Vor Kundgebung in Stuttgart „Wirkt total verrückt“ – Warum eine Studentin Proteste in Serbien unterstützt

Lena (links) zeigt sich mit den Protesten in Serbien (oben rechts) unter anderem bei Kundgebungen in Stuttgart (unten rechts) solidarisch. Foto: privat, Marko Drobnjakovic/AP/dpa, Valentin Schwarz

Auch in Stuttgart protestieren Menschen gegen die serbische Regierung – darunter die 23-jährige Lena. Was sie dabei antreibt und welche Erfahrungen sie selbst in Serbien gemacht hat.

Volontäre: Valentin Schwarz (vas)

Serbien, das ist für Lena das Land der Sommerferien. Geboren und aufgewachsen ist die 23-Jährige im Raum Stuttgart. Doch die Augustwochen verbrachte Lena in ihrer Kindheit meist auf der Balkanhalbinsel, im Herkunftsland ihrer Eltern. Noch heute besucht sie in Serbien häufig Freunde und Familie. Lena, die in Leinfelden-Echterdingen wohnt und in Tübingen studiert, spricht von einer „zweiten Heimat“.

 

Zu ihrem serbischen Bekanntenkreis gehören einige der Studierenden, die in der südosteuropäischen Nation ausdauernd gegen die Regierung von Präsident Aleksandar Vučić demonstrieren. Lena selbst unterstützt die Bewegung nach Kräften von Deutschland aus. „Alles andere könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren“, sagt sie.

Hunderttausende demonstrieren in Serbien gegen Regierung

Seit Monaten schwappt eine Protestwelle durch Serbien. Am 1. November 2024 stürzte in Novi Sad im Norden des Landes das Dach eines Bahnhofs, 16 Menschen kamen dabei ums Leben. Aus Wut über die mangelnde Aufarbeitung der Katastrophe begannen Studierende in mehreren Städten, Universitäten zu blockieren.

Die Proteste richteten sich ausdrücklich gegen die politische Führung des Landes. Präsident Vučić und dessen Fortschrittspartei (SNS) machten die Studierenden für autokratische Tendenzen und grassierende Korruption verantwortlich. Damit trafen sie einen Nerv, Hunderttausende schlossen sich der Bewegung an. Obwohl die Regierung repressiv gegen Demonstrierende vorgeht, sind die Proteste bis heute nicht abgeflacht.

Serbische Diaspora kommt in Stuttgart zusammen

Die Ereignisse bewegen nicht nur die Menschen in Serbien selbst, sondern auch jene, die das Land einst verlassen haben oder die – wie Lena – die Nachfahren serbischer Auswanderer sind. So findet auf dem Stuttgarter Schlossplatz am 1. November um 11.30 Uhr eine Gedenkfeier für die Opfer von Novi Sad statt, genau ein Jahr nach der Bahnhofskatastrophe.

„Die Diaspora gilt oftmals als blind für politische Entwicklungen“, erzählt Lena. Doch wie groß die Solidarität hierzulande ist, zeigte spätestens eine Kundgebung in Stuttgart im April. Auf dem Marienplatz empfing damals eine jubelnde Menge serbische Studierende, die per Radtour auf die Proteste aufmerksam machten.

Studentin kritisiert deutsche Berichterstattung über Serbien

Auch Lena war an diesem Tag vor Ort. Dass nicht-serbische Freunde sie dabei begleiteten, war kein Zufall. Denn die 23-Jährige unterstützt die Proteste vor allem dadurch, dass sie Bekannten in Deutschland davon erzählt. „In meinem Freundeskreis wissen alle, was da unten abgeht“, sagt Lena.

Das sei nicht selbstverständlich. Schließlich spiele Serbien in der deutschen Berichterstattung keine große Rolle, kritisiert Lena. „Es kommt einem manchmal vor, als ob das Land gar kein Teil Europas wäre.“ Dabei sei der Mut der Studierenden enorm beeindruckend. „Sie opfern nicht nur ihr Studium, sondern auch ihre eigene Sicherheit“, sagt Lena.

Deutsche Studentin spürt Repressionen in Serbien

Sie selbst war zuletzt im August in Serbien. In Kraljevo, der Heimatstadt ihrer Mutter, nahm Lena an einer Demonstration teil. „Da gab es keine Polizeiausschreitungen.“ Dennoch habe sie das Ausmaß der Repressionen gespürt.

Lena erzählt von einem befreundeten serbischen Studenten, dessen Bild nach einer Demonstration auf einer lokalen Nachrichtenseite gelandet sei. „Dort wurde er als eine Art Volksverhetzer oder Hooligan charakterisiert“, schildert sie. Ein Schock für die deutsche Studentin: „Solche Dinge machen einem Angst, das wirkt von hier aus total verrückt.“ Ihren Nachnamen will sie deshalb nicht in der Zeitung lesen.

Protest vereint Menschen in Serbien und in Stuttgart

Dennoch hat es Vučićs Regierung bislang nicht geschafft, die Proteste zu unterdrücken. Im Gegenteil: Längst schließt die Bewegung nicht mehr nur Studierende ein, sondern zieht sich quer durch die Gesellschaft. Auch nationalistische Gruppen wirken inzwischen mit. Das ist für Lena allerdings kein Grund, ihre Solidarität aufzugeben: „Diese Strömungen gehen nicht von den Studierenden aus und sind bei weitem nicht die Mehrheit in der Bewegung.“

Umgekehrt sieht sie in den Protesten eine Chance, gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden. Lena wird emotional, wenn sie über die bosniakischen Muslime aus der Provinz Sandžak spricht. Die Minderheit hat im christlich-orthodox dominierten Serbien seit langem einen schweren Stand, bis hin zu Massakern. Nun haben sich einige Muslime aus dem Sandžak den Protesten angeschlossen. In Großstädten wie Belgrad oder Novi Sad seien sie von Christen begeistert empfangen worden, sagt Lena.

Nicht nur in Serbien (links), sondern auch in Stuttgart bringt der Protest Menschen auf die Straße, wie hier im April 2025 auf dem Marienplatz. Foto: Marko Drobnjakovic/AP/dpa, Valentin Schwarz

Ein solches Gemeinschaftsgefühl spüre sie auch bei Kundgebungen in der Diaspora. Trotz des traurigen Anlasses erzählt sie von positiven Erfahrungen: „Ich finde es sehr schön, wenn dabei Menschen mit verschiedenen politischen Ausrichtungen zusammenkommen und sich einig darüber sind, dass es zu Veränderungen kommen muss.“ Das dürfte auch am 1. November auf dem Schlossplatz wieder der Fall sein.

Infos zur Gedenkfeier in Stuttgart:

  • Datum: 1. November, 11.30 Uhr
  • Ort: Herzog-Christoph-Denkmal, Schlossplatz, Stuttgart
  • Ausrichter: Bürgerinitiative für Demokratie, Gerechtigkeit und Solidarität in Serbien
  • Programm: 16-minütige Schweigeminute für die 16 Opfer von Novi Sad, Fotoausstellung über die Proteste

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