Vor der Wahl Wir alle wissen längst genug
Ein Besuch im Jüdischen Museum in Berlin zeigt uns, was gezeigt werden muss. Aber dann liegt es an uns, die Schlüsse daraus zu ziehen, meint unser Kolumnist.
Ein Besuch im Jüdischen Museum in Berlin zeigt uns, was gezeigt werden muss. Aber dann liegt es an uns, die Schlüsse daraus zu ziehen, meint unser Kolumnist.
Endlich haben wir es mal geschafft, beim Kurztrip nach Berlin die neue Dauerausstellung im Jüdischen Museum in Augenschein zu nehmen. So neu ist die nämlich längst nicht mehr; seit Sommer 2020 sind die zwei Etagen an der Lindenstraße in Kreuzberg neu bespielt. Aber immer, wenn wir vorbeischauen wollten, schreckte uns die ellenlange Warteschlange vor der Eingangstür ab. Die hat im übrigen zwei Gründe: Zum einen ist das Jüdische Museum jeden Tag sehr gut besucht. Zum anderen gibt es beim Eintritt ein mehrstufiges Sicherheits- und Kontrollsystem. Das eine ist schön. Das andere bezeichnend.
Ist man drin, geht es für alle Besucher noch immer zunächst mal in den Keller. Der Neubau von Daniel Libeskind mit seinen zickzackförmigen, kahlen Betongängen und seinen wenigen, aber genau gesetzten Schauobjekten bleibt eine erschütternde Erfahrung. Danach aber geht es hinauf in die Ausstellung. Und obwohl der Titel „Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland“ gewaltig klingt, fühlt man sich hier niemals überfordert. Hell, licht, abwechslungsreich, überraschend werden die Kapitel über Religion und Kultur, Politik und Gesellschaft entfaltet: weniger Vitrinen, mehr Stationen und Bühnen. In kleinen Kuschelnischen kann man sakrale Musik hören. Wunderbar.
Ja, die Schrecknisse und Abgründe der Judenverfolgung quer durch alle Zeiten werden beim Namen genannt. Aber es geht vor allem um den Reichtum einer Kultur; ihre Vielfalt und Farbigkeit. Es gelingt, was andernorts seltener gelingt: die jüdische Geschichte nicht als ewige Untergangsgeschichte zu erzählen und Juden nicht immer als diejenigen zu zeigen, die nicht nur auf unseren Schulhöfen mit dem Etikett „Du Opfer“ doch wieder ausgegrenzt werden.
Sprachlos steht man dann aber doch vor einer ewig langen Reihe von der Decke herab hängender Stoffbahnen, auf denen Gesetz für Gesetz, Verordnung für Verordnung jeder einzelne Schritt zur gesellschaftlichen Ausgrenzung von Juden nach dem 30. Januar 1933 aufgeführt ist. Es verging eigentlich kaum eine Woche, in der nicht im Großen wie im Kleinen den jüdischen Nachbarn in Deutschland irgendetwas genommen wurde; sei es das Recht, Professor zu sein; sei es das Recht, eine Apotheke zu besitzen; sei es das Recht, Silberbesteck zu benutzen; sei es das Recht, Zeitung zu lesen.
Und wer je daran gezweifelt hat, dass die deutsche Verwaltung stets nach Vollkommenheit strebt, steht diesbezüglich belehrt vor einem der letzten Einträge: Im November 1944 wird Juden verboten, „Spaziergänge“ zu unternehmen. Als wenn im November 1944 irgendwo in Deutschland ein noch am Leben seiender Jude . . . ach, es ist schlicht zu blöd, diesen Satz hier zu Ende zu führen.
Aber genau das ist es ja: Es ist längst alles Nötige gesagt. Es ist dokumentiert. Es ist zu lesen. Es ist zu hören. Es ist zu sehen. Wir wissen es. Und jeder, der es nicht weiß, der weiß es nicht, weil er es nicht wissen will. Das große Klagelied, die Politik sei schuld, wenn am Sonntag dieser oder jener Unrat in Deutschland gewählt wird, es zielt ins Leere. Die Bürger wählen. Und das sind wir.