Vor Paris-Roubaix So spaltet Tadej Pogacar die Radsport-Welt
Superstar Tadej Pogacar gewinnt weiter nach Belieben, weshalb sich vor dem Klassiker Paris-Roubaix die Frage stellt: Ist seine Dominanz faszinierend oder einfach nur langweilig?
Superstar Tadej Pogacar gewinnt weiter nach Belieben, weshalb sich vor dem Klassiker Paris-Roubaix die Frage stellt: Ist seine Dominanz faszinierend oder einfach nur langweilig?
Jeder erfolgreiche Athlet hat das Problem, sich die Menschen, die über ihn urteilen, nicht aussuchen zu können. Folglich wird Tadej Pogacar das Lob von Lance Armstrong, dem prominentesten Doper des Radsports, der wegen Betrugs sieben Tour-Siege aberkannt bekommen hat, einfach zur Kenntnis nehmen – wenn überhaupt. „Für mich ist das Thema erledigt“, antwortete der US-Amerikaner zuletzt auf die Frage, wer der größte Fahrer in der Geschichte seines Sports sei, „Pogacar ist zu gut. Er ist der Beste aller Zeiten, und das mit Abstand.“
Aber auch einer, der die Radsport-Welt spaltet.
Die Dominanz von Tadej Pogacar (27) ist faszinierend und erdrückend zugleich. Seit seinem WM-Sieg im September hat der Slowene alle Rennen, bei denen er am Start stand, gewonnen. Mittlerweile werden ihm Rekorde zugetraut, die für immer unerreichbar schienen. Nachdem er bei Mailand-Sanremo und der Flandern-Rundfahrt triumphiert hat, könnte er in diesem Jahr Siege bei allen fünf Monumenten des Radsports feiern – das gab es noch nie. Und Christian Prudhomme, der Boss der Tour de France, glaubt sogar, dass der Slowene alle dreiwöchigen Landesrundfahrten (Giro, Tour, Vuelta) in einer Saison für sich entscheiden könnte. Es sind derartige Prognosen, welche die Diskussionen über den Superstar noch befeuern.
In den sozialen Medien liefern sich Fans und Kritiker von Pogacar schon lange einen Kampf um die Deutungshoheit, der zuletzt an Intensität noch zugenommen hat – auf zwei Gebieten. Zum einen geht es darum, ob ein Mann, der von Sieg zu Sieg fährt und auf den sich alles fokussiert, gut ist für die Attraktivität einer Sportart. Oder ob es einfach nur langweilig ist, wenn der Gewinner schon vor dem Start feststeht. Und zum anderen spaltet die Frage, ob der Superstar, der klar besser ist als alle anderen Weltklassefahrer, sauber ist oder gedopt sein muss. Die Skeptiker verweisen gerne auf Lance Armstrong und dessen Team US Postal, die einst von Epo angetrieben den Radsport beherrschten wie jetzt Tadej Pogacar und sein UAE-Rennstall. Vergleichbar? Ist zumindest die Reaktion der Konkurrenz.
„Man sieht den anderen Fahrern an, dass sie wissen, wie es läuft“, meinte Lance Armstrong, „nicht einmal ein Sturz oder Pech könnte ihn aufhalten.“ Ähnlich drückte sich zuletzt Oliver Naesen aus. „Pogacar“, erklärte der belgische Klassiker-Spezialist, „raubt einem jede Hoffnung.“ Ein Beleg für Doping ist das noch nicht, und bisher gibt es auch keinen anderen Beweis für ein Fehlverhalten von Pogacar – nur Verdächtigungen. Weshalb viele Beobachter auch sein nächstes Rennen faszinierend finden werden.
Am Sonntag startet der Weltmeister beim Kopfsteinpflaster-Klassiker Paris-Roubaix. Es ist das dritte Monument der Saison – und das einzige, das er noch nicht gewonnen hat. Das liegt daran, dass es in der „Hölle des Nordens“ weder Berge noch die kurzen, giftigen Anstiege gibt, die Pogacar liebt. Aber auch daran, dass er sich die 258,3 Kilometer lange Tortur, bei der es in 30 Sektoren fast 55 Kilometer über gröbstes Kopfsteinpflaster geht, erst einmal angetan hat. 2025 wurde Pogacar Zweiter, damals war er, nachdem er sich gemeinsam mit Mathieu van der Poel abgesetzt hatte, in einer Kurve ausgerutscht. Der Niederländer, der dreimal nacheinander in Roubaix triumphierte, ist auch diesmal der Favorit. Aber Pogacar nicht weit weg.
Der Slowene und viermalige Gewinner der Tour de France ist nicht nur einer der besten Rundfahrer, die es je gegeben hat, sondern zugleich ein außergewöhnlicher Klassikerspezialist – der alles dafür tut, um auch auf diesem Terrain erfolgreich zu sein. Der „L’Equipe“ hat der 1,76 Meter große Profi jetzt verraten, dass er bei der Flandernrundfahrt 66 Kilogramm gewogen habe – zwei mehr als normalerweise. „Das ist größtenteils Muskelmasse, die ich durch viele Übungen mithilfe unseres Physiotherapeuten aufgebaut habe“, erklärte er, „denn es ist nicht besonders vorteilhaft, bei einem Klassiker der Leichteste zu sein.“
Nun will Pogacar auch bei Paris-Roubaix eine gewichtige Rolle spielen. Sollte er bei diesem Rennen erstmals siegen, wäre der „Grand Slam der Monumente“ 2025 für ihn tatsächlich zu schaffen – denn die dann noch folgenden Lüttich-Bastogne-Lüttich (drei Siege) und Lombardei-Rundfahrt (fünf Erfolge) gehören zu seinen Lieblingsrennen. Mathieu van der Poel traut seinem Konkurrenten jedenfalls alles zu. „Ich hatte ein Problem“, meinte der Niederländer nach seinem zweiten Platz bei der Flandern-Rundfahrt, „hier fuhr ein Phänomen herum.“