Vornamen: Was ist erlaubt? Eltern wollen Kind Lucifer nennen – und scheitern

Von Melanie Maier 

Ein Paar aus Kassel wollte sein Kind Lucifer nennen. Der zuständige Standesbeamte sah das Kindeswohl gefährdet und schaltete das Gericht ein. Der Junge wird nun anders heißen. Doch welche Vornamen sind eigentlich erlaubt? Und welche Auswirkungen hat der Name auf den späteren Lebensweg?

Mia, Mathilda, Sophia, Josefine: Die meisten Eltern setzen heute auf traditionelle Vornamen. Die beliebtesten Vornamen 2016 waren übrigens Maria und Elias. Foto: dpa
Mia, Mathilda, Sophia, Josefine: Die meisten Eltern setzen heute auf traditionelle Vornamen. Die beliebtesten Vornamen 2016 waren übrigens Maria und Elias. Foto: dpa

Kassel - Cinderella-Melodie, Katzbachine, Pumuckl: In Deutschland haben Eltern große Freiheiten bei der Namensgebung. Viele denken jedoch nicht daran, dass der Name eines Kindes seinen späteren Lebensweg mitbestimmen kann. Laut einer 1999 erhobenen Studie der Technischen Universität Chemnitz wecken Vornamen automatisch Assoziationen bezüglich des Alters, der Intelligenz und sogar der Attraktivität ihrer Träger. Hört man zum Beispiel von einem Wilhelm, geht man davon aus, dass die Person schon etwas älter ist. Von einer Sophie dagegen nimmt man an, dass sie bessere Noten hat als eine Cassidy.

Verständlich scheint vor diesem Hintergrund die Entscheidung eines Standesbeamten in Kassel, der nicht zulassen wollte, dass Eltern ihren Sohn Lucifer nennen. Der Beamte habe vermutet, der Vorname könne das Wohl des Kindes gefährden, sagt Matthias Grund vom Amtsgericht Kassel. Wörtlich übersetzt bedeute der Name „Lichtträger“, sagt Grund. Seit dem Mittelalter stehe er jedoch als Synonym für den Teufel. Zur Klärung des Falls hatte der Standesbeamte das Gericht eingeschaltet. Bei einer nicht-öffentlichen Anhörung ließen sich die Eltern schließlich überzeugen – jetzt wird das Kind Lucian heißen. Hätten sie auf ihrer Namenswahl beharrt, hätte das Amtsgericht entscheiden müssen, ob der Name Lucifer zulässig ist.

Popo, Pepsi-Carola, Siebenstern

Ein generelles Verbot für bestimmte Namen gebe es in Deutschland nicht, erklärt Frauke Rüdebusch von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden: „Es gibt Richtlinien, aber keine Gesetze.“ Roswitha Schmitt vom Standesamt in Bad Cannstatt führt aus: „Der Name muss einen Vornamencharakter haben, er soll dem Geschlecht des Kindes entsprechen, und er darf das Wohl des Kindes nicht beschädigen. Aber wenn die Eltern nachweisen können, dass es den Namen gibt – zum Beispiel im Internet oder mit einem professionellen Gutachten –, dann lassen wir ihn zu.“

Seit 1894 hat sich die Anzahl der Vornamen in Deutschland verdoppelt. Zugelassen wurden seither Namen wie Alemmania, Popo, Pepsi-Carola, Siebenstern, Champagna und Pebbles. Bei anderen Vornamen legten die Behörden ihr Veto ein; zum Beispiel bei Bierstübl, Verleihnix, Tomtom, Borussia, Rumpelstilzchen, Gastritis und Crazy Horse. Diese Beschneidung der Rechte von Eltern muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. „Man identifiziert sich auf jeden Fall mit seinem Namen“, sagt Frauke Rüdebusch. „Er ist ein wichtiges Identitätsmerkmal, mit dem man im Laufe seines Lebens zusammenwächst. Aber ob ein Otto sich anders entwickelt hätte, wenn er Carsten hieße – das lässt sich nicht nachvollziehen.“

„Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“

Eine Studie der Universität Oldenburg von 2009 legt zumindest nahe, dass Lehrer einigen Vornamen gegenüber Vorurteile haben – und dass sich dies auch auf die Notengebung auswirken kann. Die Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser und ihre Mitarbeiterin Julia Kube befragten mithilfe eines Online-Fragebogens mehr als 2000 Grundschullehrer nach Eigenschaften, die sie mit bestimmten Vornamen verbinden. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, lautete gar eine Aussage. Selbstverständlich ist für den späteren Berufsweg eines Kindes nicht sein Name, sondern vor allem sein Benehmen und seine Leistungen entscheidend. Doch der Vorname, so scheint es, kann durchaus Einfluss auf die Karriere eines Menschen nehmen.

Die beliebtesten Vornamen 2016 waren übrigens Marie und Elias, gefolgt von Sophie und Alexander. Das ist jedoch nur eine Momentaufnahme der Namenspräferenzen: Vornamen unterliegen Moden, die sich langsam, aber stetig ändern. Jürgen Udolph, Gründer und Vorstand des Zentrums für Namenforschung in Leipzig, erklärt das Phänomen: „Wenn zehn Jahre lang kurze Röcke in Mode waren, trägt man irgendwann wieder lange. Bei Namen ist das genauso. Plötzlich finden ihn alle toll, und wir haben fünfmal den gleichen Vornamen im Kindergarten. Daraufhin kommt es schließlich wieder zu einer Trendwende.“

Bevor sich Eltern für einen Vornamen entscheiden, sollten sie auf jeden Fall darüber nachdenken, ob er sich zum Beispiel leicht aussprechen lässt, ob er zum Nachnamen passt – und was er eigentlich bedeutet. Der klangvolle Name Amelie etwa bezeichnet in der Medizin das angeborene Fehlen von Gliedmaßen.