InterviewVorsitzender des S21-Vereins, Georg Brunnhuber „Nicht jeder Sack Zement ist unser Problem“

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Georg Brunnhuber, Vorsitzender des Stuttgart-21-Vereins spricht über die neue Unabhängigkeit des Vereins, die schwieriger werdende Finanzlage und die Voraussetzung dafür, dass er bis zur Fertigstellung weitermacht.

Georg Brunnhuber ist oberster Werber für das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm. Foto: Lg/Kovalenko
Georg Brunnhuber ist oberster Werber für das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm. Foto: Lg/Kovalenko

Stuttgart - Seit knapp zwei Jahren ist Georg Brunnhuber Vorsitzender des Vereins Bahnprojekt Stuttgart-Ulm. Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete von der Ostalb wehrt sich gegen drohende Etatkürzungen und pocht auf die Eigenständigkeit des Vereins.

Herr Brunnhuber, vor einiger Zeit haben Sie die Hoffnung geäußert, dass beim Bau des Bahnhofs bald die erste Kelchstütze emporwächst, damit Sie dem Publikum etwas Neues bieten könnten. Die Stütze ist weiterhin nicht in Bau. Bleiben Ihnen die Leute weg?
Im Gegenteil, aber die Kelchstütze würde wahrscheinlich nochmals eine enorme Zunahme bringen. Wir haben in diesem Jahr nochmals unsere Besucherzahlen steigern können. Im vergangenen Jahr hatten wir 245 000 Gäste im Bahnhofsturm, dieses Jahr dürften wir locker über die 250 000 kommen. Ich sage immer spaßhalber: Mit jeder auch kritischen Berichterstattung nimmt bei uns das Interesse, sich genau damit zu befassen, merklich zu. Seit vergangenem Jahr bieten wir fünf verschiedene Baustellenführungen an, die für uns logistisch sehr anspruchsvoll sind. Gemeinsam mit den Tagen der offenen Baustelle werden wir dieses Jahr 100 000 Menschen über die Baustelle geführt haben. Für manche Führungen sind wir bereits bis zum Sommer 2017 ausgebucht.
Der sich aufdrängende Eindruck eines schleppenden Bauverlaufs bremst Sie nicht?
Nein. Die Leute wollen sich davon vor Ort ein eigenes Bild machen. Aber zugegeben: Der Bau der ersten Kelchstütze wäre ein Highlight. So etwas technisch Komplexes ist auch für Menschen, die mit Bauen wenig am Hut haben ein Erlebnis.
Als Sie vor knapp zwei Jahren ins Amt gewählt wurden, bekamen Sie auch die Stimme des grünen Teils der damaligen Landesregierung – und das Land bezahlte auch wieder für seine Mitgliedschaft. Was hat sich atmosphärisch seit damals im Verein getan?
Wir haben im Verein ein harmonisches Verhältnis. Das liegt vor allem daran, dass der Verein nun eine ganz andere Bedeutung hat als vorher.
…nämlich?
Durch die Trennung der Zuständigkeiten. Die direkte Kommunikation über das Projekt läuft nicht mehr über den Verein, sondern über die Projektgesellschaft PSU. Bauen, Kosten, Zeitplan – zu alldem äußert sich die PSU, während der Verein unabhängig von der Projektgesellschaft gleichermaßen in die Belange aller anderen Projektpartner eingebunden ist. Der Verein ist nicht mehr wie früher alleiniges Sprachrohr des Projektes. Wir müssen nicht jede Entscheidung der PSU kommentieren. Salopp gesagt: Nicht jeder Sack Zement, der gerade umfällt, ist unser Problem.
Dennoch: Gibt es nicht Reibungsverluste, wenn gleich zwei Institutionen Öffentlichkeitsarbeit zum selben Thema betreiben?
