Vor mehr als 70 Jahren in die USA ausgewandert Eine Frau hat Heimweh nach Denkendorf

Ilse Epple weiß wo ihre Wurzeln sind. Ihrer Familie in Denkendorf, hier mit ihren Cousins Siegfried (links) und Werner Epple, fühlt sie sich sehr verbunden. Foto: /Ulrike Rapp-Hirrlinger

Ilse Epple wanderte als Kleinkind mit ihrer Familie in die USA aus. Doch die Verbindung zu ihrem Heimatort Denkendorf hat sie stets gehalten. Jetzt war sie auf Besuch.

Das Heimweh hat sie nie ganz verlassen. Ilse Epple war gerade einmal zweieinhalb, als ihre Eltern Anfang der 1950er-Jahre die Koffer packten und mit den drei Töchtern von Denkendorf in die USA auswanderten. Der Vater, ein Luft- und Raumfahrtingenieur, hatte dort bei der Air Force Arbeit gefunden. Die Verbindung zur Heimat war den Eltern immer wichtig, es wurden viele Luftpostbriefe mit Fotografien über den großen Teich geschickt. Sowohl Heiner als auch Hedwig Epple waren in Denkendorf tief verwurzelt. Sie war die Tochter des Bürgermeisters Karl Geiger, in dessen Haus in der Furtstraße Ilse Epple geboren wurde. Er stammte aus der weitverzweigten Denkendorfer Epple- und Eppinger-Familie.

 

Deutsch mit amerikanischem und schwäbischem Akzent

Nach 17 Jahren ist Ilse Epple mit ihrem Mann Dennis Brock wieder einmal nach Denkendorf gekommen, um die Familie zu besuchen. „Ich fühlte mich gleich wieder zuhause“, sagt die zierliche 75-Jährige, als sie mit ihren Vettern Werner und Siegfried Epple Erinnerungen austauscht. Ihr Deutsch hat mittlerweile zwar einen amerikanischen Einschlag, doch das Schwäbische hört man sofort heraus. Die Eltern redeten in der Familie zwar Deutsch, hielten ihre Töchter aber an, untereinander Englisch zu sprechen. „So wurden wir rasch typisch amerikanische Mädchen“, erzählt Ilse Epple. Deutsche Traditionen wurden bei den Epples, die lange in Kalifornien lebten, jedoch intensiv gepflegt. Es gab schwäbische Weihnachtsgutsle und das Fest wurde wie in der Denkendorfer Heimat gefeiert – mit deutschen Weihnachtsliedern, die die Mutter am Klavier begleitete. Die Großmutter schickte zu Ostern, Weihnachten und Geburtstagen Pakete mit schwäbischen Köstlichkeiten wie große Zuckerhasen für die Kinder. Die Denkendorfer Verwandtschaft ihrerseits bestaunte die ausgewanderten Verwandten, wenn sie zu Besuch kamen. Sie seien ihnen schon ein wenig wie Exoten vorgekommen, sagt Werner Epple. Er erinnert sich noch gut an die amerikanischen Kaugummis oder die Schilderungen, wie es ist zu fliegen. „Das hatten wir ja noch nie erlebt.“

An ihre ersten Jahre in Denkendorf kann sich Ilse Epple, die jüngste der drei Töchter, nicht erinnern. Umso eindrücklicher hat sie die langen Sommerferien im Gedächtnis behalten, die sie über viele Jahre bei ihrer Großmutter Geiger in deren großem Haus in Denkendorf verbrachte. „Anfangs hatte ich richtig Heimweg“, erzählt sie. Doch das habe sich schnell gelegt. Sie spielte oft mit den Nachbarskindern und erinnert sich noch heute an etliche Namen.

Auch die Eltern statteten der deutschen Verwandtschaft regelmäßig Besuche ab. Dann gab es große Familientreffen. Dass sie dabei unter Beobachtung standen, hat Ilse Epple erst später erfahren. Der Vater arbeitete in hoher Position als Zivilangestellter der Air Force am Corona-Programm für strategische Aufklärungssatelliten mit. „Er durfte zuhause nie über seine Arbeit sprechen.“ In Denkendorf sei man sich der Bedeutung Heiner Epples bewusst gewesen, sagt Siegfried Epple. „Er war eine Berühmtheit“, erinnert er sich an die Aufmerksamkeit, die die Besuche der Familie in Denkendorf erregten.

