Vortrag in Stuttgart-Stammheim Düsteres Bild von den Pflegebedingungen

Von Georg Linsenmann 

Ein düsteres Bild von den Pflegebedingungen zeichnete der Medizin-Ethiker und Professor Giovanni Maio in der Schloss-Scheuer in Stuttgart-Stammheim. Den Politikern warf er große Versäumnisse vor.

Dass  Manager und Investoren in den Heilberufen das Sagen haben, dürfe man nicht länger zulassen, forderte Giovanni Maio. Foto: Georg Linsenmann
Dass Manager und Investoren in den Heilberufen das Sagen haben, dürfe man nicht länger zulassen, forderte Giovanni Maio. Foto: Georg Linsenmann

Stammheim - Pflegebedürftig zu werden, das sei „ein Gedanke, der nicht in unser Lebenskonzept passt“, befand der Freiburger Professor Giovanni Maio in der Schloss-Scheuer – und fügte hinzu: „Dabei ist es das Wahrscheinlichste, was wir alle vor uns haben.“ Schon dieser Satz machte deutlich, dass sein Thema: „Zuwendung in Medizin und Pflege“, über das Maio im Rahmen einer Reihe der Pflegevereine im Stadtbezirk sprach, deutlich über den Rahmen eines Fachvortrages hinaus zielte. Denn die von Maio konstatierte Verdrängung und Selbstvergessenheit spiegelt im Grund ein hochgradig defizitäres und beschädigtes Menschenbild, Folge der „Priorisierung der ingenieur-wissenschaftlichen Blickweise unserer Gesellschaft“, und dies im Verbund „mit der Durchökonomisierung aller Lebensbereiche, auch von Medizin und Pflege“, wie der Referent konstatierte.

Wesenskern gelingender Pflege

Dem hielt der Philosoph eine humanistische Sichtweise entgegen: „Wir sind als Menschen von Anfang bis Ende auf Beziehung angewiesen. In der Pflegesituation ist das nur stärker sichtbar.“ Vor dieser Folie zog er die zahlreichen Zuhörer in immer neuen Kreisbewegungen mit hinein in sein Denken, das nicht fertige Begriffe liefert, sondern im Nachvollzug und im Ringen um die passende Begrifflichkeit für das sensibilisieren will, was Maio als „Wesenskern gelingender Pflege“ bezeichnete: „Diese signalisiert dem Anderen kein Defizit, sondern dass er für uns ein ganzer Mensch ist.“ Dies wiederum helfe dem zu Pflegenden, „dass er seinen Zustand von jetzt akzeptieren kann“. Insofern sei Pflege „ein Manifest der Sorge um den Anderen“ – und sein philosophischer Ausgangsgedanke „der Mensch in seiner grundsätzlichen Hinfälligkeit“, in der er aber „ein ganzer Mensch“ bleibe.

Ausgangspunkt von Maios Ausführungen war nun die Analyse der Situation bei der Körperpflege. Die Herausforderung sei dabei „die Kontaktaufnahme mit dem Leib des Anderen, und zwar so, das er dies nicht als Übergriff wahrnimmt, sondern als Akt der Sorge um seine Person“. Die entscheidende Bedingung dafür: „Wenn die Körperwäsche beginnt, ist die eigentliche Leistung der Pflege schon vollzogen.“ Denn dem handwerklich-instrumentalen Akt vorgeschaltet sei die Aufgabe, „eine Atmosphäre zu stiften, in der eine solche Annäherung erlaubt sein kann“, und zwar in einer spezifischen Balance von Nähe und Distanz. Die „Ausrichtung auf Integrität, auf Respekt und Achtung des Anderen“ sei das Gebot. Pflege sei „Beziehungsaufbau“, denn „nicht die Aktion ist die Leistung, sondern die Interaktion“, betonte Maio.

Flucht aus dem Pflegeberuf

Bei der Pflege gelte es also, „Raum zu geben, um gelingende Interaktion zu ermöglichen“. Wo diese nicht stattfinde, entstehe Abwehr und es drohe „Gewalt in Wort und Tat. Und das wäre ein ganz eigenes Thema“, befand der Referent. Just diese aber scheint den Pflegealltag zu bestimmen, wenn dabei „mit der Stoppuhr im Minutentakt Checklisten abgearbeitet werden“, wie Maio sagte. Ein Befund, der „hoch motivierte und gut ausgebildet Pflegerinnen und Pfleger traumatisiert und ihren Beruf als sinnentleert erleben lässt“. Die Folge seien „Entfremdung, Desillusionierung und Sinnverlust“, und oft „die Flucht aus dem Pflegeberuf“, was er als „ganz gefährlich und katastrophal“ bezeichnete. Den Pflegeberuf als „einen Beruf der Zuwendung mit hoher Kompetenz für die Bewältigung von herausfordernden, komplexen Aufgaben zu betrachten, das ist von Seiten der Strukturen nicht gefragt“, sagte Maio. Nötig aber wäre dies: „Mehr Zeit, mehr Raum, mehr Autonomie“. Das gelte auch für die Medizin. Die Entwicklung sei „Fehlern der Politik“ zuzuschreiben, „die man ihnen nicht verzeihen kann“. Denn nun hätten „bei den Heilberufen Manager und Investoren das Sagen“. Er fügt hinzu: „Das dürfen wir nicht zulassen!“ Es gelte, „die Pflege neu zu denken, als Teil staatlicher Daseinsfürsorge“, und dabei auch „für eine Aufwertung in der allgemeinen Wahrnehmung zu kämpfen“. Der geballten Skepsis, die Maio dazu dann im Saal entgegenschlug, hielt er entgegen: „Resignieren ist nicht erlaubt!“

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