400 Schülerinnen und Schüler lauschten dem Vortrag in der Herrenberger Stadthalle. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler
Der Historiker Wolfgang Benz erklärte rund 400 Schülerinnen und Schülern in Herrenberg die Bedeutung des Antisemitismus-Begriffs. In der anschließenden Fragerunde waren auch die AfD und die Gefahren für die Demokratie Thema.
Käthe Ruess
08.02.2024 - 11:30 Uhr
„Antisemitismus ist Judenfeindschaft, also wenn man Juden nicht mag, weil sie Juden sind.“ Ausgehend von dieser Definition gab Wolfgang Benz am Dienstag in der Stadthalle Herrenberg einen Einblick in die historische Entstehung und die wissenschaftliche Differenzierung dieses Begriffes. Sein Publikum bei dieser knapp zweistündigen Veranstaltung: Rund 400 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen neun, zehn und elf des Andreae-Gymnasiums (AGH) sowie der Jerg-Ratgeb-Realschule (JRS).
In der Wissenschaft, so erläuterte der Historiker, gebe es eine Differenzierung des Antisemitismus-Begriffes. Die erste Form der Judenfeindschaft, der Antijudaismus, sei religiös motiviert gewesen und zu der Zeit aufgekommen, als das Christentum vor gut 2000 Jahren seinen Siegeszug begonnen habe: Die Feindschaft gegenüber denjenigen, die am Alten Testament festhielten und sich der Heilsbotschaft des Christentums verweigerten. Als „verstockt“ seien diese bezeichnet und immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden.
Religiöse Vorbehalte
Die religiösen Vorbehalte hätten auch zu wirtschaftlicher Ausgrenzung geführt. Juden seien nicht in Handwerkszünfte aufgenommen worden. Da sie auch keinen Grund und Boden hätten erwerben dürfen, hätten sie keine Landwirtschaft betreiben können. Daher seien nur Handel und Geldverleih als Betätigungsfelder geblieben. So sei das nächste Vorurteil in die Welt gekommen: Juden würden sich nicht die Hände bei der Arbeit schmutzig machen wollen.
Wolfgang Benz sprach in der Herrenberger Stadthalle. Foto: Eibner-Pressefoto/Michael Memmler
Im 19. Jahrhundert sei dann mit dem Aufkommen der Rassenlehre mit dem Antisemitismus diejenige Form von Judenfeindschaft entstanden, die heute der Oberbegriff für alle Formen sei. In Schriften sei damals der angebliche Beweis erbracht worden, dass Juden nicht wegen ihrer Religion so schlecht seien, sondern wegen ihres Blutes, erklärte Benz. Mit dem Denken, dass jemand aus Veranlagung schlecht sei und nur Vertreibung helfe, sei die Basis für den Völkermord an sechs Millionen Juden gelegt worden.
Antizionismus nach dem Holocaust
Nach dem Holocaust sei eine neue Judenfeindschaft aus Scham und Schuld im Sinne der Schuldumkehr entstanden. Die vierte Form des Antisemitismus sei der Hass gegen Juden, weil es den Staat Israel gebe, der sogenannte Antizionismus. Allerdings beklagte Benz auch die aktuelle Entwicklung, dass jeder Kritiker der Politik Israels Gefahr laufe, Antisemit genannt zu werden.
„Es gibt nichts Unsinnigeres als den Spruch, dass etwas an den Juden sein müsse, dass man sie seit 2000 oder 3000 Jahren nicht mag“, unterstrich der Historiker. Vielmehr seien die Juden die älteste Minderheit, die von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt werde. Dass er diese Ausgrenzungsmechanismen, die er in der Antisemitismusforschung untersucht hat, auch auf andere Minderheiten – etwa Roma, Homosexuelle oder Muslime – erweitere, habe ihm auch „erhebliche Feindschaft“ eingebracht, so Benz.
Zahlreiche Fragen nach dem Vortrag
Dass sich die Schülerinnen und Schüler auf diese Veranstaltung vorbereitet hatten, wurde nicht nur bei der souveränen Moderation von Ana Mojovic und Justus Limpächer deutlich – die beiden 16-jährigen Elftklässler haben Geschichte als Leistungsfach belegt – sondern auch bei den zahlreichen Fragen, die im Anschluss an den Vortrag aufkamen. Vorbehalte könnten auch durch Unsicherheit und Unwissenheit entstehen, erklärte Benz dabei unter anderem. Schulische Bildung, stete Aufklärung und Hinführung zu Vernunft und kritischem Bewusstsein sind aus seiner Sicht wichtig, damit Vorurteile gar nicht erst entstehen.
Nach der AfD gefragt bekannte Benz, dass ihm vor allem davor graue, dass die Partei so einen großen Zulauf habe von Menschen, die gar nicht wüssten, wem sie da nachlaufen. Seine These, dass rechtsextreme Parteien in Deutschland „kommen und gehen“, die in seinem Forscherleben jahrzehntelang Gültigkeit hatte, sieht Benz ebenso erschüttert wie seine früher oft getätigte Aussage, dass die Demokratie nicht zur Debatte stehe. „Die Demokratie ist tatsächlich in Gefahr“, wenn bei drei Landtagswahlen dieses Jahr eine Mehrheit für Verfassungsfeinde drohe, sagte er. Darin, „dass Hunderttausende auf die Straße gehen, dass die Mehrheitsgesellschaft endlich Laut gibt“, sieht Benz allerdings einen Hoffnungsschimmer: „Die Zeit ist gekommen, den Verfassungspatriotismus wieder in den Vordergrund zu rücken und als aktive Demokraten zu zeigen, was die Mehrheit denkt und will.“
Dass es bei so vielen Schülern „absolut ruhig“ in der Stadthalle gewesen sei, „spricht für sich“, meinte AGH-Schulleiterin Judith Bentele zum Schluss. JRS-Chef Alexander Riegler dankte Birgit Kipfer, der Sprecherin der baden-württembergischen Regionalgruppe des Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“, über die der Kontakt zu Wolfgang Benz zustande gekommen war.
Zur Person Wolfgang Benz
Beruf Der 82-Jährige Wolfgang Benz ist Historiker der Zeitgeschichte. Seine Schwerpunkte sind die Antisemitismus- und Vorurteilsforschung sowie die Zeit des Nationalsozialismus.
Lehre Von 1969 bis 1990 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Zeitgeschichte in München. Von 1990 bis 2011 lehrte der emeritierte Professor an der Technischen Universität Berlin und leitete das dortige Zentrum für Antisemitismusforschung, das über Antisemitismus und Rassismus sowie die vielfältigen, damit verbundenen Formen von Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt forscht