Es könnte sie geben. Wir stimmen uns aber gut ab. Die PSU hat genug zu tun, um ihr Projekt, ihre Baustellenprobleme und ihre Zeitpläne öffentlich darzustellen. Wir bekommen von dort natürlich einen Teil unserer Informationen, aber wir sprechen nicht mehr für die Projektgesellschaft. Wir können dadurch auch eine sehr viel objektivere, viel übergeordnete Haltung einnehmen, indem wir allgemein über die Vorteile des Projekts informieren. Das führt natürlich auch zu einem verbesserten Verhältnis zu den anderen Projektpartnern.
Und Ihre Einschätzung, nicht mehr der verlängerte Arm der Bahn zu sein, hat sich auch bei projektkritischen Mitgliedern wie etwa dem Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) durchgesetzt?
Wir haben hier wirklich ein gutes Verhältnis und tauschen uns aus. Die Mitarbeiter des Ministeriums kommen nicht nur zu uns, um alles kritisch zu betrachten, sondern machen sich selbst auch Gedanken, wie es schneller gehen könnte, welche Vorteile das Projekt hat und wie man die öffentlich darstellt. Das läuft besser, als sich das mancher – mich eingeschlossen – je hat vorstellen können.
Aber mehr Geld gibt’s vom Land nicht – weder für das Projekt noch für den Verein?
Fürs Projekt direkt kann ich nichts sagen. Das wird auf einer anderen Ebene entschieden. Für den Verein bekommen wir vom Land derzeit jährlich 600 000 Euro, 300 000 Euro kommen von der Stadt Stuttgart. Schön wäre, wenn wir mehr Geld hätten. Die Hauptlast trägt nach wie vor die PSU. Das alles ist eine erhebliche Hilfe im Hinblick auf die eingangs erwähnten steigenden Besucherzahlen.
Beim Geld droht Ihnen ja offenbar eher Ungemach vom Vertreter der Bahnunternehmen. Wie stark schrumpft denn Ihr Etat deshalb?
Bis jetzt sind wir noch in den Verhandlungen. Die Mitgliederversammlung ist am 9. Dezember. Wir glauben, dass das Projekt noch einige Jahre intensiver Öffentlichkeitsarbeit bedarf. Die Vorgeschichte des Projekts ist vielen noch präsent – das ist auch der Grund für den enormen Zulauf. Die kritische Diskussion ist noch stark in den Medien präsent, da wollen sich viele ein eigenes Bild machen. Die einen sagen, mit jedem Fortschritt des Projekts kann man die Informationspolitik zurückfahren. Wir und einige der Mitglieder sind der Ansicht, dass wir uns weiter auf hohem Niveau bewegen müssen.
Es wäre für Sie schwer den übrigen Mitgliedern zu vermitteln, dass ihr Beitrag gleich bleibt, obwohl die Bahn weniger gibt.
Zumindest müsste man die Sorgen haben, dass sich andere Mitglieder ähnliche Gedanken machen. Auszusteigen und die Baustelle sich selbst zu überlassen, hielte ich für einen politischen Fehler. Die PSU engagiert sich derzeit in einer Größenordnung von 2,8 Millionen Euro pro Jahr in der Vereinsarbeit.
Auch fünf Jahre nach der Volksabstimmung halten Sie Ihre Arbeit also für notwendig? Hat die Abstimmung dann mehr zur Befriedung innerhalb der damaligen grün-roten Landesregierung beigetragen als zur Befriedung in der Bevölkerung?
Sie hat beiden Zielen gedient. Die politische Diskussion wurde beruhigt durch die Volksabstimmung. Dass es immer noch Leute gibt, die sagen, man hätte auch den Kopfbahnhof sanieren können, das ist so. Die wird es auch noch geben, wenn längst Züge durch den neuen Bahnhof fahren. Die Abstimmung hatte den Vorteil, dass die Partei, die immer die Bürgerbeteiligung hoch hielt, danach nicht mehr hinter ihre eigenen Ansprüche zurück konnte. Wegen des Prozedere genießt das Projekt aber eine Aufmerksamkeit, wie kein anderes Projekt in der Republik. Dafür braucht es den Verein. Mittlerweile bekommen wir Anfragen verstärkt auch aus dem Ausland.
