Wie laufen Vorstellungsgespräche mit jungen Menschen heute ab? Foto: imago/Westend61
In Zeiten des Fachkräftemangels haben junge Bewerber auf dem Jobmarkt leichtes Spiel und können hohe Forderungen stellen – so das Klischee. Wie sehen Personaler das, die mit ihnen Vorstellungsgespräche führen?
Homeoffice aus dem Ausland, Vier-Tage-Woche, keine Überstunden – so wollen die jungen Leute arbeiten. Das ist zumindest das Klischee über die sogenannte Gen Z, also zwischen 1995 und 2010 geborene Menschen, wenn es um ihre Arbeitsmoral geht. Diese Forderungen können sie sich nur leisten, weil es den Fachkräftemangel gibt und sie sich ihre Jobs aussuchen können, so der Tenor. Doch ist das wirklich so?
Anke Brinkmann beobachtet schon bestimmte Entwicklungen. Sie ist im Berliner Energieunternehmen „HH2E“ für das Personal zuständig und engagiert sich im Bundesverband der Personalmanager*innen (BPM). Mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Bereich der Personal- und Organisationsentwicklung hat sie schon viele Vorstellungsgespräche geführt.
Brinkmann fällt vor allem auf, dass junge Menschen viel mehr nach Sinnhaftigkeit fragen als Leute das gemacht haben, die schon ein wenig älter sind.
Junge Leute wollen mitgestalten und lernen
Mitgestalten sei den jungen Leuten wichtig. „Ich möchte gesehen werden, ich möchte gehört werden und ich möchte mitgestalten und mich sinnvoll einbringen“, das höre sie oft. Arbeiten auf Augenhöhe, also. „Was wiederum dazu führt, dass ich mich sinnvoll einbringen kann.“
Vor zehn Jahren beispielsweise hätten junge Leute im Vorstellungsgespräch nach Karrieremöglichkeiten gefragt. Da sei es um Titel, Position und Status gegangen. Heute gehe es dagegen eher darum, was die Menschen lernen können.
Anke Brinkmann hat schon viele Vorstellungsgespräche geführt. Foto: Hoffotografen
Also keine utopischen Forderungen, die mit der Gen Z in Zusammenhang gebracht werden? Nein: Anke Brinkmann hat gelernt, dass Gesundheit jungen Menschen wichtig ist – Sportangebote fordern sie häufig. Von utopischen Forderungen höre sie auch im BPM nichts. Jobticket, Bahncard, Mittagessen – ja, aber: „Das ist nicht utopisch. Ich finde, das gibt Klarheit.“
Dass junge Menschen nur im Homeoffice oder aus dem Ausland arbeiten wollen, nehme sie nicht wahr. Im Gegenteil: Anke Brinkmann werde in Vorstellungsgesprächen heute oft gefragt, ob auch analog im Büro gearbeitet wird. „Diese Pandemie-Generation möchte auch wieder mehr persönliche Kontakte und ins Büro kommen, bei gleichzeitiger Möglichkeit der Flexibilität“, sagt sie. „Also hybride Arbeitsmodelle.“ Junge Leute wollen wissen, wie man zusammenarbeitet, wie die Kultur im Unternehmen ist.
Ihr scheint es, als wollten sie insgesamt mehr von der Arbeit. Nicht mehr nur das Gehalt oder die Position. Das Gesamtbild müsse stimmen. Das Unternehmen selbst sei teilweise austauschbar – Bewerber suchen sich aus mehreren das aus, bei dem sie das beste Gefühl haben. Das ist teilweise sogar wichtiger als das Gehalt, so ihr Gefühl: „Ich nehme wahr, dass es nicht um 100 Euro geht, die man im Monat mehr oder weniger verdient, sondern eher um Rahmenbedingungen in der Zusammenarbeit und das Gesamtpaket“, sagt sie.
Kultur, Bildung, Branche – es kommt darauf an
Bei allen Tendenzen und Entwicklungen – für Brinkmann gilt vor allem: Es kommt darauf an. Geht es um Akademiker oder nicht, in welchem Bereich arbeiten sie, wie sind ihre Lebensumstände. Auch die Kultur, in der sie sozialisiert sind, spiele eine Rolle. Alles wirke darauf ein, was für Forderungen die Leute stellen.
Also ist der Fachkräftemangel kein Freifahrtschein für die Gen Z? „Wir sind in einer wirtschaftlich herausfordernden Situation, welche sich auch auf den Arbeitsmarkt auswirkt“, sagt Brinkmann. Ja, punktuell würden Fachkräfte gesucht. Aber zurzeit würden auch sehr viele Menschen entlassen. Vieles sei im Wandel, ganze Branchen entstünden neu. Von jungen Menschen werde viel Flexibilität verlangt. „Man kann nicht mehr sagen: Jeder bekommt den einen Job, den er möchte. Weil wir einen Fachkräftemangel haben“, sagt sie. „Es muss differenziert betrachtet werden nach Branche und Region.“
Trends in Bewerbungsprozessen
Ghosting 74 Prozent der jungen Menschen berichten, dass sie bereits von Unternehmen „geghostet“ wurden, wie eine Studie der Recruitingplattform JobTeaser zeigt. Das bedeutet, dass sich die Personaler mitten im Bewerbungsprozess einfach nicht mehr melden. Für Anke Brinkmann unvorstellbar.
KI Während 72 Prozent der jungen Bewerber laut JobTeaser-Studie Künstliche Intelligenz (KI) einsetzen, um ihre Unterlagen zu optimieren und Interviewgespräche zu üben, nutzen nur 40 Prozent der Personalabteilungen KI für ihre Arbeit. Anke Brinkmann hält es durchaus für sinnvoll, den Lebenslauf mit bestimmten Stichworten auszustatten, die gesucht werden. So können KI-Systeme die Dokumente auslesen.