Vortrag im Automuseum Wie Dr. House Patienten hilft

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Der Marburger Mediziner Jürgen Schäfer berichtet in Stuttgart über Detektivarbeit am Krankenbett. Er erklärt, was man von dem Arzt aus der Klinikserie im Hinblick auf Menschen mit seltenen und unerkannten Krankheiten lernen kann.

In der gleichnamigen Fernsehserie löst der skurrile Dr. House  mit seiner genialen Kombinationsgabe immer wieder knifflige  Krankheitsfälle. Foto: Fox
In der gleichnamigen Fernsehserie löst der skurrile Dr. House mit seiner genialen Kombinationsgabe immer wieder knifflige Krankheitsfälle. Foto: Fox

Stuttgart - Fachlich sei er bei Weitem nicht so gut wie Dr. House, räumt Jürgen Schäfer ein – nicht ohne sofort anzufügen: „Aber menschlich bin ich auch nicht so schwierig.“ Der Mediziner, der schon mal als deutscher Dr. House tituliert wird, leitet am Uniklinikum Gießen-Marburg das Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen (ZusE). Jetzt hat er auf Einladung der Daimler-und-Benz-Stiftung im Mercedes-Benz- Museum über seine Erfahrungen berichtet: „Detektivarbeit am Krankenbett – Was können wir von Dr. House und seltenen Erkrankungen lernen“, lautete das Thema.

In der US-amerikanische Fernsehserie löst der fachlich brillante, aber als Person manchmal kaum erträgliche Dr. House medizinisch äußerst knifflige Fälle. „In diesem Spannungsgebiet befinden wir uns in der Medizin häufiger“, kommentiert Schäfer den Hintergrund der Serie, stellt aber zugleich fest, dass ein Arzt wie Dr. House hierzulande „in keiner Klinik die Probezeit überstehen würde“. Das ändert aber nichts an seiner Achtung vor den Themen und Fällen, die in den Filmen aufgegriffen werden.

Idee für ein Dr. House-Seminar

Natürlich sehen auch Medizinstudenten „Dr. House“ – und sie haben vor Jahren Jürgen Schäfer nach dem medizinischen Wahrheitsgehalt der dort geschilderten Fälle gefragt. Dies brachte den damals als Herzkathederexperte tätigen Kardiologen auf die Idee, ein „Dr. House“-Seminar anzubieten. Daraus entstand dann auch das ZusE: „Das ist bundesweit das einzige Zen­trum für seltene Erkrankungen, das aus einer Lehrveranstaltung heraus gegründet wurde“, sagt Schäfer, der offen zugibt, dass sich „Dr. House“ als Türöffner hervorragend nutzen lässt.

Der bundesweite Erfolg dieser „Dr. House“-Idee bereite ihm allerdings auch schlaflose Nächte, was er sich als altgedienter Klinikarzt früher nicht hätte vorstellen können. Aber nun schicken ihm Patienten ihre Unterlagen, verbunden mit dem Hilferuf „Sie sind meine letzte Hoffnung“. Rund 7000 Zusendungen erhalte das Marburger Zentrum jährlich, wovon „wir aber nur tausend schaffen“, bedauert Schäfer.

Schleichende Metallvergiftung

Nach diesem kurzen Einblick in sein Seelenleben kommt der Mediziner dann im Untertürkheimer Automuseum auf das eigentliche Thema seines Vortrags zu sprechen: Auf die Anregungen, die er, seine Kollegen und seine Studenten aus den „Dr. House“-Filmen erhalten. Als Beispiel spielt er eine einminütige Sequenz aus einem Fall ab: Dabei erkennt House, dass es einer Patientin deshalb so schlecht geht, weil eine schadhafte Hüftendoprothese aus Metall ihren Körper schleichend vergiftet hat. Ein Schnitt in die Leistengegend zeigt, dass das Gewebe dort wegen der eingelagerten Metallteilchen schwarz ist.

