Vor Rommels 75. Todestag Taugt der „Wüstenfuchs“ als Vorbild?

Von red/dpa 

Rummel um Rommel. 75 Jahre nach dem Tod des Generalfeldmarschalls wird wieder debattiert, ob Hitlers einstiger Lieblingsgeneral wirklich als Namenspatron für Straßen oder Kasernen geeignet ist.

Der Künstler Rainer Jooß steht vor dem Rommel-Denkmal mit dem Entwurf einer Statue, die an ein Minenopfer erinnern soll. Foto: dpa/Stefan Puchner
Der Künstler Rainer Jooß steht vor dem Rommel-Denkmal mit dem Entwurf einer Statue, die an ein Minenopfer erinnern soll. Foto: dpa/Stefan Puchner

Ulm - In Blaustein-Herrlingen, wo Erwin Rommel auf Befehl Hitlers Gift schluckte und starb, erinnerte lange ein Museum an den Generalfeldmarschall. Ohne viel Aufhebens hat der Gemeinderat es kürzlich geschlossen. In Aalen, wo Rommel aufwuchs, will man eine nach ihm benannte Straße umbenennen. Und in seiner Geburtsstadt Heidenheim stören sich Bürger an dem großen Denkmal, das der Verband „Deutsches Afrikakorps“ 1961 auf einem Hügel für den Feldherren errichten ließ.

Unumstritten war Rommel zwar nie. Doch 75 Jahre nach seinem erzwungenen Selbstmord am 14. Oktober 1944 ist die Debatte über eine Neubewertung des als „Wüstenfuchs“ zu Ruhm gelangten Heerführers wieder entflammt. Besonders in seiner schwäbischen Heimatregion wird gefragt, ob Rommel immer noch als Namenspatron taugt oder nicht.

Mythos wankt

„Der Mythos um Rommel wankt“, konstatiert der Autor Stefan Jehle in einem von der Landeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Beitrag. Als soldatischer Held und Sympathisant des militärischen Widerstandes gegen Hitler gilt er den einen. Andere sehen in Rommel einen Kriegsverbrecher. Vor allem, meint Jehle, sei er ein „willfähriges Werkzeug in einem lange geplanten Vernichtungsfeldzug der Nationalsozialisten“ gewesen.

Lesen Sie hier: Der Mythos Rommel gerät ins Wanken

Es sei ein „Beispiel für braunes Denken“, dass es in Aalen immer noch eine Erwin-Rommel-Straße gebe, sagte der DGB-Kreisvorsitzende Josef Mischko bei einer Kundgebung zum Antikriegstag am 1. September. „Er war am Überfall auf Polen und andere Länder beteiligt – und er war ein glühender Verehrer Adolf Hitlers.“

An Oberbürgermeister Thilo Rentschler (SPD) appellierte Mischko, die Straße künftig nach Manfred Rommel zu benenennen. Der 2013 gestorbene Sohns des Generalfeldmarschalls war lange CDU-Oberbürgermeister Stuttgarts und galt als einer der beliebtesten Politiker Deutschlands.

Aalens OB und der Gemeinderat sind dem Vorschlag durchaus zugeneigt. „Bevor die Gemeinderäte entscheiden, soll es aber umfangreiche Informationen für die Bevölkerung und Diskussionsveranstaltungen geben“, sagt Aalens Kulturamtsleiter Roland Schurig. Die erste findet ausgrechnet am 75. Todestag des Generals in Aalens Evangelischer Bildungseinrichtung statt. Adresse: Erwin-Rommel-Straße.

Beschluss zum Erwin-Rommel-Denkmal

Derweil ringt der Gemeinderat in Heidenheim um einen Beschluss zum Erwin-Rommel-Denkmal. Abreißen will es kaum jemand. Aber so wie es ist, soll es auch nicht bleiben. Auf dem Tisch liegt ein Vorschlag des Heidenheimer Künstlers Rainer Jooß: „Vor das weiße Denkmal würde ich eine flache Stahlskulptur setzen, die einen Menschen an Krücken darstellt - das Opfer einer Landmine“, erzählt Jooß.

Die Skulptur solle einen Schatten auf den Namenszug des Generals werfen. „Er hat entlang der Front bei El Alamein unendlich viele Landminen vergraben lassen. Viele töten oder verletzen heute noch Menschen.“ Heidenheims Oberbürgermeister Bernhard Ilg (CDU) unterstützt den Vorschlag, „weil er in der derzeitigen oft polarisierenden Diskussion integrierend wirkt und beide Sichtweisen vereint“.

„Ich hoffe, dass man sich einstimmig dafür entscheidet“, sagt Künstler Jooß (55). „Das wäre ein starkes Signal gegen Rechtpopulisten, die Rommel gern vereinnahmen wollen.“

„Wüstenfuchs“-Glorifizierung

Weniger begeistert ist Franklin Pühn, der das Denkmal einst im Auftrag des Vereins „Deutsches Afrikkorps“ geschaffen hat: „Ob das nun sinnvoll ist, die ganze Sache mit den Minen dem Rommel noch hinterherzuschießen, das kann man so oder so sehen“, sagt der heute 94-jährige Bildhauer. Er habe das Denkmal bewusst schlicht gehalten, „um alles zu vermeiden, was nach Kriegsverherrlichung aussehen könnte“.

Hingegen wirkten manche Exponate des Rommel-Museums im Blausteiner Stadtteil Herrlingen durchaus wie eine „Wüstenfuchs“-Glorifizierung - von Rommels Tropenuniform über die Nachbildung seines Marschallstabs bis zu Orden und seiner Totenmaske. „Diese Ausstellung ist nach 30 Jahren als überholt anzusehen“, befand der Gemeinderat.

Künftig werde es eine neue Dauerstellung geben, berichtet Blausteins Stadtarchivar Manfred Kindl. Sie soll „historisch interessanten Persönlichkeiten“ gewidmet sein, die einst in Herrlingen wohnten - unter ihnen Erwin Rommel neben der jüdische Reformpädagogin Anna Essinger (1879-1960) und der jüdischen Kunsthistorikerin Gertrud Kantorowicz, die 1945 im Konzentrationslager Theresienstadt starb.

13 Straßen und eine Steige nach Rommel benannt

Bundesweit sind laut einer Zählung der „Stuttgarter Zeitung“ noch 13 Straßen und eine Steige nach Rommel benannt, davon neun im Südwesten. Auch zwei Kasernen tragen seinen Namen - in Augustdorf (Nordrhein-Westfalen) und Dornstadt bei Ulm. Eine Umbenennung sei nicht vorgesehen, teilte eine Sprecherin des Bundesministeriums der Verteidigung mit. Rommel habe verbrecherische Befehle missachtet und das vom NS-Regime geforderte ideologische Feindbild abgelehnt. Zudem rücke die Forschung ihn „zunehmend in die Nähe des Widerstandes“ gegen Hitler. Damit sei er weiter „sinn- und traditionsstiftend“.

Das liest sich in einem Sachstandsbericht der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages zur Rommel-Debatte vom Februar 2019 anders: Es bleibe festzustellen, „dass sich seine Rolle im Widerstand auch nach neuesten Forschungen rund um das Netzwerk des 20. Juli auf eine mögliche Mitwisserschaft beschränkt“, heißt es da. Dem Verteidigungsministerium scheine allein dies schon für eine „Traditionswürdigkeit“ auszureichen. „Denn irgendein aktives widerständisches Verhalten konnte für Rommel bis heute von der historischen Forschung nicht belegt werden.“