Peinlich, aber wahr: Bis heute schwirren durch unsere Köpfe Bilder, die im Kolonialismus strategisch verbreitet wurden. Deshalb deuten wir Bilder sogar völlig falsch, sagt etwa der Tübinger Historiker Bernd Grewe.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Manchmal hat man den Eindruck, dass es auf der Erde ohne uns Europäer sehr trübe aussähe. Nicht nur im ZDF-„Traumschiff“ wird gern die alte Mär wiederholt von den Weißen, die Klugheit und Kultur in die Welt bringen. Dass auf dieser Erde klare Hierarchien existieren, an deren Europäer an der Spitze stehen, scheint bis heute in vielen Köpfen verankert zu sein.

Stereotype übersieht man leicht

Warum ist das so? Dieser Frage ist Bernd Grewe nachgegangen. Er ist Historiker an der Universität Tübingen und hat eine erstaunliche Antwort. Bei seinem Online-Vortrag „Visuelles Erbe des Kolonialismus“ am vergangenen Freitag, zu dem das Linden-Museum und die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde geladen haben, hatte er reichlich unschöne Bilder dabei, die zeigen, dass man bis heute an vielen Stellen die Vorstellung von einer „zivilisatorischen Überlegenheit über Nicht-Europäer“ ablesen können. Grewe ist überzeugt: „Die Stereotype sind noch weit verbreitet, wenn auch nicht immer auf den ersten Blick erkennbar.“

Das Bild vom wilden Schwarzen wird weiterhin bedient

Wobei die rassistischen Stereotype mitunter unübersehbar sind: So präsentierte Nivea in einer Werbung einen frisch frisierten Afrikaner, der einen abgeschlagenen Kopf eines wilden Schwarzen von sich schleuderte. Müllermilch hat in Werbe-Aktionen dunkelhäutige Frauen allein ihrer Hautfarbe wegen eingesetzt, und nach der Berichterstattung über die sexuellen Übergriffe an Silvester 2015 in Köln schlachteten auch seriöse Tageszeitung die alte Vorstellung aus vom wilden Schwarzen, der die weiße Frau schändet.

Immer gleiche Bilder aus den Kolonien

Das „visuelle System“ des Kolonialismus, so Bernd Grewe, „ist noch verbreitet.“ Wie sollte es auch anders sein, wenn zahlreiche Generationen immer nur mit Bildern konfrontiert wurden, die die immer gleichen Szenen zeigen? Millionen Postkarten wurden aus den Kolonien geschickt wurden. Fotos, Filme oder Sammelbildchen von Stollwerk oder Liebig, Völkerschauen, die durch deutsche Städte tingelten – allüberall wurde „eine bestimmte koloniale Realität inszeniert“, so Grewe. Man zeigte die Segnung der modernen Medizin, die neuen Eisenbahnen und europäischen Bauwerke. „Und man betonte die Fremdheit der einheimischen Bevölkerung“. Deshalb trugen die Menschen oft Baströckchen, auch wenn das der Wirklichkeit nicht entsprach. So wurde die „soziale globale Ordnung“ zementiert – und wird es in ZDF-Schmonzetten immer noch, wenn Szenen alter Fotos mitunter eins zu eins nachgestellt zu sein scheinen.

Man sieht, was man glaubt zu sehen

Wie wirkmächtig die Stereotype in den Köpfen eingebrannt sind, zeigt ein spannender Versuch, von dem Grewe berichtete. So sollten die Teilnehmenden das historische Foto einer schwarzen Frau deuten, die vor einem weißen Holzhaus steht. Man war sich einig, dass sie Angestellte in einem vermutlich weißen Haushalt war. Ganz falsch: Es war eine königliche Hoheit im damals noch unabhängigen Tonga. „Bei vielen Missionsbildern zeigen sich andere Interpretationsmöglichkeiten, die wir aber nicht sehen, weil unsere Vorprägung so stark ist“, meint Grewe – und machte in seinem Vortrag bewusst, dass die alten Muster den Blick für die Wahrheit vollständig verstellen können und dadurch bis heute oft „Schwarze nicht als eigenständige Akteure ihrer eigenen Geschichte gesehen werden“. Sein Appell lautet deshalb, dass man sich beim Betrachten von Bildern fragen sollte, ob es tatsächlich das darstellt, was man glaubt zu sehen.

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