Vor Zeitumstellung Stuttgarter Verkäuferin von Kinderuhren: „Wichtig, das Uhrlesen zu lernen“
Kinder sind heute oft schon im jungen Alter an Smartphones gewöhnt. Wie wirkt sich das auf Stuttgarter Läden aus, die Kinderuhren verkaufen?
Kinder sind heute oft schon im jungen Alter an Smartphones gewöhnt. Wie wirkt sich das auf Stuttgarter Läden aus, die Kinderuhren verkaufen?
Vier Kinderuhren mit vier unterschiedlichen Mustern hat das Stuttgarter Spielwarengeschäft Glaser im Angebot. Das erste Modell zieren Haie, das zweite ist mit Seepferdchen versehen, auf dem dritten sind Raketen abgebildet und auf dem vierten Sterne. Eine Sache haben alle vier allerdings gemeinsam: das Ziffernblatt in der Mitte.
„Wir verkaufen ausschließlich analoge Kinderuhren“, sagt Uschi Glaser-Scheiblhuber, Inhaberin des Ladens in Bad Cannstatt. In einer Zeit, in der Smartphones oft schon von klein an dazugehören, stellt sich jedoch die Frage: Können Kinder damit überhaupt noch etwas anfangen?
Zur Zeitumstellung im vergangenen Herbst sorgte ein Video des Südwestrundfunks auf Instagram für Aufsehen. SWR-Reporter Christian Karsch bittet darin Passanten, eine analoge Uhr zu lesen. Der Beitrag zeigt gleich mehrere junge Menschen, die an dieser vermeintlich einfachen Aufgabe scheitern.
Wer sich an Grundschulen umhört, erhält ein ähnliches Bild. Zwar gebe es keine Statistiken dazu, wie viele Kinder ab sechs Jahren eine Zeiger-Uhr nicht lesen können, sagt Oliver Hintzen vom Verband Bildung und Erziehung in Baden-Württemberg. Aus seiner Erfahrung als Grundschulrektor schätzt er jedoch, „dass wir bei mehr als 20 Prozent sind“. Hintzen fügt hinzu: „Zuhause wird häufig kein Wert mehr darauf gelegt, die analoge Uhr zu lernen.“
Monika Topic hat dennoch nicht den Eindruck, dass Uhren mit Zeigern aus der Mode geraten. Zwar sei der Markt für Kinderuhren generell eher klein, sagt die stellvertretende Filialleiterin des Juweliers Christ an der Königstraße in Stuttgart. Diese Entwicklung sei aber nicht neu. Und wenn jemand bei ihr eine Uhr für Kinder kaufen wolle, dann meistens eine analoge, ergänzt Topic. „Da spielen dann die Eltern oder die Großeltern die entscheidende Rolle.“ Auch unter Jugendlichen seien Ziffernblätter weitaus stärker gefragt als Displays. Topics Einschätzung: „Trotz Smartwatch sind analoge Uhren immer noch im Trend.“
Die fehlende Nachfrage ist allerdings nicht der einzige Grund, warum im Spielwarengeschäft Glaser keine digitalen Uhren zu finden sind. Denn Uschi Glaser-Scheiblhuber ist bei Kinderuhren ein Fan von Modellen mit Zeigern. „Es ist schon wichtig, das Uhrlesen erst einmal so zu lernen“, sagt die Ladeninhaberin. Ab und zu spreche sie darüber auch mit ihren Kundinnen und Kunden. Die meisten von ihnen müsse sie aber ohnehin nicht von der Bedeutung einer analogen Uhr überzeugen. „Kinderuhren werden bei uns weiterhin nachgefragt“, sagt Glaser-Scheiblhuber.
Geht es nach Oliver Hintzen, könnte die Nachfrage gerne noch größer sein. „Das Ablesen von analogen Uhren hilft auch allgemein beim Verständnis für Zahlen, Winkel und Zeitabläufe“, erklärt der Lehrervertreter. „Das sind alles Dinge, für die wir in den Schulen mittlerweile mehr Zeit einplanen müssen als noch vor fünf bis zehn Jahren.“
Er fordert deshalb: „Wir Lehrkräfte sind sehr dafür, dass das analoge Uhrlesen frühzeitig geübt wird.“ Sollten Stuttgarter Eltern seinem Appell nachkommen, dürfte das auch die hiesigen Verkäufer von Kinderuhren freuen.