Vor ihrem Ende lässt die Noverre-Gesellschaft noch einmal tanzen Viele Anfänge und eine Auflösung

Von Andrea Kachelrieß 

Als hätten sie die Auflösung der Noverre-Gesellschaft geahnt: Sehr melancholisch grundiert sind die zehn Ballette, die junge Nachwuchs-Choreografen am Mittwoch im Schauspielhaus vorstellten.

Louis Stiens, Maria Andrés Betoret, Vittoria Girelli und Agnes Su in „Arpatruf“ von Shaked Heller Foto: Stuttgarter Ballett 10 Bilder
Louis Stiens, Maria Andrés Betoret, Vittoria Girelli und Agnes Su in „Arpatruf“ von Shaked Heller Foto: Stuttgarter Ballett

Stuttgart - Unbeschwerte Jugend? War mal! In wissenstechnisch optimal vernetzten Zeiten mag kein junger Mensch mehr leben, als gäbe es kein Morgen und kein Gestern. Das ist zumindest der Eindruck, den die jüngste Generation der Noverre-Choreografen am Mittwoch im ausverkauften Schauspielhaus vermittelte. Wer also dachte, dass da auch auf der Bühne eine fröhliche Party zum 60. Geburtstag der Noverre-Gesellschaft abgeht, der lag daneben. Trauern um den Weltfrieden, wüten gegen den Tod, der Menschen zu früh aus dem Leben reißt, zweifeln an der Kraft der Liebe: dass man nach zweieinhalb Stunden dennoch heiter den Saal verließ, lag am choreografisch hohen, tänzerisch umwerfend umgesetzten Niveau aller zehn Uraufführungen; zudem hatte man tatsächlich das ein oder andere richtig tolle Tanzstück erlebt.

Ein Paar zwischen Hoffen und Bangen zeigt Adrian Oldenburger in „It’s what you make of it“: Ein Mann erhebt sich vom Krankenbett, schöpft Kraft aus der Liebe für einen letzten Tanz mit der Frau seines Lebens, um doch am Boden zu enden. Seufzendes Cello, klagendes Klavier, das ist der Sound des Abends. Dem Jubilar wünschte man da noch eine frohere Zukunft: Dass die Noverre-Gesellschaft am Tropf hängt und um Verjüngung ringt, war bekannt. Doch wer die stellvertretende Vorsitzende Sonia Santiago erlebte, die charmant in den Abend einführte, und wer die Grußworte all der Großen las, die hier von Neumeier bis Goecke, von Kylián bis Spuck mal klein angefangen haben, der kann sich das Stuttgarter Ballett ohne Noverre nicht denken.

Ende des Jahres soll Schluss sein

Und doch: In ihrer letzten, außerordentlichen Sitzung am 8. Mai hat die Noverre-Gesellschaft mit den Stimmen von 28 der 36 anwesenden Mitglieder ihre Auflösung bis zum Ende des Jahres beschlossen – und das just am Tag nach der Premiere des Choreografen-Abends offiziell verkündet. In den Reihen der Mitglieder fand sich niemand, der auf den kranken Vorsitzenden Rainer Woihsyk folgen, der Sonia Santiago entlasten wollte, die seit mehreren Jahren intensiv, aber ehrenamtlich Vereinsarbeit und Organisation der Choreografen-Abende managt.

Um die Bedeutung von Noverre für das Stuttgarter Ballett zu verstehen, reicht ein Blick auf dessen jüngsten Uraufführungsreigen die „Fantastischen Fünf“: Jeder der fünf Choreografen gab hier sein Debüt. Entsprechend aufmerksam verfolgte am Mittwoch auch der designierte Intendant Tamas Detrich eine neue Generation von Talenten – und ist fest entschlossen, diese weltweit vielfach kopierte Einrichtung zu retten, indem er sie direkt bei der Kompanie ansiedelt: „Der Name Noverre sowie der Sinn und Geist dieses Unterfangens würden auf alle Fälle erhalten bleiben“, sagt Detrich, jeder solle sich ausprobieren und experimentieren dürfen.

