Ein Vortrag im Bürgersaal des Marbacher Rathauses lockt interessierte Gäste an. Ein Entwicklungsökonom berichtet manch Überraschendes.

Nein, mit dem Handel von Fairtrade-Produkten lassen sich nicht alle Probleme lösen, die sich im Zusammenhang mit den Bäuerinnen und Bauern des Globalen Südens auftun. Aber er sorgt ganz allgemein für mehr Gerechtigkeit und für die Existenzsicherung der Lebensmittel produzierenden Akteure. Dieses Fazit war am Freitagnachmittag eines der Ergebnisse des anschaulichen Vortrags zum Thema „Fairer Handel und seine Mythen“. Engagiert gehalten wurde der Vortrag von dem Entwicklungsökonomen und ehemaligem Fair-Aktivisten Melvin Singer. Der 23-Jährige ist Botschafter für fairen Handel innerhalb Baden-Württembergs und spricht mit Leidenschaft über das Thema „fairer, nachhaltiger Konsum“.

 

Die Veranstaltung im Bürgersaal des Marbacher Rathauses, die am Freitag nicht allein der Informationsvermittlung diente, sondern die Besucher auch an eine reich gedeckte Tafel führte, an der allerlei fair gehandelte Produkte (die es in Marbach zu kaufen gibt) probiert werden konnten, fand im Rahmen der Fairen Woche als eine von 1600 Veranstaltungen statt und lockte interessierte Gäste an.

Als Fairtrade-Stadt hat Marbach Verpflichtungen

Die Schillerstadt hat als sogenannte zertifizierte Fairtrade-Stadt gewisse Verpflichtungen, um den Status zu erhalten. Dazu zählt auch, dass sie regelmäßig Informationsveranstaltungen durchführt, die ihre Bürger mit Fakten und Erkenntnissen in Berührung bringen, die ein alternatives Konsumverhalten in den Fokus nehmen. Jürgen Konzelmann, Sprecher der Marbacher Fair Trade-Steuerungsgruppe begrüßte deshalb freudig den Referenten Melvin Singer, der Interessantes zu berichten hatte. Er gab deutlich zu verstehen, dass wir alle in der Verantwortung stehen, etwa was Flüchtlingsströme oder das Phänomen Armut betreffe. „Denn, wenn es mir gut gehen soll, muss es anderen auch gut gehen“, lautet Singers Kurzformel, die darstellt, dass wir vom Globalen Norden mit unserem Konsumverhalten entscheidende Wegweiser sein und die von den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen festgelegten Ziele für eine nachhaltige und effiziente Wirtschaft, bewusst unterstützen können.

Wofür steht Faitrade eigentlich?

Die Kleinbauern des Globalen Südens zu stärken, ist einer der Kernpunkte im Rahmen der 17 global verbindlichen Ziele, die von der UN definiert wurden. Immerhin sind es mittlerweile rund 30 Prozent der weltweiten Nahrungsproduktion, die von dieser Erzeugergruppe abgedeckt werden. Melvin Singer machte mit seinen Ausführungen auch klar, wofür Fair Trade genau steht und nannte Inhalte wie diese: das Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit, stabile Mindestpreise für die Produzenten, die als Sicherheitsnetz wirken, die Förderung von Gleichberechtigung sowie Prämien für Gemeinschaftsprojekte und eine regelmäßige Kontrolle.

Die Nichtregierungsorganisation Fair Trade International ist der Dachverband, der gemeinsam mit den nationalen Organisationen und den Produzentennetzwerken sämtliche Standards aushandelt, die wiederum für die Zertifizierung der jeweiligen Erzeugergemeinschaften maßgeblich sind. Diese Standards vereinen soziale, ökologische und ökonomische Kriterien und fördern beispielsweise Frauen, haben geregelte Arbeitszeiten im Blick oder verbieten ausbeuterische Kinderarbeit.

Welche wirtschaftlichen Vorteile hat Fairtrade?

Singer hob zudem den wirtschaftlichen Vorteil für die Produzenten hervor: transparente Lieferketten, langfristige Handelsbeziehungen, festgelegte Mindestpreise und vertraglich geregelte Abnahmemengen. Arbeitsschwerpunkte, die über die Standards hinausgehen, böten den Produzenten darüber hinaus großen Nutzen: so kümmern sich diese etwa um den Vermögensaufbau, (etwa Bau von Solaranlagen oder Eigenheimen), Umweltschutz (Verbot gefährlicher Pestizide) sowie um Fragen des Klimawandels oder bekämpfen Menschenrechtsverletzungen. Singer befasste sich zudem mit den Mythen rund um fair gehandelte Produkte. Ihnen stellte er konkrete Tatsachen gegenüber. Etwa dem Mythos, dass FT-Produkte nur aus mindestens 20 Prozent fair gehandelten Zutaten bestehen müssten: „Das aber trifft nur für Mischprodukte wie etwa Kekse oder Schokolade zu.“ Monoprodukte, die derzeit zu 86 Prozent den Fair Trade Handel bestimmen, darunter Kakao oder Kaffee, müssen zu 100 Prozent fair zertifiziert sein. Ein weiterer Mythos handelt vom Siegel. Singer widersprach der Annahme, dass ein im Weltladen gekauftes Produkt fairer gehandelt sei, als eines, das beim Discounter gekauft werde. „Das spielt absolut keine Rolle.

Das Fair Trade Siegel bürgt überall gleichermaßen für die strengen Standards.“ Für die Marbacher Gewerbetreibenden gibt es für den Verkauf von Fair-Trade-Waren keine Hürde: Sie können die Produkte einfach von Händlern wie Naturata oder Gepa beziehen und damit Gutes für die Menschen im Globalen Süden bewirken.