Hochwasser in Gerlingen, Ditzingen und Korntal-Münchingen Vor zehn Jahren: Land unter im Strohgäu

Von und Stefanie Köhler 

Mehrere Kommunen im südlichen Kreis Ludwigsburg standen am 4. Juli 2010 stellenweise meterhoch unter Wasser. Korntal-Münchingen war zu diesem Zeitpunkt noch mit den Folgen des massiven Unwetters im Jahr zuvor beschäftigt.

Auch dieses Werk von Heinrich Eberhard wurde beschädigt. Foto: Stadt Ditzingen
Auch dieses Werk von Heinrich Eberhard wurde beschädigt. Foto: Stadt Ditzingen

Strohgäu - Was an diesem Wochenende im Jahr 2010 passierte, wird im Strohgäu ewig in Erinnerung bleiben. Aus der Überforderung, die Folgen des Hochwassers zu bewältigen, entstand eine bis dato nicht gekannte interkommunale Zusammenarbeit.

Welche Folgen hatte das Unwetter?

In Gerlingen konzentrierten sich die größten Schäden auf das Rathaus. Ohne Strom, ohne Telefon, ohne EDV ohne Server - der damalige Bürgermeister Georg Brenner wähnte sich „am Nullpunkt einer Verwaltung“, wie er es damals formulierte. Im Rathaus stand mehr Wasser, als das überflutete Regenüberlaufbecken an der Brückentorhalle fassen konnte.

In Ditzingen traf es etliche öffentliche Einrichtungen: das Schulzentrum, die Sporthalle in der Gröninger Straße, die Stadthalle. Weil sich das Depot von Stadtmuseum und Archiv in der Glemsaue befand, wurde wie in Gerlingen auch in Ditzingen ein Teil des historischen Gedächtnisses der Stadt ausgelöscht.

Korntal-Münchingen kam 2010 vergleichsweise glimpflich davon – anders als 2009. Vor zehn Jahren hatten zudem die Regenrückhaltebecken in der Lingwiesen- und Talstraße funktioniert. Sie waren 2009 die Schwachstellen, weil sie mit Schlamm verstopft waren. Obwohl grundsätzlich laut der Aufsichtsbehörde ausreichend dimensioniert, erweiterte die Stadt das Rückhaltebecken Lingwiesen später für rund 1,3 Millionen Euro auf insgesamt 21 000 Kubikmeter.

Was war vor 2010, was folgte?

Wurden 2010 vor allem Gerlingen und Ditzingen beschädigt, war Korntal-Münchingen 2009 massiv betroffen: Am 3. Juli zuckten die Blitze stundenlang über der Stadt, der Regen prasselte nonstop. Ein Feuerwehrmann starb bei einem Rettungseinsatz. Die Schäden wurden auf 50 Millionen Euro beziffert. Der Wetterdienst sprach von einem Jahrhundertunwetter. Als es im Jahr darauf die Glemsanrainer traf, wussten die Einsatzkräfte um das Ausmaß, das der Starkregen haben könnte. Danach war klar, dass sich ein solches Ereignis fortan wiederholen könnte.

Wie reagierten die Kommunen?

Die Kommunen waren auf mehreren Ebenen gefordert. Sie riefen die Bürger auf, ihre Immobilien ausreichend zu schützen. Sie intensivierten den Schutz der städtischen Immobilien durch Vorrichtungen am Bau. Und sie modellierten das Gelände, um etwa durch Erdaufschüttungen das Wasser abzuhalten, Gebäude zu fluten.

Nach dem Sommer 2010 tat sich die bestehende Arbeitsgruppe der Glemssanierung zusammen, um für den Ereignisfall besser vernetzt zu sein. Daraus hätten sich sukzessive weitere gemeinsame Projekte ergeben, teilt das Korntal-Münhinger Rathaus mit. Die meisten Arbeitsaufträge im Rahmen des Risikomanagements seien nun fast erledigt. In diesen Wochen beschlossen die Gemeinderäte der Glems-anrainer jeweils ein Handlungskonzept, das die Zuständigkeiten klar regelt, um künftig im Notfall angemessen reagieren zu können. Das Konzept hat inzwischen landesweit Beachtung gefunden.

Haben die Orte ihre Pflicht getan?

Jeder Ort hat für sich eine Aufgabenliste erstellt. Die ist noch lange nicht abgearbeitet. In Ditzingen harrt das größte Projekt, der Schutz im Scheffzental, immer noch seiner Umsetzung.

In Korntal-Münchingen wurde zum Beispiel bereits oberhalb des Kindergartens Kallenberg ein kleiner Retentionsteich angelegt. In der Korntaler Ortsmitte entstand im Zuge der Neugestaltung ein Retentionsbecken für ein 100-jährliches Regenereignis. Es ist zugleich ein begrünter Spielplatz. Und die neuen Straßenoberflächen wurden so gestaltet, dass das Oberflächenwasser in Richtung Rückhaltung abgeleitet wird. Für Korntal-West wird derzeit ein offenes Rückhaltebecken außerhalb des Baugebietes errichtet.

Was bleibt dauerhaft zerstört?

Welche Kunstwerke der städtischen Sammlung sollen konserviert werden, welche gar umfassend restauriert werden? Ist das Augenmerk auf das Werk der Ditzinger Künstler zu legen, auch wenn sie vielleicht – wie Lily Wilhelm – lediglich in einem Ortsteil von Bedeutung waren? Und wie verfährt man mit Arbeiten, die für die Stadt bedeutend sind, auf dem Kunstmarkt aber nur einen geringen Wert haben und deren Konservierung um ein Vielfaches teurer wäre? Mit diesen Fragen hatten sich jetzt die Ditzinger Stadträte zu befassen. Sie mussten eine Auswahl jener Werke treffen, die restauriert werden sollen. Unmittelbar nach dem Hochwasser waren jene Kunstwerke geborgen worden, die für eine spätere Konservierung und Restaurierung in Frage kamen. Die unwiederbringlich zerstörten Arbeiten bleiben als „geschundene Bilder“ im Bestand und werden Teil einer Ausstellung. Diese wird geplant, sobald die Restaurierung und Konservierung der Gemälde abgeschlossen ist. Insgesamt konnten 29 Gemälde, gerettet werden, zunächst werden zehn für insgesamt rund 8700 Euro konserviert beziehungsweise weitgehend restauriert.




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