Vorstoß der Trinkwasserversorger Baden-Württemberg Zu viel Nitrat im Grundwasser

Auch die Ausbringung von Gülle trägt zur Nitratbelastung des Grundwasser bei. Foto: dpa/Philipp Schulze

Die Trinkwasserversorger fürchten, dass sich trotz einer verschärften Düngeverordnung nichts ändern werde. Sie werfen dem Land massive Schönrechnerei vor.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Im Südwesten sind Teile des Grundwassers noch immer mit Nitraten belastet, die zu einem großen Teil aus Düngemitteln der Landwirtschaft stammen dürften: Bei 18 Prozent der Messstellen ist der kritische Warnwert von 37,5 Milligramm pro Liter überschritten, bei 8,8 Prozent wurde sogar der Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter gerissen. Die Wasserversorger müssen deshalb das Trinkwasser immer stärker mischen. Verbände haben jetzt der Landesregierung jahrelange Untätigkeit und massive Schönrechnerei der Daten vorgeworfen. Zuständig sind Agrar- und Umweltministerium.

 

Der Hintergrund: Im vergangenen Jahr hat Deutschland eine neue Düngeverordnung erlassen, nachdem die EU wegen jahrzehntelang zu hoher Nitratwerte ein Vertragsverletzungsverfahren in die Wege geleitet hatte. Auf der Basis von Modellrechnungen haben die Bundesländer deshalb jetzt rote Zonen ermittelt, in denen gehandelt werden muss. Der springende Punkt ist aber, dass Baden-Württemberg nur auf 1,5 Prozent der Landesfläche Probleme sieht, während laut der Messdaten 5,7 Prozent im kritischen Bereich liegen. „Das Problem wird kleingerechnet“, kritisiert Frieder Haakh als Vorsitzender der Grundwasserdatenbank Wasserversorgung die Regierung; Haakh ist zugleich der Vorsitzende der Landeswasserversorgung, die drei Millionen Menschen mit Trinkwasser beliefert.

In Bad Saulgau werden die Stadtwerke jetzt selbst aktiv

Johannes Übelhör von den Stadtwerken Bad Saulgau wundert sich zum Beispiel sehr, dass ein Wasserschutzgebiet bei Bad Saulgau mit Werten von mehr als 60 Milligramm pro Liter gar nicht zu den roten Zonen des Landes gehört. Da Stuttgart nicht reagiere, hätten die Stadtwerke dort jetzt begonnen, Landwirten Zuschüsse zu bezahlen, wenn sie statt Mais Blühmischungen oder Ackergras anpflanzen, die nicht gedüngt werden müssten, so Übelhör. So sollen die Nitratwerte sinken.

Frieder Haakh lehnt dieses Vorgehen aber im Grundsatz ab. Es sei EU-Recht, dass die Grenzwerte eingehalten werden müssen – man dürfe die Bauern nicht auch noch dafür belohnen: „Das wäre, als ob ein Autofahrer in der Tempo-30-Zone 50 Stundenkilometer fährt und Geld dafür haben will, damit er angepasst fährt.“ Haakh und auch drei baden-württembergische Wasser- und Kommunalverbände fordern vielmehr einen stringenten Umstieg auf ökologische Landwirtschaft und endlich ein Eingreifen der Politik.

Wasserversorger erwägen eine Klage gegen das Land

Tatsächlich aber gibt es seit Jahrzehnten deswegen Konflikte zwischen Wasserversorgern und Agrar- und Umweltministerium. Mittlerweile scheint das Tischtuch zerschnitten: Frieder Haakh macht keinen Hehl daraus, dass er unter dem derzeitigen Agrarminister Peter Hauk (CDU) keine Verbesserung der Nitratwerte mehr für möglich hält. Die sogenannte Schutzgebiets- und Ausgleichsverordnung (Schalvo) sei schließlich schon in den 1990er Jahren eingeführt worden, um die Nitratwerte zu senken – dafür zahlen die Haushalte derzeit zehn Cent pro Kubikmeter als „Wasserpfennig“. Das hat zwar einiges gebracht. „Aber die eigentlichen Problemgebiete sind nicht verschwunden, und auch die neue Düngeverordnung wird nicht zu einem Umschwung führen“, kritisiert Haakh. Er erwägt sogar eine Klage, um Einsicht in die Daten zu erhalten, auf deren Basis die jetzigen roten Zonen errechnet worden sind.

Zuständig sind im Südwesten das Agrar- und das Umweltministerium. Sie können die Vorwürfe der Verbände nicht nachvollziehen. Im Gegenteil habe das intensive Wassermanagement der letzten 20 Jahre dazu geführt, dass „wir in Baden-Württemberg als einziges Bundesland signifikant fallende Nitratwerte aufweisen“, heißt es in einer Antwort. Die Ausweisung der roten Zonen sei konsequent nach den Vorgaben des Bundes erfolgt; die Zahlen könnten nicht in Bezug zu den Messdaten gesetzt werden, wo eher problemorientiert gemessen werde. Von insgesamt 142 Grundwasserkörpern in Baden-Württemberg seien nur sieben in einem schlechten chemischen Zustand in Bezug auf Nitrat. Tatsächlich sinken die Durchschnittswerte; viele problematische Messstellen bleiben aber laut den Trinkwasserverbänden seit Jahrzehnten konstant.

Gerhard Bronner vom Landesnaturschutzverband unterstützt dagegen die Forderungen der Wasserversorger: „Angesichts der Klimaerwärmung muss das Land darauf eingerichtet sein, in Trockenperioden bei Spitzenabgaben von Wasser in den Sommermonaten auf alle verfügbaren Wasserressourcen zurückgreifen zu können.“ Tatsächlich sinken die Grundwasserstände tendenziell immer weiter ab. Auch der BUND forderte eine Offenlegung der Daten zur Stickstoffdüngung.

Die kritischen Gebiete liegen in ganz Baden-Württemberg verteilt, mit Ausnahme des Schwarzwaldes und der Schwäbischen Alb. In der Region Stuttgart ist der Landkreis Ludwigsburg mit 29,5 Milligramm pro Liter deutlich über dem Landesschnitt.

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