Vor der Wahl des Bundespräsidenten First Lady – zur Hälfte Präsident

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Die Erwartungen an die Rolle sind hoch und sie hat sich im Laufe der Jahrzehnte deutlich verändert. Ein Rückblick auf vergangene First Ladys und ein Ausblick auf das designierte Bundespräsidentenpaar Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender.

Walter Steinmeier und Elke Büdenbender Foto: AP 4 Bilder
Walter Steinmeier und Elke Büdenbender Foto: AP

Berlin - Darf eine First Lady einen Tornado fliegen? Sollte sie, wenn sie denn schon ein Tattoo auf der Schulter hat, dieses nicht besser mit einem Seidenfoulard bedecken? Was für eine Botschaft sendet ein Bundespräsident, der eine Frau ins Amt mitbringt, jedoch mit einer anderen verheiratet ist? Oder anders gefragt: Gehört es eigentlich zu den Bürgerpflichten in dieser Republik, für jede neue First Lady ein neues No-Go zu finden, über das dann diskutiert werden kann?

Elke Büdenbender wird sich auf diesen Teil des öffentlichen Diskurses nicht gerade freuen – als „Gattin von“ hat sich die Ehefrau Frank Walter Steinmeiers schon in der Vergangenheit nicht zuvorderst verstanden. „Frank macht seinen Job, ich mache meinen“, so beschrieb die 55-jährige Juristin einmal ihre Sicht auf das gemeinsame Leben als Paar. Im Fall von Büdenbender hieß das die Arbeit als Verwaltungsrichterin am Berliner Sozialgericht. Zwei feste Verhandlungstage im Monat, dazwischen Aktenfressen zu Hause oder im Gericht. Seit 1999 lebt die Familie in Zehlendorf und versucht, einen Alltag zu finden, der so normal wie möglich ist – wozu ein Vater gehört, der nachts von der Dienstreise nach Hause kommt und noch ein Ikea-Regal aufbaut, und eine Mutter, die die Tochter mit dem Fahrrad von der Schule abholt.

Die designierte First Lady will weiter als Richterin arbeiten

Und jetzt? Wie Elke Büdenbender als First Lady agieren wird, darüber schweigt sie bis jetzt. Das liegt nicht daran, dass nicht gefragt würde. Der „Spiegel“ wusste jedenfalls neulich, die Juristin habe im Freundeskreis klargemacht, sie wolle weiter als Richterin arbeiten. Und natürlich mit dem Duktus, der die Frage aufwirft: „Geht das?“

Man könnte auch fragen: Geht diese Frage eigentlich? Schließlich existiert der Job, der da auf die Neue wartet, laut Verfassung überhaupt nicht, was zumindest einen Vorteil haben müsste: dass man dabei nichts falsch machen kann. Aber wen das Schicksal ereilt, den zu lieben, der erster Mann in diesem Staate ist (eine andere Geschlechterkombination gab es bisher noch nicht), für den gilt nicht einmal das. Die Nichtexistenz der Tätigkeit steht im krassen Widerspruch zu den Erwartungen – und die heißen: bitte mitmachen, aber nach ungeschriebenen Regeln.

Wie das jeweilige Paar seine gemeinsame Arbeit interpretiert, hängt von der Biografie ab

Bloß wie? Natürlich eckt man auf keinen Fall an, wenn man die Rolle sehr traditionell interpretiert – ein klassisches Beispiel dafür ist Christiane Herzog. Als einzige Bundespräsidentengattin agierte sie nicht nur im Schloss Bellevue, sondern lebte auch dort – aber nicht schlossherrinnenhaft, sondern auf zugigen 90 Quadrat­metern in schlechtem Sanierungszustand. Heute gibt es die Wohnung überhaupt nicht mehr, die Residenz liegt in einer Villa in Dahlem. Die ausgebildete Hauswirtschaftslehrerin Herzog machte aus der Not eine Tugend, ließ sich in der Schlossküche blicken wie eine bodenständige Gastgeberin und gab ein Kochbuch zugunsten ihrer Stiftung für an Mukoviszidose erkrankte Kinder heraus und posierte dafür mit ihrem gepflegten Silberhaar an den dicken blauen Hortensienbüschen im sommerlichen Schlossgarten. Das Engagement für Mütter und Kinder – mit dem Müttergenesungswerk und Unicef – gehört zu den tradierten Tätigkeiten der Bundespräsidentengattin, so wie ein jeweils eigener Schwerpunkt, oft aus dem Gesundheitsbereich, im unpolitisch-karitativen Sinne.

Aber dieses „comme il faut“ ist, wenn man genauer hinschaut, nur eine Möglichkeit, Präsidentengattin zu sein. Denn zweierlei lässt sich über die fast sieben Jahrzehnte der Republik beobachten: Die Rolle der First Lady hat sich auch, aber nicht nur mit der gesellschaftlichen Entwicklung verändert, es ist möglich, auch diesen Teil der Präsidentschaft persönlich zu prägen. Und wie das jeweilige Paar seine gemeinsame Arbeit interpretiert hat, hing oft schlicht von biografischen Gegeben­heiten ab – ganz wie bei Müllers oder Maiers auch.

