Das Weinhähnchen ist winzig klein – aber dafür ziemlich laut. In lauen Sommernächte schallt das „Drü-Drü“ der Tierchen durch die Weinberge.

Ludwigsburg: Sandra Lesacher (sl)

Was, bitteschön, ist ein Weinhähnchen? Kleiner Tipp: Mit Coq au Vin hat es nichts zu tun. Es ist auch keine Vogelart, die dem Wein zuspricht. Nein, das Weinhähnchen zählt zur Familie der Grillen. Es ist eine Langfühlerschrecke, zu erkennen an den auffällig langen Fühlern. Es ist mit 15 Millimetern Körperlänge ziemlich winzig, aber ganz schön laut. Und es lebt unter anderem am Geigersberg im Sachsenheimer Teilort Ochsenbach.

 

Dort haben Biologen das Weinhähnchen in den 1990er Jahren entdeckt. Es ging damals um eine Rebfluhrbereinigung. Klassischerweise wären Hänge planiert und ein neues Wegenetz geschaffen worden, aber damit auch der Lebensraum seltener Pflanzen- und Tierarten verloren gegangen. Gemeinsam mit anderen setzte sich Georg Merkle, damals Jungwinzer und heute Seniorchef des gleichnamigen Weinguts, für den Geigersberg ein.

Mit Erfolg. 2003 wurde das Projekt „Kulturhistorische Weinlandschaft Ochsenbacher Geigersberg“ mit dem Kulturlandschaftspreis ausgezeichnet. Hier stehen Natursteintrockenmauern, gedeihen Orchideen und andere Pflanzen, nisten seltene Vogelarten, wächst Wein – und lebt das Weinhähnchen.

Das Weinhähnchen ist eine Wärme liebende Art, „sein Vorkommen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz deckt sich recht gut mit den Weinanbaugebieten, daher der Name“, erklärt Dietmar Gretter, Geschäftsführer des Naturparks Stromberg-Heuchelberg, zu dem das Gebiet gehört.

Das Weinhähnchen mag es gerne warm

Georg Merkle geht noch einen Schritt weiter. Er sagt: „Da, wo das Weinhähnchen Laut gibt, gibt es auch guten Wein.“ Als Hommage an das kleine Insekt füllt man im Weingut Merkle besonders wertvolle Weinraritäten in Halbliterflaschen mit dem Namen „Weinhähnchen“.

Das passiert aber nur in den besten Jahren – zuletzt war es ein 2023er Riesling edelsüß mit 90 Gramm Restzucker und einem schönen Süße-Säurespiel. „Wir wollen unsere Kunden ein bisschen für die Landschaft hier sensibilisieren“, sagt Georg Merkle.

Gerade hat das Weinhähnchen – die Grille (nicht der Wein) – Hochzeit. Das könnte man im doppelten Sinne sehen. Von August bis September, je nach Witterung, ist es in lauen Sommernächten sehr aktiv. „Dann singt die ganze Weinhähnchen-Population ihr ,drüdrü’“, erklärt Dietmar Gretter vom Naturpark. Der Gesang wird durch das Aneinanderreiben der Flügel erzeugt. „Sie werden dabei wie ein Schalltrichter aufgestellt, wodurch die Lautstärke mechanisch verstärkt wird.“ Bis zu 100 Meter weit ist der Gesang des Weinhähnchens in der Nacht zu hören.

Die winzige Grille hat es trotz ihrer gerade mal anderthalb Zentimeter Körpergröße also raus, auf sich aufmerksam zu machen. „Die macht einen Lärm, das können Sie sich nicht vorstellen“, sagt Georg Merkle lachend.

Einmal abgesehen von seinem Gesang ist das Weinhähnchen offenbar ein liebes Tierchen, darin sind sich die Experten einig. Es ist keine neu zugewanderte Art, sondern kam bereits früher in der Region vor, sagt Dietmar Gretter. „Daher ist es auch keine invasive Art.“ Die Grille ernährt sich von Pflanzenteilen wie Blütenblättern und von kleineren Insekten, „eine Gefährdung von Flora und Fauna im Naturpark ist nicht erkennbar“. So sieht es auch das Landratsamt Ludwigsburg. Zudem sei ein Verdrängen anderer heimischer Arten nicht bekannt.

Die Klimaerwärmung spielt dem bloßem Auge kaum erkennbaren, bräunlich gefärbten Insekt durchaus in die Karten. „Derzeit breitet sich das Weinhähnchen in Deutschland weiter aus und verschiebt seine Arealgrenze nach Norden Richtung Beneluxstaaten und östliche Bundesländer“, so der Geschäftsführer des Naturparks Stromberg-Heuchelberg. Auch in der Region vergrößere es sein Areal und könne zwischenzeitlich selbst in Vorgärten entdeckt werden, zum Beispiel in Diefenbach, das liegt etwa 14 Kilometer von Ochsenbach entfernt Richtung Westen im Enzkreis.

Sogar schon in Vorgärten entdeckt

Die Bestandsentwicklung ist laut Dietmar Gretter mehr als wechselhaft: „Es werden sowohl starke Populationen als auch plötzliche lokale Auslöschungen beobachtet.“ Ursachen für Rückgänge seien vor allem der Verlust von Lebensräumen – etwa durch die Verbuschung, die Rebflurbereinigungen oder den Einsatz von Insektiziden im Weinbau.

Wobei Letzteres, seit die Pheromonmethode entwickelt wurde, abgenommen hat. „Gleichzeitig profitiert das Weinhähnchen von extensiverer Pflege und Bewahrung von Trockenmauern, Weinbergbrachen und wilden Säumen wie im Geigersberg“, sagt Dietmar Gretter.