Der bekannte Stuttgarter Schauspieler Walter Sittler äußert sich kurz vor seinen Gastspielen in Fellbach über Heinrich Heine, Erich Kästner, Donald Trump und seine Fernsehkarriere.

Im Remstal war er schon oft zu Gast, sei es in Schwäbisch Gmünd, Waiblingen oder vor allem in Fellbach (Rems-Murr-Kreis). Demnächst ist er wieder am Fuße des Kappelbergs zu sehen – und vor allem zu hören: Walter Sittler, einer der bekanntesten Schauspieler der Republik und Publikumsliebling, präsentiert auf Einladung der Kulturgemeinschaft Fellbach (KGF) am 21. September ein Programm mit Werken von Heinrich Heine. Christa Linsenmaier-Wolf, Literaturexpertin und Vorsitzende der KGF, hat aus der Fülle des Materials Gedichte, Briefstellen und andere Texte ausgewählt. Im Interview mit unserer Redaktion äußert sich der in Chicago geborene 72-Jährige zu Heine, Kästner, zum baldigen Aus als „Der Kommissar und der See“ – und auch zu Amerika unter Trump.

 

Herr Herr Sittler, man hört, dass Sie in letzter Zeit öfter in Fellbach am Fuße des Kappelbergs beobachtet wurden?

Na, ob ich dort wirklich jemandem aufgefallen bin, weiß ich nicht. Aber ich war tatsächlich zwei Mal bei Frau Linsenmaier-Wolf, um das Heine-Programm vorzubereiten: Was wollen wir nehmen, wann kommt die Musik unseres jungen Akkordeonisten dazu, wo passt sie eher nicht? Welche Gedichte triggern wir an und lesen sie erst später.

Am bekanntesten ist sicher „Denk ich an Deutschland in der Nacht“.

Das kennen die meisten, oder Belsazar kennen auch viele. Aber ich mag vor allem dieses kleine Gedicht, auf das auch der Kabarettist Georg Schramm in einem seiner Programme Bezug nimmt. Da beschreibt Heine den heutigen Zustand in zwei Vierzeilern. Ausgangspunkt war ein Interview in der New York Times mit dem US-Investor Warren Buffet, der gefragt wurde, was denn der zentrale Konflikt unserer Zeit sei. Und dann war der ganz erstaunt: „Warum fragen Sie das, ist doch völlig klar, das ist der Krieg reich gegen arm, und wir, meine Klasse, wir haben diesen Krieg begonnen und wir werden ihn auch gewinnen.“ Und dann zitiert Georg Schramm die beiden Verse von Heines Gedicht „Weltlauf“: „Hat man viel, so wird man bald noch viel mehr dazu bekommen. Wer nur wenig hat, dem wird auch das wenige genommen. Wenn du aber gar nichts hast, ach, so lasse dich begraben – Denn ein Recht zum Leben, Lump, haben nur, die etwas haben.“ Und das war 1851, vor fast 200 Jahren, und gilt unverändert. Es hat sich nichts geändert. Als die soziale Marktwirtschaft noch funktionierte, so bis Mitte 1980, bevor Kohl und seine Neoliberalen vieles eingerissen haben, da hat es einigermaßen funktioniert, aber jetzt sind wir genau dort. Und bei uns geht’s noch gut, in Amerika ist es viel schlimmer.

Dorthin haben Sie ja noch beste Kontakte als gebürtiger Amerikaner, oder?

Ich lese natürlich in der Zeitung, was los ist, und einer meiner Brüder lebt noch dort. Die haben gedacht, das wird nicht so schlimm werden, aber es ist noch viel schlimmer geworden. Und die Beliebtheitswerte von Trump sind zwar nicht mehr hoch, aber es nützt nichts. Er hat diese ganze radikale Basis. Das sind nicht so viele, aber es reicht, wenn es 15 bis 20 Prozent sind, das ist ja in Deutschland nicht anders, die mobilisiert er und die bringen das Land an den Rand des Zusammenbruchs. Aber das müssen die Amerikaner lösen, da können wir nichts machen.

Für Sie jetzt, dass Sie sagen, ich reise jetzt mal wieder rüber, zu Ihrem Bruder, oder lassen Sie eher die Finger davon?

Was, nach Amerika, jetzt? Nein, das kommt derzeit nicht in Frage. Amerika ist zweifellos weiterhin ein tolles Land, keine Frage, das sind auch tolle Leute. Aber im Moment ist es kein wirkliches Vergnügen, weil man gar nicht weiß, wo man landet am Ende des Tages. Aber ich hatte den Besuch auch gar nicht geplant, deswegen habe ich auch keinen Anlass, darüber nachzudenken.

Walter Sittler in seinem Kästner-Programm. Foto: André Albrecht (cf)

Demnächst sind Sie also mit Heine in Fellbach – und auf dem Programmheft für die neue Theatermiete in der Schwabenlandhalle sind Sie ebenfalls mit Foto abgebildet.

Ja, im März 2026 kommen wir mit „Gestatten, Kästner!“ Das Programm haben wir vor zwei Jahren sozusagen runderneuert und zudem eine Sängerin eingebaut, die Kästner-Gedichte in neuen Kompositionen von Libor Sima im Stil der 1920er und anfänglichen 1930er Jahre vorträgt. Das ist ein sehr politischer Abend, weil Erich Kästner ein sehr politischer Satiriker war, das wissen die meisten gar nicht, die denken, das ist ein Kinderbuchautor. Und da schlackern einem auch die Ohren, weil man denkt, das kann doch nicht sein, was der vor 100 Jahren geschrieben hat – das ist heute noch aktuell.