Theodor Heuss zog mit seiner Schwägerin Hedwig Heuss in die Villa Hammerschmidt

Theodor Heuss zum Beispiel, nicht Joachim Gauck, war der erste Bundespräsident mit einer Frau an der Seite, mit der ihn kein Trauschein verband. Nach dem Tod seiner Gattin Elly Heuss-Knapp 1952, also zwei Jahre nach Amtsantritt, zog – sagen wir: umständehalber – Hedwig Heuss um in die Bonner Villa Hammerschmidt. Sie war die Witwe von Heussens verstorbenem Bruder Ludwig aus Heilbronn und nahm die Aufgabe der First Lady wohl als Pflicht – im Alter von 70 Jahren. Im Heilbronner Stadtarchiv finden sich die Aufzeichnungen von Hedwig Heuss, die zwar aus protokollarischen Gründen den Bundespräsidenten nicht auf Auslandsreisen begleitete, aber dem Präsidenten jeden Tag einen frischen Anzug rauslegte und die Gäste in Bonn empfing.

Wie seltsam das offizielle Gedächtnis mit dieser Frau umgeht, das wirft dann allerdings doch die Frage nach geistiger Verkrustung auf: Hedwig Heuss kommt in der Erinnerung nicht vor, auch nicht auf der Website des Bundespräsidialamtes.

Bettina Wulff oder Christina Rau – jede interpretiert seine Rolle anders

Manchmal wäre vielleicht weniger Erinnerung mehr. Bettina Wulff wird durch einige Dinge im Gedächtnis bleiben: Dazu gehört die Art und Weise, in der sie Eigenständigkeit demonstrierte – nämlich am Tage der Rücktrittserklärung ihres Mannes, als sie eine so demonstrative körper­liche Distanz einnahm, dass die nahende Trennung für jeden Beobachter zu spüren war. Wenig später klagte sie in einem Buch über eine fehlende Dunstabzugshaube in der Dienstvilla, das geringe Nettogehalt des Präsidenten und den Verlust der Eigenständigkeit an der Seite ihres Mannes. Bei Amtsantritt klang das anders. Eins jedenfalls war die PR-Fachfrau stets: offenherzig.

Anders Christina Rau, die schon als „Landesmutter“ in Nordrhein-Westfalen erkannt hatte, dass man mit einer Sache keinen Fehler machen kann: Zurückhaltung. Die galt als ihr Markenzeichen, interessant ist aber, was dahinter möglich wurde. Rau, 25 Jahre jünger als ihr Mann und Mutter von drei damals halbwüchsigen Kindern, vermochte es, ihren Job zu politisieren – über ihre Aufgabe als Unicef-Schirmherrin. Wo Vorgängerinnen sich auf karitative Aspekte konzentriert hatten, ging Christina Rau weiter. Sie flog in einem Tornado mit, um Mädchen Mut zu machen, Pilotin zu werden. Sie stellte sich mit einem Minensucher auf ein Feld in Kambodscha, besuchte ein Projekt gegen Kinderhandel in Benin, sprach mit Kindersoldaten in Sierra Leone. Sie sprach nicht nur über die Kinder, sondern über die Kriege, die diese zu Opfern gemacht hatten, über sexuelle Ausbeutung, darüber, dass jeder fünfte Jugendliche in Südafrika sein 25. Lebensjahr nicht erreichen würde – wegen HIV.

Das Präsidentenpaar kann doppelte Schwerpunkte setzen – wenn es will

Und weil sie so sachlich und beharrlich und firstladylike war, konnte sie zum Ende der Amtszeit eine ziemlich offene Bilanz über dieses seltsame Amt ziehen, das offiziell keines ist: „Ich habe mal scherzhaft ­gesagt, ich könnte mir eine ,shared presidency‘ vorstellen. Natürlich gibt es Schwerpunkte bei der Tätigkeit der Ehefrau des Bundespräsidenten, die ähnlich wichtig sind wie das, was der Bundespräsident tut. Sie nutzt zu verschiedenen Gelegenheiten die abgeleitete Autorität. Praktisch nimmt sie mitunter auch Aufgaben für den Bundespräsidenten wahr.“ Im Grunde formuliert sie den einzigen Vorteil, den man aus der wachsweichen Rollendefinition ziehen kann: Dem Präsidentenpaar steht die Möglichkeit offen, doppelte Schwerpunkte zu setzen. Daniela Schadt stellte zum Beispiel in den vergangenen fünf Jahren die Chancengerechtigkeit von Jugendlichen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit.

Elke Büdenbender wird nach der Wahl ihres Mannes am Sonntag ihr Rollenverständnis definieren. Vielleicht bleibt sie Richterin, vielleicht gibt sie wie die Journalistin Daniela Schadt den Job auf, weil er sich als inhaltlich nicht vereinbar mit dem Amt des Partners erweist. Und irgendwann wird es vielleicht mal ein Mann sein, der als Erster in der Rolle des First Husband zeigt, dass in Wirklichkeit gar nichts so festgeschrieben ist, wie es immer schien.