Mit dem Heimspiel an diesem Sonntag (15.30 Uhr) gegen RB Leipzig beginnt für den VfB Stuttgart die neue Saison. Der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle hat sich zuvor Zeit genommen, um über die Lage des Fußball-Bundesligisten zu sprechen. Dabei blickt er über den VfB hinaus.
Herr Wehrle, vor knapp drei Monaten herrschte im Stuttgarter Stadion nach der Rettung gegen den 1. FC Köln der emotionale Ausnahmezustand. Wie viel von diesem Hochgefühl kann man in den Saisonstart jetzt mitnehmen?
Es ist noch sehr viel an positiver Energie nach dieser emotionalen Explosion vorhanden, auch bei den Spielern ist das weiter präsent. Es war im Trainingslager immer noch Gesprächsthema, wie ich bei meinem Besuch festgestellt habe. Ich habe den Eindruck, dass durch die Rettung in letzter Minute ein anderer Spirit beim VfB entstanden ist.
Wird sich dieser neue Geist nun auf der sportlichen Ebene auswirken?
Das hoffe ich. Unser Saisonziel ist und bleibt der Klassenverbleib, den wir aber idealerweise nicht wieder erst in der Nachspielzeit am letzten Spieltag sichern wollen.
Das bedeutet: wieder Abstiegskampf. Ist das ständige Zittern um den Klassenverbleib nicht zu wenig für einen Club wie den VfB – mit dieser Tradition?
Nein, zunächst geht es darum, die Herausforderungen der neuen Saison zu bestehen. Mittelfristig wollen wir uns sportlich ambitioniertere Ziele setzen, aber noch nicht für die anstehende Spielzeit. Man muss unsere derzeitigen Möglichkeiten realistisch einordnen.
Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um wieder weiter nach oben zu kommen?
Seit ich hier im April begonnen habe, ging es zunächst darum, die strategische Ausrichtung für die Zukunft umzusetzen. Unser Leitmotto dabei ist, dass wir den maximalen sportlichen Erfolg anstreben, ohne unsere wirtschaftliche Existenz zu gefährden. Da sind wir auf einem guten Weg. Dennoch müssen wir schauen, dass wir in allen relevanten Bereichen die Umsätze steigern. Also bei den Zuschauern, im Merchandising, mit unseren Sponsoren und Partnern.
Bei der Verteilung der Fernsehgelder liegt der VfB mit etwa 40 Millionen Euro auch nur auf Rang 15.
Genau. Auch diese Einnahmen spielen mittlerweile eine signifikante Rolle. Durch die beiden Abstiege in den vergangenen Jahren haben wir in diesem Bereich stark an finanzieller Substanz verloren. Das gilt es, innerhalb der nächsten Jahre aufzuholen.
Geht das denn so einfach?
Nein, denn ein Problem stellt dabei sicher die Verteilung der TV-Gelder aus den internationalen Wettbewerben unter den Bundesligisten dar. Diese sollte bei der zentralen Vermarktung substanziell verändert werden, um mehr Chancengleichheit zu erreichen. Dafür trete ich ein. Schauen Sie: Alleine der Sieger der Champions League nimmt 130 Millionen Euro ein. Das ist unser kompletter Umsatz für ein Jahr, und somit bewegt sich ein Champions-League-Teilnehmer in einer völlig anderen Dimension. Dem Wettbewerb in der Liga tut diese Entwicklung nicht gut. Irgendwas in dem System läuft falsch.
Was läuft in der Liga falsch?
Und das führt dazu, dass der FC Bayern in dieser Saison wieder Meister wird?
Das wird man sehen, aber für den deutschen Fußball ist es wichtig, dass wir eine möglichst ausgeglichene Liga haben, ohne den FC Bayern als Serienmeister. Nur so bleibt die Liga attraktiv, gerade international. Wenn die Ergebnisse vorhersehbar werden, sehe ich die Gefahr, dass wir auf Dauer nicht mehr so viele Menschen für unseren Sport begeistern können. Dabei ist mir aber noch eine andere Sache wichtig.
Welche?
Dass wir als Proficlubs wieder viel enger mit den Amateurvereinen kooperieren. Wenn es uns in Zukunft nicht gelingen sollte, junge Menschen für den Fußball zu begeistern, dann werden wir irgendwann auch im professionellen Fußball ein Riesenproblem haben. Es muss eine viel engere Verzahnung zwischen den Proficlubs und den Vereinen der jeweiligen Region geben. Wir haben als VfB eine Verantwortung für die Amateurvereine. Für entsprechende Neuerungen werde ich mich als DFB-Aufsichtsratsvorsitzender einsetzen. Die Diskrepanz zwischen 200 Millionen Euro Ablöse für einzelne Topspieler einerseits und den Amateurvereinen andererseits, die aufgrund finanzieller Probleme infolge der Coronakrise keinen neuen Platz bauen können, wird uns ansonsten zerreißen.
