Vorsorge für Raucher Kann Lungenkrebs früh erkannt werden?

Lungenkrebs forderte im Jahr 2021 rund 44 601 Todesopfer. Mehr als 80 Prozent der Erkrankten sind Raucher. Foto: //Julian Stratenschulte

In den USA und Großbritannien werden Raucher zur Lungenkrebsvorsorge eingeladen. Ob sich dieses Screening wirklich lohnt, wann es in Deutschland eingeführt wird und welche Risiken es bergen kann, erklären Krebsforscher.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Krebs aufzuspüren, damit er umso besser heilbar ist – das ist das große Ziel von Krebsmedizinern. Es gibt eine Reihe von bewährten Untersuchungen und Screeningverfahren, die eine solche Früherkennung ermöglichen: Die Darmspiegelung etwa oder die regelmäßige Untersuchung von Hautmalen beim Dermatologen. Doch bei Lungenkrebs, der statistisch gesehen die meisten Todesfälle verursacht, ist in Deutschland noch kein Screening möglich.

 

Wenn Symptome auftreten, ist die Erkrankung meist weit fortgeschritten

Dabei fordert Lungenkrebs im Jahr 2021 allein 44 601 Todesopfer. Zum Vergleich: An Prostatakrebs, der häufigsten Tumorart bei Männern, sind im selben Zeitraum 15 072 Menschen gestorben. Diese schlechte Prognose liegt vor allem daran, dass Frühstadien in der Regel kaum mit Beschwerden einhergehen. Wenn Symptome auftreten, ist die Erkrankung meist schon weit fortgeschritten.

Tatsächlich gibt es aber durchaus Möglichkeiten, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen – und eventuell einen tödlichen Verlauf zu verhindern: Indem man den Brustkorb in regelmäßigen Abständen mittels eines Computertomografen (CT) durchleuchtet. Bei diesem Verfahren werden mit Hilfe von Röntgenstrahlen Bilder vom Körperinneren erstellt. Selbst millimeterkleine Krebsherde können so erkannt werden.

In den USA und Großbritannien gibt es Screenings für Raucher

Dass das funktioniert, steht für Experten wie den Epidemiologen Rudolf Kaaks vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg außer Frage: „Das Screening lohnt sich.“ In den USA und in Großbritannien wurden die regelmäßigen Untersuchungen per CT schon eingeführt. Allerdings nur für Raucher und ehemalige Raucher mit entsprechendem Krebsrisiko: In den USA definiert sich dieses nach der Zahl der sogenannten Packungsjahre. „Wenn jemand über einen Zeitraum von zehn Jahren täglich zwei Päckchen Zigaretten geraucht hat, hat er 20 Packungsjahre angesammelt“, erklärt Kaaks. Ist der Betroffene zudem mindestens 50 und maximal 80 Jahre alt, wird er zum Screening eingeladen. Für Ex-Raucher gilt: Ihr Rauchstopp darf nicht länger als 15 Jahre her sein.

In Studien hat sich gezeigt, dass sich mittels eines CT-Screenings etwa 20 Prozent der Todesfälle verhindern lassen könnten – sofern alle langjährigen Raucher in der richtigen Altersklasse daran teilnehmen und dieses alle ein bis zwei Jahre wiederholen. So wurden 30 bis 40 Prozent der Tumore vier Jahre früher erkannt, als im Vergleich zur üblichen Diagnostik, die meist erst dann einsetzt, wenn der Krebs Symptome verursacht.

Junge und sehr alte Raucher profitieren nicht

Allerdings hat die Früherkennung auch ihre Grenzen: Keinen nennenswerten Nutzen haben Raucher, die nur wenig geraucht haben oder zu jung sind. Denn diese haben meistens kein genügend hohes Risiko für Lungenkrebs. Auch Personen, die zwar vom Alter her den Kriterien entsprechen, gleichzeitig aber nicht bei guter Gesundheit sind, profitieren von der CT-Untersuchung nicht, stellt Kaaks klar. Das Gleiche gilt für Raucher, die älter als 80 Jahre sind. Ihr möglicher Gewinn an Lebenszeit durch eine frühzeitige Diagnose ist sehr eingeschränkt.

Nicht jeder verdächtige Knoten ist auch ein Tumor

Ein weiteres Problem, das Experten sehen, sind die sogenannten Falsch-Positiv-Befunde – also die Fälle, bei denen ein Patient eine Krebsdiagnose erhält, obwohl der Knoten im CT doch kein Krebs war. „Das Leben hinterlässt in jeder Lunge Spuren“, sagt Stefan Delorme, der stellvertretende Leiter der Radiologie am DKFZ in Heidelberg. „Es finden sich immer Knötchen, die aber keine Krebsvorstufen sind.“ Für die Betroffenen sind solche Befunde sehr belastend – nicht nur psychisch aufgrund einer vermeintlich schlimmen Diagnose, sondern auch körperlich. „Sie benötigen für die weitere Abklärung eine Lungenspiegelung, eine Biopsie oder gar eine Operation, die sich dann letztlich als unnötig herausstellt.“

Die Strahlenbelastung ist vergleichsweise gering

Zwar sind die CT-Bilder sehr viel genauer als beispielsweise Untersuchungen, die mit dem Magnetresonanztomografen (MRT) erstellt worden sind, aber auch sie können Überdiagnosen nicht gänzlich vermeiden – also den Fund eines Tumors, von dem der Patient ohne Screening nie etwas bemerkt hätte. „Wir müssen zugeben, dass angesichts der Probleme, die Senkung der Todesrate durch ein solches Screening teuer erkauft ist“, sagt Delorme. Die Strahlenbelastung, die so ein jährliches Screening mit sich bringen würde, sei dagegen vergleichsweise harmlos.

Der Europäische Rat drängt auf eine Einführung

Noch ist es in Deutschland verboten, die Lunge vorsorglich mittels CT zu untersuchen. „Es braucht erst ein umfassendes und einheitlich organisiertes Screeningprogramm, das durch eine leitliniengerechte Abklärung der Befunde gestützt wird“, sagt Delorme. Dass dies kommen wird, ist nur eine Frage der Zeit: Nachdem das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sich positiv zu einem Lungenkrebs-Screening in Deutschland geäußert hat, macht nun auch der Europäische Rat Druck: Im Dezember vergangenen Jahres wurden die Länder aufgefordert, die Durchführbarkeit und Wirksamkeit eines Screenings unter Einsatz von Niedrig-Dosis-Computertomografie zu prüfen.

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