Karl Geiger ist auf der Suche nach der Form, Ex-Bundestrainer und TV-Experte Werner Schuster schaut interessiert zu. Foto: imago/Gepa-Pictures, Ulrich Wagner
Ehemalige Top-Leute im Formtief, keine Talente in Sicht: Der frühere Bundestrainer und heutige TV-Experte Werner Schuster über die Probleme im deutschen Skispringen.
Die nächsten Höhepunkte stehen an: In Oberstdorf beginnt an diesem Freitag die Skiflug-WM, zwei Wochen später starten die Olympischen Spiele. Weil sich Karl Geiger und Andreas Wellinger weiter im Formtief befinden und auch die zweite Reihe schwächelt, stellt sich mehr denn je die Frage nach den Perspektiven des deutschen Skispringens. Diese könnte kaum jemand besser beantworten als Werner Schuster. Denn er ist nicht nur Ex-Bundestrainer (2008 bis 2019) und TV-Experte, sondern zudem im Deutschen Ski-Verband für die Förderung der Talente verantwortlich – als Cheftrainer Nachwuchs.
Im Sport geht es immer auf und ab, und im Moment ist das deutsche Skispringen eben mal nicht oben auf der Welle – auch weil von unten zu wenige nachdrängen.
Es mangelt an Talenten?
Wir können jedenfalls nicht aus einem unbegrenzten Pool schöpfen. Trotzdem ist es nicht unbedingt eine Krise. Man darf nicht vergessen, dass ständig zwei Deutsche unter den besten zehn sind. Das hätten die Polen, die Norweger und auch andere Nationen gerne.
Wie stehen die deutschen Chancen bei den beiden nächsten Großereignissen?
Spannend wird sein, was Felix Hoffmann bei der Skiflug-WM macht. Er kam diese Saison ja ein bisschen wie Kalle aus der Kiste. Es ist eine unglaublich tolle Geschichte, dass seine Beharrlichkeit sich auszahlt. Ich habe ihn 2012 als Bundestrainer zum ersten Mal gesehen und zu seinem Coach Ralf Gebstedt gesagt: ‚Der kommt mal zu mir’. Er kam aber nie – es hat bei ihm einfach länger gedauert. Felix Hoffmann ist ein sehr talentierter Springer, der mit seinen Flugqualitäten beeindruckt. In Oberstdorf könnte es sogar Richtung Medaille gehen.
Bei Philipp Raimund auch?
Er ist mehr ein Skispringer als ein Skiflieger. Das stimmt mich optimistisch für Olympia. Gerade auf der kleinen Schanze in Predazzo wird es nicht so viele Athleten geben, die besser sind als er.
Und was ist mit den Routiniers im Team, die zuletzt im Formtief waren?
Pius Paschke traue ich zu, dass er stabil springt, allerdings nicht nach ganz vorn. Und dann kann man nur hoffen, dass Karl Geiger seinen Aufwärtstrend fortsetzt und auch Andi Wellinger die Trainingsphase genutzt hat. Dann hätte man für den Teamwettbewerb in Oberstdorf zumindest ein ganz gutes Quartett beisammen. Aber es wird natürlich nicht einfach. Im Moment sind speziell Österreich, Slowenien, Japan und beim Skifliegen auch Norwegen stärker.
Was sind die Gründe für den Absturz von Karl Geiger und Andreas Wellinger?
Das ist nicht so einfach zu beantworten. Ich glaube aber, dass sich nach vielen guten Jahren oftmals eine gewisse Müdigkeit einschleicht. Und das traf vor der Saison zusammen mit den Veränderungen im Materialbereich, die einige Talente nach oben gespült haben. Drei, manchmal sogar vier junge Springer wie Jason Colby, Kacper Tomasiak oder Stephan Embacher waren im Weltcup unter den besten zehn – das gab es jahrzehntelang nicht.
Woran liegt das?
Die deutlich veränderten Rahmenbedingungen im Anzugbereich haben gerade bei älteren Sportlern bewirkt, dass sie ihre Technik leicht adaptieren mussten. Das könnte von Karl Geiger und Andreas Wellinger eventuell unterschätzt worden sein.
Geht es etwas konkreter?
Bei Karl Geiger dachten doch alle Experten, es müsste ihm als absprungstarkem Springer entgegenkommen, wenn ein bisschen Fläche am Anzug weggenommen wird. Aber er hat trotzdem nie ein Gefühl entwickelt. Erst zuletzt in Sapporo hat man gesehen: Er kann es noch, muss allerdings immer noch zehn Leute überholen.
Was ist mit Andreas Wellinger?
Sein Fall liegt ähnlich: Ältere Sportler neigen dazu, sich auf Bewährtes zurückziehen. Da ist einfach die Neugierde und Entwicklungsbereitschaft nicht mehr so groß. Das liegt in der Natur des Menschen.
Wie finden Sie, dass die härteren Kontrollen bei den Anzügen das Skispringen verändert haben?
Gut. Was früher durchgewunken wurde, wird jetzt nicht mehr zugelassen. Das Messverfahren ist standardisiert worden – wodurch das Skispringen eindeutig transparenter und deutlich fairer geworden ist.
Aber?
Es gibt nach wie vor die alte Denkweise, wonach bei Materialoptimierungen schnell mal ein paar Meter mehr möglich sind, während im Kraftraum monatelang um zwei Zentimeter mehr Sprunghöhe gekämpft werden muss. Deshalb wird weiterhin alles ausgereizt.