Sie haben gesagt, Sie haben jetzt erstmals eine Sängerin dabei. Wie gut kennen Sie die?

Die kenne ich sehr gut. Bisher waren es sechs Musiker und ich, und nun sind es sechs Musiker, eine Sängerin und ich. Und diese Sängerin, die ist zufällig meine Tochter, das hat der Regisseur Martin Mühleis sich so gewünscht, und die macht das wunderbar. Sie ist erwachsen, Mitte 30 – es ist also nicht so, dass ich neben meiner Tochter stehe und denke, Oh Gott, hoffentlich geht das gut. Sondern ich muss schauen, wo ich bleibe, so gut ist sie.

Ihre Sängerin wohnt aber nicht hier in der Nähe?

Nein, die wohnt in Göteborg. Sie ist vor vielen Jahren nach Schweden gegangen und ist auch Schwedin geworden und lebt in Göteborg.

Passt die Größe? Walter Sittler probiert seine neuen Schuhe für die nächste Bühnenrolle. Foto: André Albrecht (cf)

Apropos Schweden: Vor zwei Jahren bei unserem letzten Interview haben wir auch über „Der Kommissar und der See“ gesprochen und Sie meinten, ja, also ich habe noch zwei Folgen, und dann ist Schluss. Gilt das noch?

Der Stand ist so geblieben. Der vierte Film wird diesen Herbst noch gezeigt. Den fünften und letzten machen wir jetzt im Herbst neu, der kommt dann nächstes Jahr. Und dann geht der Kommissar in Rente.

Auf Ihren Wunsch?

Auf meinen Wunsch, ja. Das sind dann, mit dem Kommissar am Meer in Schweden, insgesamt 34 Filme. Es war wirklich schön, dass wir das gemacht haben. Dieser Ausklang hier am Bodensee ist auch schön. Aber dann ist auch gut.

Mit Ihren 72 Jahren haben Sie jedenfalls noch ganz gut zu tun, oder?

Ich habe allen für dieses Jahr gesagt: Leute von Mai bis September mache ich fast nix. Meine Frau Sigrid Klausmann und ich, wir haben eine kleine Dokumentarfilmproduktionsgesellschaft, und unser neuer, 95-minütiger Dokumentarfilm „Girls Dont’ Cry“ über sechs junge Frauen in sechs Ländern läuft jetzt auf vielen Festivals, da haben wir schon über 20 Einladungen, im Frühjahr 2026 kommt er dann in die Kinos, und das ist ein Haufen Arbeit. Deswegen war ich froh, dass ich mir diese Zeit frei gehalten habe. Meinen Beruf, den habe ich mal ein bisschen hinter den Vorhang geschoben. Ob ich so viel arbeiten möchte wie zum Beispiel vor zwei Jahren, da war’s sehr viel, weiß ich nicht. Es ist sicher schön, wenn man gemocht wird, wenn man eingeladen wird, aber auch anstrengend. Und dann muss man schauen: Was mache ich mit der mir verbleibenden Zeit, von der ich nicht weiß, wie lang sie ist? Wir haben jetzt ein Enkelkind in Schwäbisch Hall, und das sind alles so Dinge, die mich locken.

Eine Frage noch an Sie als weithin bekannten Stuttgart-21-Gegner. Ich bin kürzlich extra mit der Stadtbahn auf der Fahrt von Stuttgart nach Fellbach an der Haltestelle Staatsgalerie ausgestiegen, um das neue, bald fertige Südportal, also den neue Eingang zur Abfahrtshalle mit dem Glasdach drüber, anzuschauen. Bei allem Ärger über den neuen Tiefbahnhof 21 haben Sie sich das wohl noch nicht angeguckt, oder?

Aber natürlich war ich schon dort, ich schau mir bei Stuttgart 21 immer alles an und beobachte die aktuellen Veränderungen. Ob das jetzt ein Meilenstein ist, das kann jeder beurteilen wie er will, es ist halt ein Eingang zum Bahnhof. Die Betreiber wissen, dass so viel schiefgelaufen ist und schiefläuft, da muss man natürlich, wenn mal etwas gelingt, es über den grünen Klee loben. Ich bin deshalb so leidenschaftlich, weil ich selber sehr viel Bahn fahre und unverändert ein sehr überzeugter Bahnfahrer bin, egal ob der Zug sich oft verspätet oder auch mal nicht.

Erfolgschauspieler aus Stuttgart

Herkunft
Walter Sittler wird am 5. Dezember 1952 in Chicago geboren. Seine Familie zieht sechs Jahre später nach Deutschland. Als Schauspieler ist er mehrere Jahre am Stuttgarter Staatstheater aktiv, mit TV-Serien wie „Nikola“, „Girl Friends“ oder „Der Kommissar und das Meer“ wird er bundesweit bekannt.

Gastspiele
Im Rahmen der Reihe „Jüdisch und deutsch“ der Kulturgemeinschaft Fellbach ist er am Sonntag, 21. September, um 18 Uhr im Uhlandsaal der Schwabenlandhalle mit einem Abend über Heinrich Heine zu erleben. Karten gibt’s beim i-Punkt Fellbach, Telefon 0711 / 58 00 58. Am 18. und 19. März 2026 präsentiert er im Hölderlinsaal der Schwabenlandhalle das Programm „Gestatten, Kästner!“