Wer bitte interessiert sich denn außerhalb des Bundeslandes noch dafür?
Unlängst war etwa der Wirtschaftsminister des Landes Salzburg bei uns. Denen wird auch klar, dass mit dem Projekt die Magistrale von Paris über Straßburg, Stuttgart, Ulm und München langsam Realität wird. Darin sehen die einen Standortvorteil für Salzburg von unmessbarer Größenordnung. Unsere Idee vom Verein ist es – aber dafür suchen wir noch Sponsoren – mit zunehmender Fertigstellung in allen Städten entlang der Magistrale das Projekt noch bekannter machen. Das wäre für Land und Stadt interessant. Womöglich ist das auch eine Aufgabe fürs Landesmarketing.
In absehbarer Zeit müssen Sie sich Gedanken machen, wo Sie das Projekt in Stuttgart präsentieren. Sie können nicht bis zum Projektende im Turm bleiben, da der saniert wird. Wo geht es in welcher Form weiter?
Es geht auf jeden Fall weiter. Darüber sind wir uns im Verein im Grundsatz einig. Wir müssen nah am Geschehen sein. Noch nicht spruchreif, aber weit gediehen ist die Überlegung, zusammen mit dem Bahnhofsmanagement und dem Fahrkartenverkauf in eine Fläche der Landesbank LBBW zu ziehen. Näher kommen wir an das Projekt nicht heran.
Könnte dieser Einschnitt die Chance beinhalten, den S-21-Verein und seine Arbeit neu auszurichten mit einem Fokus auf die städtebaulichen Folgen des Bahnhofsumbaus?
Die Menschen, die jetzt zu uns kommen, fragen mittlerweile verstärkt danach, was städtebaulich direkt um den Bahnhof herum passiert. Aber die Entwicklung des Gebiets ist keine originäre Vereinsangelegenheit, sondern die der Stadt. Wir beobachten mit großem Interesse, was die Stadt an dieser Stelle vorhat. In der Phase nach dem Projektabschluss bis zum Baubeginn im Rosenstein wäre durchaus eine Chance, unser Knowhow einzubringen. Aber das steht aktuell nicht zur Diskussion.
Wenn OB Kuhn oder Baubürgermeister Pätzold anrufen würden, würden Sie abnehmen?
Schon alleine deshalb, weil sie ja Mitglieder sind. Im Ernst: Wir sind da sehr offen, weil wir das Projekt als Auslöser für eine riesige Chance und Investition in Stuttgart sehen. Es ist ja nur der Schalter, der umgelegt wird, um eine Veränderung von unglaublicher Dimension in der Landeshauptstadt zu ermöglichen.
Diese Erkenntnis scheint sich nun langsam durchzusetzen. Derzeit arbeiten Stadt und Region an der Idee einer Internationalen Bauausstellung. Ist es denkbar, dass der Verein da in die Präsentation mit einsteigt?
Die Erfahrung, die wir mit Bürgerinformation und Projektpräsentationen in den letzten Jahren gewonnen haben, ist immens. Viele Prozesse und Informationsangebote wären identisch.
Noch ist es nicht soweit. Im Gegenteil: Es drohen Verzögerungen. Vorausgesetzt der Bahnhof geht 2021 in Betrieb – da sind Sie 73 Jahre alt, und immer noch im Amt?
Ich bin als Vereinsvorsitzender bis Februar 2020 gewählt. Wenn man so ein Amt übernimmt, möchte man aber auch noch im Amt sein, wenn die Fertigstellung gefeiert wird. Wenn ich gesund bleibe und die Mitglieder mich weiter bestellen, bin ich natürlich gern dabei. Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Dazu gehört die Selbstständigkeit des Vereins, und die Finanzierung muss gesichert sein.