Das Risiko ist allerdings größer geworden.
Das stimmt. Früher wusste man, dass es dem Ski-Weltverband schwer fällt, beim Tournee-Auftakt in Oberstdorf vor 25 000 Leuten im Stadion und sechs oder acht Millionen TV-Zuschauern einen Athleten, der aufs Podium gesprungen ist, zu disqualifizieren. Das ist jetzt anders – die Fis greift knallhart durch. Es ist aber auch die einzige Chance, um die Denkweise zu ändern. Das wird allerdings noch ein bisschen dauern.
Ein Bild aus erfolgreichen Zeiten: Die deutschen Skispringer (v. li.) Stephan Leyhe, Markus Eisenbichler, Bundestrainer Werner Schuster, Karl Geiger und Richard Freitag werden 2019 als Deutschlands Mannschaft des Jahres ausgezeichnet. Foto: Imago/Breuel-Bild
Zurück zum deutschen Team: Wie groß ist die Chance, dass es für Karl Geiger und Andreas Wellinger schon bei der Skiflug-WM wieder aufwärts geht?
Wunder würde ich mir keine erwarten. Für beide wäre ein Platz in den Top Ten schon ein großer Erfolg. Vorne werden andere sein.
Allen voran der Slowene Domen Prevc?
Ja. Wer soll ihn in Oberstdorf denn schlagen? Selbst wenn Prevc, wie zuletzt in Sapporo, mal einen extrem fehlerhaften Sprung macht, gewinnt er noch.
Wäre in der deutschen Mannschaft ein Generationswechsel nötig?
Nein. Ich habe zu Andi Wellinger vor kurzem im Spaß gesagt, dass er auf jeden Fall noch vier Jahre weitermachen muss, weil wir mit dem Nachwuchs noch Zeit brauchen. Er und Karl Geiger, bei dem ich ebenfalls bezweifeln würde, dass er seine Karriere schon abgehakt hat, profitieren ja eigentlich sogar von der aktuellen Situation. Wären die beiden Österreicher, könnte es sein, dass sie nicht mehr im Weltcup springen würden.
Warum kommen in Deutschland keine Talente nach, die mit den Routiniers um die Startplätze kämpfen?
Es gibt große gesellschaftliche Veränderungen. Im Skispringen braucht es Eltern, die bereit sind, ihr Kind an Orte mit einer Schanze zu bringen. Es braucht qualifizierte Trainer. Es braucht Vereine mit großem ehrenamtlichen Engagement. Und es braucht Kinder, die sich dem Leistungssport voll und ganz verschreiben. An allem fehlt es ein wenig, weshalb es schon schwierig ist, den Status quo zu halten. Das betrifft nicht nur das Skispringen, sondern auch andere Disziplinen wie den alpinen Skisport oder Biathlon.
Gibt es auch ein strukturelles Problem?
Es ist zu sehen, dass Länder wie Österreich oder Slowenien, die sich zentraler organisieren lassen, ein bisschen leichter tun. Und die Infrastruktur ist natürlich auch ein Thema.
Bundestrainer Werner Schuster und Skispringer Martin Schmitt bei der Vierschanzentournee 2009 Foto: imago/ Sven Simon
Wo zum Beispiel?
Oberwiesenthal hat keinen funktionierenden Lift. In Hinterzarten werden nun auch im Winter die Matten auf der Schanze gelassen, weil es keine Schneesicherheit mehr gibt. Die Schanze in Berchtesgaden ist im Umbau. Und wenn in Ruhpolding oder Oberhof Weltcup-Großereignisse im Biathlon anstehen, springt dort wochenlang niemand von den Schanzen, weil jedes Schneerestchen gebunkert wird, um die Veranstaltung abzusichern. Deshalb sind kleine Vereine wie in Rastbüchl, wo Severin Freund und Michael Uhrmann herkommen, so unfassbar wichtig – allerdings ringen diese Clubs ums finanzielle Überleben, weil die großen Zuschüsse woanders hingehen. Das zeigt: Es gibt viele Probleme, die man anpacken muss.
Machen Sie sich Sorgen ums deutsche Skispringen?
Als ich 2008 als Bundestrainer angefangen habe, war die Situation nicht weniger prekär. Und wir haben es damals trotzdem geschafft, junge Leute nach oben zu bringen. Die Dynamik, die daraus entstand, war faszinierend. Jetzt fehlen wieder die absoluten Top-Leute. Ich versuche, einen kleinen Beitrag zu leisten, um die Qualität beim Nachwuchs zu verbessern.
Bundestrainer Stefan Horngacher wird nach dieser Saison aufhören. Was würden Sie antworten, wenn man Ihnen den Job erneut anbieten würde?
Im Moment passt das nicht in meinen Lebensplan.
Warum nicht?
Ich war elf Jahre Bundestrainer – und meines Wissens nach der einzige Nationalcoach, bei dem eine solche Ära positiv zu Ende ging. Das Schicksal, das man ein Jahrzehnt lang gut gearbeitet hat und dann in die Wüste geschickt wird, wenn mal was schief geht, ist mir erspart geblieben.
Was nur zeigt, wie erfolgreich Sie waren.
Ich habe an einem guten Punkt aufgehört, ansonsten hätte ich mich neu erfinden müssen. Ich weiß, wie schwer es ist, die Energie aufzubringen, die es bräuchte, um Skispringen auf allerhöchstem Niveau zu repräsentieren.