Dieser Fall führte dazu, dass in Marburg der Grund für die massiven gesundheitlichen Probleme eines Patienten erkannt wurde. Der Mann litt unter einer schweren Herzschwäche – er stand auf der Warteliste für ein neues Herz. Zudem war er schwerhörig geworden und konnte nur noch schlecht sehen. Wegen der Probleme war sein ganzes Leben „den Bach runtergegangen“. Gleichwohl kam von seiner Ex-Ehefrau der Hinweis, dass die Pro­bleme nach seiner zweiten Hüft-OP angefangen hätten, wie Schäfer berichtet.

Keramik schmirgelt Metall ab

So konnte schließlich die Ursache für die lebensbedrohliche Erkrankung des Patienten erkannt werden: eine Kobaltvergiftung. Der Mann hatte eine Hüftprothese erhalten, deren Gelenkkopf aus Keramik bestand. Bei einem Treppensturz war der Keramikkopf aber zerbrochen. Daraufhin wurde ihm eine Prothese aus Metall eingesetzt. Allerdings waren noch Keramiksplitter im Körper verblieben, und die rieben sich an dem neu eingepflanzten kobalthaltigen Metall. Die laufend freigesetzten Kobaltteilchen führten zu der Vergiftung.

Schäfer zeigt Bilder der abgeschmirgelten Prothese, die am Kopf ein großes Loch aufweist: „Insgesamt wurden etwa 30 Gramm Metall im Körper freigesetzt“, berichtet er – und rät dann seinem gespannt zuhörenden Publikum: „Wer empfindlich ist, der sollte nun die Augen schließen.“ Auf den folgenden Bildern der offenen Wunde sind deutlich die schwarzen Metallablagerungen zu erkennen. Seit der neuerlichen Operation geht es dem Patienten wieder viel besser. Insgesamt, so Schäfers Fazit, habe man sozusagen mit der Hilfe von Dr. House zwölf Patienten mit Kobaltvergiftung helfen können – vier von ihnen seien bereits blind und taub gewesen.

Teure Medikamente

Die minutiöse Detektivarbeit des Marburger ZusE-Medizinerteams führt immer wieder zu ungewöhnlichem Erfolg, wie der „deutsche Dr. House“ nicht ohne Stolz berichtet. So litt beispielsweise eine Frau über Jahre hinweg unter verschiedenen Symptomen. Psychosomatische Störungen, lautete schließlich die Diagnose – wie so oft, wenn die Ärzte keine wirkliche Ursache finden. Der Ehemann lieferte schließlich den entscheidenden Hinweis: Während der zwei Wunsch-Schwangerschaften sei es der Frau richtig gut gegangen. So kamen die Ärzte auf die Idee, dass die in der übrigen Zeit zur Verhütung eingepflanzte Spirale, die auch kontrazeptive Hormone freisetzt, die Ursache gewesen war. Zwar ist bekannt, dass diese Hormonspirale Depressionen und andere Leiden auslösen kann – aber wenn diese erst drei bis vier Monate später auftreten, denke kaum jemand an einen Zusammenhang, so Schäfer.

„Wir haben schon viel hinter uns, aber auch noch einiges vor uns“, kommentiert der Mediziner seine derzeitige „spannende, aber komplexe“ Tätigkeit. Ein ungewöhnlicher Gendefekt, der einem Geschwisterpaar viel Leid zugefügt hat, bringt ihn schließlich zu den manchmal enorm hohen Behandlungskosten für seltene Krankheiten. Gegen die genetisch bedingte Lipidspeicher-Krankheit Zerobrotendinöse Xanthomatose (CTX) gebe es zwar ein Medikament, das aber in jüngster Zeit ex­trem teuer geworden sei. Als das Mittel früher noch zur Behandlung von Gallensteinen eingesetzt wurde, habe es 600 bis 700 Euro pro Jahr gekostet. Dann seien die Kosten auf 39 000 Euro pro Jahr gestiegen. Doch seit das Medikament in diesem Monat als sogenannte Orphan Drug zur Behandlung seltener Krankheiten zugelassen wurde, sei der Preis für die Behandlung auf jährlich 300 000 Euro explodiert. „Das sind die Probleme, die uns beschäftigen“, kommentiert Schäfer diese Entwicklung, nicht ohne anzufügen: „Aber es funktioniert, den Patienten geht es besser.“