustimmt. Kämpferisch und entschlossen präsentiert sich Dietrich am Dienstag bei seinem letzten öffentlichen Auftritt vor der mit Spannung erwarteten Hauptversammlung. „Mich kann man nicht weichklopfen“, sagt er im Rahmen von „VfB im Dialog“ und beschwert sich über die Heftigkeit und über die teilweise ins Persönliche gehende Kritik an seiner Amtsführung.

In der Soccer-Lounge der Mercedes-Benz-Arena muss Dietrich an diesem Abend aber nicht mit Gegenwind rechnen. Die Veranstaltung findet vor handverlesenem Publikum statt. Hier kann der 70-Jährige ungestört seine Trümpfe ausspielen. Einer seiner Joker sitzt gleich neben ihm und heißt Sven Mislintat. Der neue VfB-Sportdirektor berichtet, mit wie viel Spaß die Mannschaft bei der Sache sei und dass es dem neuen Trainer gelungen sei, eine Aufbruchsstimmung zu entfachen. Tim Walter wird per Video zugeschaltet, bestätigt dies und reckt den Daumen in die Kamera. Alles bestens, so die Nachricht aus dem Trainingslager in St. Gallen Richtung Heimat.

Sven Mislintat unterstützt den Präsidenten

Man ist auf einem sehr guten Weg, dieses Bild soll sich bei den Mitgliedern vor der Veranstaltung am Sonntag festsetzen. Außerdem, so Mislintat, solle man die Vergangenheit jetzt mal ruhen lassen, nachdem sie aufgearbeitet worden sei.

„Ich habe auch Fehler gemacht“, sagt Wolfgang Dietrich im Rückblick auf die Abstiegssaison. Was von Mislintat gleich eingeordnet wird: „Wer viel arbeitet, macht Fehler.“ Das sei zwangsläufig so. In diesem Zusammenhang kündigt Dietrich eine strukturelle Veränderung an. Ein Vorstandsvorsitzender für die AG soll bald die Arbeit aufnehmen. Eine Besetzung, die der Präsident lange Zeit für nicht notwendig erachtet hatte. Robert Schäfer, der dieses Amt bei Fortuna Düsseldorf ausgeübt hat, wird als Kandidat für diesen beim VfB neu geschaffenen zentralen Führungsposten gehandelt.

Wolfgang Dietrich baut darauf, dass die vielen Veränderungen die Mitglieder überzeugen werden. Es ist ja auch noch eine fast komplett neue Mannschaft zusammengestellt worden. „Wir sind total konkurrenzfähig“, sagt Sven Mislintat.

Dennoch ist es noch nicht beschlossene Sache, ob die Mitglieder Wolfgang Dietrich erneut einen Vertrauensvorschuss geben, wie schon bei seiner Wahl zum Präsidenten und später bei der Zustimmung zur Ausgliederung. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es schließlich kaum belastbare Hinweise, ob Thomas Hitzlsperger ein guter Sportvorstand ist, Sven Mislinat seinen Vorschusslorbeeren als Kaderplaner gerecht wird und ob im sehr forschen Tim Walter der passende Trainer gefunden wurde. Sicher ist im Moment nur: Thomas Berthold fordert den Präsidenten heraus.

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