Neue Entdeckung: Shaked Heller

Was und wen Tamas Detrich am Mittwoch unter der jüngsten Noverre-Generation entdeckte, bleibt abzuwarten. Ziemlich sicher dürfte jedoch ein Wiedersehen mit Shaked Heller sein. Der aus Israel stammende Stuttgarter Gruppentänzer machte nicht nur das von seinem Kollegen Kirill Kornilov für ihn choreografierte Solo „One“ zum Hingucker. Er war als Tänzer auch an „Nachtstück“ beteiligt, das der Wiener Solist Andreas Heise zudem für Jason Reilly und Daiana Ruiz gestaltete: Wie sich da aus einem autistischen Wiegen kraftvolle Tanzmomente entwickelten, wie Energie von einem zum anderen und in den Raum floss, war schon richtig große Kunst.

Aber nicht nur als Tänzer, vor allem auch als Choreograf wusste Shaked Heller das Publikum zu bannen: Viel Applaus gab es für sein eigenes Stück „Arpatruf“, das zu elektronisch verfremdeten Tropfgeräuschen Louis Stiens zwischen vier Kolleginnen platziert, um dann die Tänzer diese ungewöhnliche Konstellation in ebenso ungewöhnlichen, kurzhosigen Anzügen mit peitschenden Armbewegungen immer wieder aufbrechen zu lassen.

Noverre als Sprungbrett

Bereits zum dritten Mal nutzt Aurora de Mori die Noverre-Plattform und lässt in „Quintessenz der Vielfalt“ drei Musiker und zwei Tänzerpaare, klassisch zart fließende Anmut und moderne, gegen Widerstände agierende Dynamik aufeinandertreffen. Zum ersten Mal ist Jessica Fyfe dabei und hält sich in ihrem Debüt „Entropy“ mit zwei Paaren an die Neoklassik Balanchines, die sie immer wieder schön aus der Balance bringt. Fast zu viel Aktion für die traurigen Lieder von Ornella Vanoni packt Alessandro Giaquinto in „Alba Mendax“, wenn fünf Tänzer mit starken Gesten und sich windenden Körpern vom Werden und Vergehen der Liebe erzählen. „When Tears Fall“ heißt der Pas de deux, den der Wiener Tänzer Martin Winter sich für seine Stuttgarter Kollegen Miriam Kacerova und Roman Novitzky ausgedacht hat. In projizierter Großstadthektik schaffen die beiden als Paar in ihrer Begegnung eine ruhige Gegenwelt, und verlieren sich doch wieder.

Tränen verdient hat mit Sicherheit auch das Ende der Noverre-Gesellschaft, die seit 60 Jahren die Arbeit des Stuttgarter Balletts begleitet. Nicht nur nach Wien hat sich herumgesprochen, dass ein Noverre-Abend ein tolles Sprungbrett sein kann, auch der Zürcher Ballettchef Christian Spuck weiß das aus eigener Erfahrung und schickt seine choreografische Entdeckung Filipe Portugal nach Stuttgart. Wie der einen Tänzer in immer neuen Verschlingungen drei Frauen, unter ihnen Alicia Amatriain, begegnen lässt, ist elektrisierend ins und aus dem Dunkel gestaltet.

Noverre steht auch 2019 im Spielplan

Am Ende dieses in jeder Hinsicht melancholisch grundierten Abends bleibt also nur die Hoffnung. Dass diese auch auf der Ballettbühne zuletzt stirbt, zeigen zwei Gäste von Gauthier Dance: Mit kämpferischen Gesten und wehenden Hemden stürzen sich David Rodriquez und Luke Prunty in dem von beiden selbst choreografierten Duett in ein Flucht- und Heimwehlied von Pau Casals und verkünden „Peace, Peace, Peace!“.

Noverre ist tot? Es lebe Noverre! Tamas Detrich hat in seinem neuen Spielplan den 5. und 6. Juni 2019 dafür reserviert.