Vorurteile gegenüber Einzelkindern Einzelkinder sind auch nur Herdentiere

Die Vorstellungen vom verwöhnten, einsamen und egoistischen Einzelkind sind überholt, halten sich aber hartnäckig als Vorurteile. Manche Eltern bekommen nur deshalb ein zweites Kind, weil das Einzelkind-Stigma nach wie vor so präsent ist. Foto: dpa-tmn/Andreas Gebert

Ganz allein, die Arme! Das Klischee vom verwöhnten, einsamen Einzelkind hält sich hartnäckig. Dabei ist es längst widerlegt. Wer ohne Geschwister aufwächst, ist oft sozial kompetenter. Schließlich ist man besonders auf andere Gefährten angewiesen

Stuttgart - „Mit 13 habe ich ein neues iPhone bekommen. Anstatt es stolz meinen Mitschülern zu präsentieren, habe ich lieber mein altes Handy mitgenommen“, erzählt Julia Müller. Die 24-jährige Studentin aus Bochum ist als Einzelkind aufgewachsen und erinnert sich gut daran, dass sie in vielen Situationen mit den Vorurteilen – verwöhnt, egoistisch, unselbstständig – konfrontiert wurde, meistens nicht direkt, dafür oft subtil. „Das schwingt so mit und als Kind konnte ich das nicht richtig einordnen. Trotzdem wollte ich lieber nicht auffallen, um niemandem einen Anlass zu geben, sich in den Vorurteilen bestätigt zu fühlen.“

 

Julia Müller hat ein Buch geschrieben, in dem sie sich mit dem Phänomen Einzelkind und den Stigmata auseinandersetzt. „How to survive als Einzelkind“ heißt es und ist eine subjektive Abrechnung mit den in ihren Augen oft falschen Glaubenssätzen.

Jüngere Einzelkinder bewerten ihre Situation positiv

Die Charakterzuschreibungen – egozentrisch, konfliktscheu und unsozial – halten sich hartnäckig. Einzelkinder werden teilweise bemitleidet, beinahe so, als hätten sie ein Handicap: „Du Arme, musst ganz alleine groß werden!“ Oder, an die Eltern adressiert: „Vater/Mutter/Kind, das ist doch keine richtige Familie!“ – „Es ist erstaunlich, wie lange sich diese negativen Beschreibungen halten, auch wenn Studien längst das Gegenteil bewiesen haben“, sagt Hartmut Kasten, Entwicklungspsychologe und Familienforscher aus Unterschleißheim.

Er vermutet eine biologisch-genetische Vorstellung, die tief in uns verankert ist: „Wir gehen davon aus, dass jeder gesunde Erwachsene Kinder haben sollte. Und davon am besten mehrere.“ Die Wurzeln des Einzelkind-Stereotyps reichen weit zurück. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in der deutschen Durchschnittsfamilie fünf Kinder, vor Beginn des Zweiten Weltkriegs waren es noch drei. Einzelkinder wuchsen oft in schwierigen Familienverhältnissen auf. Entweder war ein Elternteil schwer krank oder gestorben. Oder das Kind war unehelich geboren. Nicht die fehlenden Geschwister, sondern die schwierige Familiensituation ließ das Kind zu einem Außenseiter werden und zementierte die Vorurteile in den Köpfen. „Einzelkinder waren die absolute Ausnahme und sind nicht selten unter schlechten Bedingungen groß geworden, die dann tatsächlich dazu geführt haben, dass sie soziale Defizite entwickelt haben“, erklärt Kasten.

