Der Flugzeugpionier Ernst Heinkel hat vom NS-Regime profitiert – das hat der Bochumer Historiker Lutz Budraß bei einem Vortrag in Heinkels Heimatgemeinde Remshalden betont. So konnte Heinkel etwa ein Werk in Oranienburg zum halben Preis erstehen.

Remshalden - Der Sitzungssaal des Remshaldener Rathauses ist am Freitagabend proppenvoll gewesen, als der Bochumer Historiker Lutz Budraß einen Vortrag über „Ernst Heinkel und seine Rolle im Nationalsozialismus“ gehalten hat. Um Heinkels Verstrickungen und Werdegang zu erklären, ging der Wirtschafts- und Unternehmenshistoriker bis in Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Damals sei Deutschland im Flugzeugbau dank Unternehmen wie Junkers, Dornier oder Rohrbach absolute Weltspitze gewesen, so Budraß – Ernst Heinkel sei seit Beginn an der Entwicklung beteiligt gewesen.

Heinkel hatte keinen Konzern im Rücken

Das große Problem des Grunbachers beschrieb Budraß so: „Heinkel war allein, er hatte keinen Konzern im Rücken.“ Dennoch habe Ernst Heinkel das Ziel gehabt, zum führenden Unternehmer in Deutschland zu werden. Die Kooperation mit den Nationalsozialisten bot da Möglichkeiten. „Ernst Heinkel nutzte jede Chance zur Expansion“, so formulierte es Lutz Budraß und untermauerte das mit Zahlen. Noch im Jahr 1932 waren in Heinkels Werk in Rostock 350 Arbeiter beschäftigt, 1943 hatte sich Heinkels Mitarbeiterzahl auf 55 000 Menschen erhöht. Ernst Heinkel sei „stärker als jeder andere Luftfahrtunternehmer“ an Naziverbrechen beteiligt gewesen, sagte Budraß. So sei er 1933 eine Koalition mit Erhard Milch, einer zentralen Figur der deutschen Luftrüstung, eingegangen. Das habe ihm viele Vorteile, eine Sonderstellung, eingebracht. Milch wurde nach dem Krieg zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Werk in Oranienburg habe Heinkel zum halben Preis kaufen können, auch durfte er ein Stahlwerk in Jenbach im Tirol erwerben, dessen jüdischer Vorbesitzer sich das Leben genommen hatte. „Ernst Heinkel hat sich in den Dienst des Nazi-Regimes gestellt“, sagte Budraß, „wenn er zurückgetreten wäre, hatte er vielleicht ins Rad der Geschichte greifen können.“

Gemeinde will Bürger einbeziehen

Tatsächlich aber machte Heinkel geltend, dass „neue Arbeitskräfte im Generalgouvernement leichter zu beschaffen sind als an jedem anderen Ort im Altreich. Außer Polen können gute Arbeitskräfte aus der reichlich vorhandenen jüdischen Bevölkerung gewonnen werden“. Er habe damit „die erste Selektion von Juden überhaupt“ ausgelöst, erklärte Lutz Budraß am Freitagabend. In der polnischen Stadt Mielec, wo Heinkel ein Werk betrieb, seien die arbeitsfähigen Menschen ins Heinkel-Werk gebracht worden, der Rest abtransportiert oder sofort ermordet worden. Nach dem Krieg habe Heinkel „seine eigene Geschichte erfunden, er hat sich zum Juden gemacht“. Denn mancher KZ-Arbeiter wie Edmund Bartl forderte eine Entschädigung für ihre Leiden. Einer jüdischen Bekannten aus der Vorkriegszeit schrieb Heinkel, er habe seine Söhne wegen antisemitischer Pöbeleien in eine Schule nach Süddeutschland geben müssen. Tatsächlich habe er die Jungen auf eine Eliteschule der Nazis geschickt, sagte Lutz Budraß. „Ernst Heinkel war ein politischer Unternehmer, vor allem aber ein schwacher Mensch.“ Dass er nach dem Krieg glimpflich davon kam, begründete Budraß auch damit, dass die Alliierten ein anderes Feindbild hatten: Sie konzentrierten sich auf altbekannte Unternehmer wie Flick oder Thyssen, die ihrer Meinung nach seit jeher als Kriegstreiber aktiv waren. „Heinkel passte da nicht rein.“

Der Remshaldener Bürgermeister Stefan Breiter hat angekündigt, nach dem Ende der Vortragsreihe werde es eine Bürgerversammlung geben. Was die Zukunft der Heinkel-Straße und der Heinkel-Schule angehe, so setze er auf eine „aktive Bürgerbeteiligung“, etwa eine Befragung, denn: „Wir wollen wissen, wie gedacht wird.“

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