Vortrag im Hospitalhof „Wertvolle Medizin“: Kein Industrieprodukt

Von Lydia Franz 

Am 13. Dezember kommt der Medizinethiker Giovanni Maios mit dem Vortrag „Wertvolle Medizin – unser Gesundheitssystem braucht humanitäre Werte“ in den Hospitalhof in der Stuttgarter Innenstadt.

Giovanni Maios ist Mitglied der Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellenforschung der Bundesregierung.  Foto: Silke Wemet
Giovanni Maios ist Mitglied der Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellenforschung der Bundesregierung. Foto: Silke Wemet

Jeder Mensch ist anders, keine Krankheit hat die exakt gleichen Parameter und verläuft daher nicht immer in vorhersehbaren Bahnen. Und doch sind Praxen und Krankenhäuser durch ihre zunehmend auf Effizienz getrimmten Organisations­formen nicht mehr in der Lage, sich am einzelnen Patienten auszurichten. Längst ähneln Behandlungen industriellen Produktionsprozessen. Dabei ist Heilen ein individueller Vorgang: So lautet knapp zusammengefasst Giovanni Maios Kritik am Gesundheitswesen.

Maio ist in Süditalien geboren, wuchs in Freiburg auf und hat nicht nur Medizin, sondern auch Philosophie studiert. Jahrelang war er als Internist tätig, bevor er an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg die Professur für Bioethik und Medizinethik übernahm. Er ist Mitglied der Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellenforschung der Bundesregierung, gehört zum Ausschuss für ethische und juristische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer und berät die Deutsche Bischofskonferenz in medizinischen Fragen.

Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient

Am 13. Dezember kommt der Medizinethiker mit dem Vortrag „Wertvolle Medizin – unser Gesundheitssystem braucht humanitäre Werte“ in den Hospitalhof. Einen ganz ähnlichen Titel trägt Maios jüngstes Buch „Werte für die Medizin – Warum die Heilberufe ihre eigene Identität verteidigen müssen“, das dieses Jahr im Münchner Kösel Verlag erschienen ist. Darin bekräftigt Maio seine Ansicht, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient die Grundlage einer sorgfältigen Heilkunst sein sollte. Denn beim verantwortungsvollen Umgang mit kranken Menschen gehe es um Entscheidungen, die sich auf deren gesamte Biografie auswirkten. „Was wir heute in unserem Gesundheitswesen haben, ist der Abbau der psychosozialen Betreuung von Patienten.“

Medizin ist eine Beziehungsdisziplin

Die Folge sei, dass Ärzte nur noch für konkrete Leistungen bezahlt werden. Der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung durch Gespräche würde dagegen nicht honoriert und unterbleibe deshalb oft. „Je weniger ein Arzt mit seinen Patienten spricht und je mehr er medizinisch verordnet, desto besser verdient er. Das ist widersinnig“, kritisiert Maio. „Denn Medizin ist eine Beziehungsdisziplin.“ So könnten bei einer Diagnose zwar mehrere Behandlungsmethoden richtig sein, aber nicht jede passe für die jeweilige Person.

Die eigentliche Auf­gabe des Arztes sei, die individuell passende Therapie herauszusuchen. Mit Blick auf das Gesundheitswesen fordert Maio von der Politik daher einen radikalen Kurswechsel.

„Wertvolle Medizin“ von Giovanni Maio: 13. Dezember, 19 Uhr, Hospitalhof, Tickets 07 11 / 2 06 81 50