Früher wuchsen Einzelkinder oft in schwierigen Verhältnissen auf

Heute wachsen Einzelkinder meistens in stabilen, wohlsituierten Verhältnissen auf und werden von Kindern mit Geschwistern oft beneidet: wie schön es sein muss, die volle Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen, die Spielsachen nicht teilen oder die Klamotten von der großen Schwester auftragen zu müssen. Kinder brauchen für ihre soziale Entwicklung andere Kinder – aber nicht zwingend Geschwister. „Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen 30 Jahren so entwickelt, dass sie dem Einzelkind in die Hände spielt“, so die Erkenntnis der Schweizer Wissenschaftsjournalistin Brigitte Blöchlinger. Sie hat 2008 das Buch „Lob des Einzelkinds“ geschrieben, in dem sie mit Vorurteilen aufräumt. „Die Fremdbetreuung hat zugenommen, die Kleinen bekommen in der Kita bereits früh viele Kontakte zu Gleichaltrigen.“

Soziale Kompetenz hat nichts damit zu tun, ob man Einzelkind ist

Der gesellschaftliche Druck, mindestens zwei Kinder zu haben, ist laut Brigitte Blöchlinger stark. Viele Paare bekämen vor allem deshalb oft ein zweites Kind, weil sie befürchteten, eines allein könne Schaden nehmen. Dabei seien Einzelkinder häufig extrovertierter und sozial kompetenter, weil sie darauf angewiesen seien, sich Spielkameraden zu suchen. Sie pflegen ihre Freundschaften daher auch meist intensiver.

Soziale Kompetenz und Bindungsfähigkeit haben weniger damit zu tun, ob man ein Einzelkind ist, sondern damit, ob man die Gelegenheit bekommt, sich dahingehend auszuprobieren“, sagt Maria Große Perdekamp, Leiterin des Kinderschutzzentrums Köln. „Dabei kommt es auch auf die Unterstützung von Eltern und Erziehern an und darauf, ob das Kind Anleitung bekommt, auch mit Konfliktsituationen umzugehen“, sagt die Kinder- und Jugendtherapeutin.

Die Eltern-Kind-Bindung ist besonders gut

„Studien konnten kaum Unterschiede in der Entwicklung von Einzelkindern und solchen mit Geschwistern ausmachen“, sagt Hartmut Kasten. Lediglich kleinere Tendenzen wurden festgestellt, zum Beispiel, dass Einzelkinder sich etwas besser allein beschäftigen können, etwas kompromissbereiter sind, dafür aber auch etwas weniger durchsetzungsfähig. Eine Untersuchung des Forschungszentrums Demografischer Wandel der Frankfurt University of Applied Sciences von 2018 ergab, dass die Qualität der Eltern-Kind-Bindung bei Einzelkindern besonders gut ist. Zumal Einzelkindeltern meist sehr bewusst darauf achten, ihre Kinder nicht zu verhätscheln und zu verwöhnen.

Und was sagen die Einzelkinder selbst? Die US-Professorinnen Lisen Roberts von der Western Carolina University und Priscilla Blanton White von der University of Tennessee befragten im Jahr 2001 erwachsene Einzelkinder im Alter zwischen 20 und 29 Jahren. Dabei kam heraus, dass sie vertraute Gefährten vermissten, teilweise einen Mangel an Souveränität im Umgang mit Gleichaltrigen empfanden, ein relativ ausgeprägtes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit verspürten und sich um die spätere Pflege der Eltern sorgten.

Positiv bewerteten sie, viel Zeit für sich zu haben, keine Geschwisterrivalitäten austragen zu müssen, die vollständige Zuwendung der Eltern zu bekommen und eine intensive Beziehung zu ihnen zu haben. Die Autorin Julia Müller sagt: „Ich habe es nie als Mangel empfunden, als Einzelkind aufzuwachsen, solche Unterstellungen kamen eher von außen.“ Was sie später allerdings festgestellt hat: „Als Geschwisterkind lernt man vielleicht ein bisschen früher, dass man Menschen lieben kann, sie aber nicht immer lieb hat.“

Statistik zu Einzel- und Geschwisterkindern in Deutschland

26 der 13 Millionen Kinder in Deutschland lebten im Jahr 2014 laut des Statistischen Bundesamts ohne Geschwister, in Ostdeutschland etwas mehr (34 Prozent). Knapp die Hälfte der Kinder (48 Prozent) wuchs mit einem weiteren minder- oder volljährigen Geschwisterkind auf. 26 Prozent hatten zwei oder mehr Geschwister.

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