Ilse Epple war zunächst Grundschullehrerin, später mehr als vier Jahrzehnte Flugbegleiterin. „Leider führten mich meine Einsätze nie nach Deutschland“, bedauert sie. Anders als ihre älteren Schwestern, die mit der alten Heimat nichts am Hut hätten, hat Ilse Epple die Verbindung mit der Familie auch gehalten, als die Sommeraufenthalte in Denkendorf längst vorbei waren. Immer wieder kam sie zu privaten Besuchen nach Denkendorf. Nicht nur der landschaftliche Kontrast fällt ihr stets auf. „In den USA ist alles viel stärker kommerzialisiert“, meint sie. Und dass sich auch fremde Menschen auf der Straße grüßen oder man sich zum Willkommen die Hand reicht, sei in den USA nicht gebräuchlich. Die Menschen in Denkendorf erlebt sie als herzlich und offen. „Ich habe immer stärker das Gefühl, dass ich hierhergehöre“, sagt sie. Auch ihre Eltern hätten stets Heimweh nach Deutschland gehabt und die Auswanderung manchmal bereut. „Ich könnte mir gut vorstellen, jetzt im Ruhestand längere Zeit oder auch für ganz in Deutschland zu leben“, sagt sie. „Doch Dennis hat noch Zweifel.“ Schließlich spreche er kein Wort Deutsch.

Auf dem Speiseplan stehen Linsen mit Spätzle und Kartoffelsalat

Ilse Epple lebt seit langem mit ihrem Mann auf Hawaii. Deutsche Traditionen und vor allem deutsche Küche gibt es auch bei ihr. Zu Weihnachten bäckt sie „Spitzbüble“ und Springerle, die sie mit den Modeln ihrer Mutter formt, sowie einen Baum mit deutschem Weihnachtsschmuck. Auf den Tisch kommen zuweilen Linsen und selbstgemachte Spätzle, ein Braten oder echt schwäbischer Kartoffelsalat. Das kommt bei ihrem Mann gut an. „Ich liebe es“, verrät er. Worauf sie sich am meisten gefreut hat bei ihrer Rückkehr nach Denkendorf? „Natürlich auf die Familie, aber auch auf Brezeln, deutsches Bier und Wein.“ Und dann sei da die bange Frage gewesen, ob sie die Vettern und die Cousine, die Ilse Epple gut schwäbisch „Bäsle“ nennt, noch erkennen würden?

Die Zweifel wurden rasch zerstreut. Bei etlichen Treffen wurden Erinnerungen und familiäre Neuigkeiten ausgetauscht und alte Fotos angeschaut. „Ich bin so dankbar, eine solch gastfreundliche und liebevolle Familie zu haben, schwärmt Ilse Epple. „Jetzt kommen wir sicher öfter nach Deutschland.“ Dass beide gerne reisen, ist eine gute Voraussetzung.

Im Dienste der Vereinigten Staaten von Amerika

Corona-Programm
Heiner Epple arbeitete am Corona-Programm der USA für strategische Aufklärungssatelliten mit. Diese dienten ab 1959 unter anderem der fotografischen Überwachung der Sowjetunion und China. Das Programm endete im Jahr 1972.

Berühmter Vater
Ihr Vater habe Fallschirme entwickelt, die es ermöglichten, die Satelliten mehrfach zu verwenden, erzählt Ilse Epple. Damit unterlag er der höchsten Geheimhaltungsstufe. Und er sei im Visier der UdSSR gewesen, weiß seine Tochter heute. Bei seinen Auslandsreisen sei er zudem von den USA überwacht worden. Erst als sie einen der von Heiner Epple entwickelten Fallschirme in einem amerikanischen Museum gesehen habe, sei ihr bewusst geworden, dass sie einen berühmten Vater hatte, sagt Ilse Epple.

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