Wie kann der VfB konkret helfen?
Wir müssen zunächst als Sportgemeinschaft wieder näher zusammenrücken. Als VfB werden wir in dieser Sache auf den Württembergischen Fußballverband zugehen. Wir wollen über unsere laufende Zusammenarbeit mit Partnervereinen hinaus noch mehr Projekte initiieren und die anderen Vereine in der Region mitnehmen, auch mit Aktionen im Stadion. Fußball erreicht die jungen Menschen noch, wir haben da eine gesellschaftliche Verantwortung.
Müssen noch Spieler verkauft werden?
Zu Ihrer Verantwortung als AG-Boss gehört es, dass die Bilanzzahlen nicht in den roten Bereich rutschen. Muss der VfB einen Transferüberschuss erzielen, um auf stabilen Beinen zu stehen?
Das würde helfen, die durch Corona entstandenen Verluste schneller wieder hereinzuholen. Da sprechen wir immerhin von einem Umsatzverlust von 90 Millionen Euro. Dennoch müssen wir nicht um jeden Preis durch Spielerverkäufe einen Überschuss erzielen. Ansonsten hätten wir bislang gar nicht proaktiv Spieler verpflichten können. Das oberste Ziel ist es, eine wettbewerbsfähige Mannschaft zu stellen – und die haben wir momentan.
Das heißt, der VfB könnte ohne weitere Verkäufe in die Saison gehen?
Ja. Wir sind ohne Spielerverkäufe wirtschaftlich handlungsfähig. Im Übrigen gibt es ja noch viele andere Möglichkeiten, um abseits von Transfers Einnahmen zu generieren.
Zum Beispiel?
Mittelfristig eröffnet der Stadionumbau ab 2024 das Potenzial für deutliche Mehreinnahmen. Wir werden 8000 Quadratmeter zusätzlich an Vermarktungs- und Eventfläche haben, das ist schon eine Hausnummer. Auch in den Bereichen Merchandising und Marketing sehen wir Potenziale, etwa durch eine verstärkte Internationalisierung. Und einen großen Schritt können wir durch einen weiteren strategischen Partner gehen.
Wie läuft es bei der Investorensuche
Die Investorensuche dauert aber schon lange. Wie ist der aktuelle Stand?
Wir geben keine Wasserstandsmeldungen ab. Doch wir haben das Thema in den vergangenen Wochen intensiv bearbeitet und Gespräche geführt, mit positiver Resonanz. Ich bin jedoch dagegen, Investoren um jeden Preis zu suchen. Deswegen wird es da auch keinen Zeitplan geben, weil wir dann tatsächlich an einem bestimmten Punkt abschließen müssten. Wir wollen den passenden Partner finden, der Werte und Strategien mit uns teilt.
Soll es nach dem Autokonzern Mercedes und dem Sportausrüster Jako wieder ein Unternehmen aus der Region sein?
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre eine regionale Verwurzelung schön. Aber wir sind da nicht festgelegt.
Fordert eigentlich Ihr Sportdirektor Sven Mislintat die schnelle Erschließung neuer Einnahmequellen, um die bestehende Mannschaft zusammenzuhalten oder sie verstärken zu können?
Nein, überhaupt nicht. Sowohl er als auch unser Trainer Pellegrino Matarazzo gehen unseren Weg zu hundert Prozent mit. Da gibt es kein Grummeln, kein Klagen, keine Forderungen. Bei uns herrschen Ruhe und Geschlossenheit. Wir tauschen uns nahezu täglich aus.
Aber nicht über die Besetzung der Stelle als Sportvorstand. Derzeit üben Sie dieses Amt ja in Doppelfunktion aus.
Stimmt, darüber werden wir nach dem Ende der Transferperiode im September reden, nicht früher. Ebenso über eine Vertragsverlängerung mit Sven, dessen Kontrakt im nächsten Jahr endet. Wir haben derzeit viel zu tun auf dem Transfermarkt. Und ich finde, dass wir bisher einen guten Job gemacht haben. Das betrifft Sven, aber auch unseren Nachwuchschef Thomas Krücken.
Werden Sie Ersatz holen, falls Leistungsträger wie Sasa Kalajdzic oder Borna Sosa den VfB noch verlassen?
Ausgeschlossen ist das nicht. Erst mal müsste aber ein sehr hohes Angebot von einem anderen Verein kommen, um überhaupt einen der beiden abzugeben. Erst danach würden wir uns intern zusammensetzen und bewerten, ob wir personell noch mal nachjustieren müssten oder nicht.