Vortrag im Haus der Geschichte Wie die Nazis die Gier für sich nutzten

Götz Aly bei seinem Auftritt im Haus der Geschichte Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone
Götz Aly bei seinem Auftritt im Haus der Geschichte Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Der Historiker Götz Aly war zu Gast im Haus der Geschichte und hat sich die Frage gestellt, wie es möglich war, dass die Mehrheit der Deutschen das verbrecherische Regime der Nazis unterstützten. Aly stellt dabei eine interessante These auf.

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Stuttgart - Wieso folgten Millionen von Deutschen nach 1933 den Nationalsozialisten? Wodurch gelang es Adolf Hitler die große Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugen, weitgehend widerstandslos eine totale Diktatur zu akzeptieren? Mit Gewalt, mit massiven Repressionen? Auch, aber bei Weitem nicht nur. Die Antwort, die der Politikwissenschaftler und Historiker Götz Aly auf diese Fragen gibt, bündeln sich in dem Begriff der „rassistischen Raubgemeinschaft“. Oder anders formuliert: Der Nationalsozialismus war aus Sicht des Berliner Geschichtswissenschaftlers auch eine gut funktionierende Bestechungsmaschinerie – freilich eine, die nur bis zum unabwendbaren Zusammenbruch funktionieren konnte.

Bestechung der „Volksgemeinschaft“

Im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung „Gier. Was uns bewegt“, die noch bis zum 19. September zu sehen ist, war Götz Aly am Dienstagabend zu Gast im Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Ein sehr passender Rahmen: Denn auf der Klaviatur des menschlichen Gefühls der Gier haben demnach auch die Nationalsozialisten virtuos gespielt: Aly macht im Gespräch mit Jan Sellner, Lokalchef unserer Zeitung, deutlich, dass die Macht, die diese „Gefälligkeitsdiktatur“ entwickeln konnte, aus einem ökonomischen Blickwinkel betrachtet, zu einem Gutteil auf der umfassenden Bestechung der deutschen „Volksgemeinschaft“ ab 1933 gründete: Kindergeld, steuerrechtliche Bevorzugung der Familie, Krankenversicherung für Rentner, Sonntagszuschläge für Arbeiter und vieles mehr. Nicht nur seien etwa die deutschen Soldaten die bestbezahlten der Welt gewesen, wie Aly betont. „Auch sind beispielsweise im ganzen Zweiten Weltkrieg die Steuern für die einfachen Leute niemals erhöht worden.“ Der Historiker will seinen ökonomischen Erklärungsversuch zwar als nur einen neben mehreren verstanden wissen. Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, warum das nationalsozialistische Unrechtssystem möglich wurde, sei, nach Alys Dafürhalten, in der Vergangenheit jedoch die repressive Seite des Systems „überbetont“ worden.

Spätestens 1938 war der Staat hoffnungslos überschuldet

Dass die Nazis keinen öffentlichen Einblick in die Staatskasse duldeten, hatte seinen guten Grund: Spätestens 1938 war der Staat hoffnungslos überschuldet. In diesem Moment greift das System massiv auf die jüdischen Vermögen zu. Der – zunächst interne – Raubzug beginnt. Die Verschuldung, so der Historiker, lag zu diesem Zeitpunkt bei 50 Prozent des Staatshaushaltes.

Die Zuwendungen an die „Volksgemeinschaft“ flossen weiterhin – zulasten der jüdischen Bevölkerung: „Zugunsten des schönen Scheins wurde diese Minderheit vollständig enteignet.“ Aly, der auch ehemaliger Kolumnist der Stuttgarter Zeitung ist, unterstreicht, dass von diesem staatlich organisierten Raub 95 Prozent aller Deutscher direkt profitierte. Auf dem Hintergrund eines „populären Antisemitismus“ ließ die Mehrheit der Deutschen dies allzu gerne geschehen.

Die externe Plünderung zur Finanzierung des Staatshaushalts begann schließlich mit dem Zweiten Weltkrieg und der Ausbeutung der besetzten Gebiete. „Der Nationalsozialismus“, so das Resümee dieses spannenden Exkurses in die Ökonomie des Nazi-Reichs, „war der am blutigsten verschleppet Staatskonkurs der Geschichte.“




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