Vorfall in Filderstadt So haben Zeugen die Schüsse erlebt

Von Frank Wahlenmaier 

Am vergangenen Samstag kam es zu einem drastischen Vorfall in Filderstadt-Harthausen. Ein Streit zwischen zwei Gruppen wurde nicht mit Worten, sondern mit Waffen gelöst. Leute, die dabei waren, können das schwer vergessen.

Die gelben Kreise auf dem Boden (links unten im Bild) geben einen Hinweis auf das, was in der Ortsmitte von Harthausen am Wochenende geschehen ist. Foto: Frank Wahlenmaier
Die gelben Kreise auf dem Boden (links unten im Bild) geben einen Hinweis auf das, was in der Ortsmitte von Harthausen am Wochenende geschehen ist. Foto: Frank Wahlenmaier

Filderstadt - Sie hat erst gedacht, die Schussgeräusche kämen aus dem Fernseher. Doch es war bei ihr direkt unter dem Balkon. Birgitt Friedl wohnt in Harthausen an der Brunnengasse, und sie sagt: „Das ist meiner Meinung nach einfach nur krank. Warum muss man so aggressiv werden?“, fragt sie sich. Und das fragen sich vermutlich viele nach Samstagnachmittag.

Ein 37-Jähriger aus Harthausen wollte den Freund seiner Nichte zur Rede stellen, denn die Beziehung, die der junge Mann zu ihr pflegt, passt ihm offenbar nicht. Statt mit Worten kam der 18-Jährige laut Polizei mit zehn Freunden, Baseballschlägern und einer Schreckschusswaffe zum vereinbarten Treffpunkt an der Brunnengasse. Um 17.10 fielen die ersten von acht Schüssen – mitten in einer Spielstraße. Im Anschluss folgten Faustschläge gegen den Onkel und seinen Begleiter.

Er hat seinen Kinder gesagt, sie sollen sich auf den Boden legen

Wenige Tage nach dem Vorfall, die Vormittagssonne wirft Schatten auf den Platz vor der Kirche. Alles ist ruhig, niemand ist unterwegs. Nur die gelben Kreise auf dem Boden geben einen Hinweis darauf, was hier passiert ist; sie markieren die Stellen, an denen die Patronenhülsen lagen. Augenzeugen können das surreale Schauspiel in der Ortsmitte von Harthausen nicht so schnell vergessen. Besnik Selimi zum Beispiel. Der Anwohner hat den Tumult von Anfang an mitbekommen. Von seinem Fenster aus will er gesehen haben, wie der 18-jährige Freund der Nichte die ersten drei Schreckschüsse aus unmittelbarer Nähe auf die Brust des Onkels abgefeuert hat. „Ich habe dann meine Kinder geschnappt und habe ihnen gesagt, sie sollen sich auf den Boden legen“, berichtet er. Danach habe er die Polizei alarmiert. Anweisungen wie nach einem Amok-Alarm. Von seinem Fenster aus hat Selimi nicht erkannt, dass es sich um eine Schreckschusswaffe handelt, alles wirkte täuschend echt auf ihn. Er hatte Angst. Die alarmierten Polizisten rücken deshalb mit hochmodernen Schutzwesten und Maschinenpistolen an, ein Polizeihubschrauber kreiste über den Dächern an der Brunnengasse, die für Stunden abgesperrt wurde. Im Netz kursierten gleich Gerüchte, es sei einer erschossen worden.

Und was sagt die Polizei? Zu dem Tathergang möchte man sich, aufgrund von laufenden Ermittlungen, nicht äußern, heißt es auf Nachfrage. Dennoch gäbe es keinen Grund, solche drastischen Beispiele für die Regel zu halten, zumal auch die Anzahl an Gewaltstraftaten im Landkreis Esslingen im Vergleich zum Vorjahr einen Rückwärtstrend von minus 2,3 Prozent aufweise. Konfrontationen wie diese würden demnach nicht auf der Tagesordnung stehen, dennoch „raten wir, immer zuerst die 110 anzurufen und sich selbst nicht in Gefahr zu bringen“.

Früher hätten die Wenigsten eine Waffe zu einer Rauferei mitgebracht

Dass Gewaltkriminalität rückläufig ist, sieht der Gewaltpräventionstrainer und Polizist Eugen Keim genauso. Seit 2017 ist er als Ausbilder tätig, extreme Beispiele sind ihm nicht geläufig. „Die Zahlen nehmen zwar nicht zu, dafür das Ausmaß und die Rohheit der Gewalt.“ Dass die legalen Schreckschusswaffen bei Jugendlichen einen Aufwärtstrend erleben, habe er erst zuletzt von seinem 15-jährigen Sohn mitbekommen. Der hätte von einem Klassenkameraden eine Liste von Händlern zugeschickt bekommen, die die Attrappen frei anbieten. Für Keim ist das ein Indiz dafür, dass Jugendliche eine andere Wahrnehmung von der Realität haben, da ihnen vieles übers Internet beigebracht werde. Vieles davon würden sie ungefiltert übernehmen. „Die Jungen tauschen sich nur noch über das Handy aus. Früher wäre man nicht auf die Idee gekommen, mit einer Schreckschusswaffe oder einem Messer zu einer Rauferei zu kommen.“