Pflege ist Zuwendung – aber oft bleibt dafür keine Zeit. Foto: dpa
Angehörige einer verstorbenen Bewohnerin erheben Vorwürfe gegen ein Pflegeheim. Dieses weist sie im Wesentlichen zurück. Der Fall führt exemplarisch ins Spannungsfeld von institutionellen Defiziten, individuellen Fehlern und persönlichem Verlust.
Martin Mezger
14.05.2025 - 06:00 Uhr
Schwere Vorwürfe: Die Klingel habe man ihr weggenommen, weil sie zu oft geklingelt habe. Das Pflegepersonal habe sich nicht um sie gekümmert, auch nicht, als sie Essen und Medikamente stehen ließ. Es sei einfach nur abgeräumt worden. „Verhungern lassen“ habe man die Mutter in dem Pflegeheim im Kreis Esslingen. Die Angehörigen sind empört.
Margarethe Z. (alle Namen geändert) beschreibt ihre Mutter als kluge und resolute Frau: „Sie war bis zuletzt geistig topfit. Sie konnte sich klar ausdrücken – und auch mal sehr direkt werden.“ Worauf eine solche Frau größten Wert legt? Auf ein selbstbestimmtes Leben, auch mit über 90. Dieses Leben in Kombination mit familiärem Anschluss hatte Irene K. in einer Einliegerwohnung im Haus einer anderen Tochter. Bis sie mit einer schweren Erkrankung in die Klinik und danach in die Kurzzeitpflege kam. Doch Irene K. glaubte so wenig an die Kurzzeit wie ihre Angehörigen. Allen war klar, dass es kein Zurück geben würde.
Schicksalhafter, aber nicht außergewöhnlicher Einschnitt
Selbstständig bis ins hohe Alter – und dann ein Sturz, eine Krankheit, ein Weg ohne Wiederkehr: der ins Pflegeheim. Eine einschneidende, eine schicksalhafte und doch alles andere als außergewöhnliche Zäsur. Man kann hadern mit diesem Schicksal. Oder es mutig akzeptieren. Irene K. hat es – auch dies vielleicht ein Akt der Selbstbestimmung – akzeptiert. „Sie wollte von sich aus im Heim bleiben“, sagt ihre Tochter. „Das erste Dreivierteljahr ging gut.“ Aber es häuften sich, erzählen die Töchter, ungute Vorkommnisse, es häuften sich auch Umgangsformen vonseiten des Personals, die ihre Mutter als Bevormundung empfunden habe. Windeln sollte sie tragen, damit sie nicht mehr so oft wegen des Toilettengangs klingeln muss. Sie lehnte ab. Danach sei ihr das Armband mit dem Klingelknopf abgenommen worden.
Die Mutter nimmt kein Essen mehr zu sich
Tochter Christine M. sagt, sie habe eines Nachmittags die morgens zu verabreichenden Medikamente noch daliegen sehen. Dann kam die Zeit, in der ihre Mutter das Essen nicht mehr anrührte. Verweigerung? Resignation? Oder einfach nur Erschöpfung? Je länger der Pflegeheimaufenthalt dauerte, desto apathischer sei die vorher so energische Mutter geworden. Schließlich kam Irene K. wegen Nierenversagen ins Krankenhaus. Nach der Rückkehr ins Heim habe sie weiter an Gewicht verloren. Am 30. August 2024 ist Irene K. im Alter von 92 Jahren gestorben.
Heim bestreitet Gewichtsverlust
Der Gewichtsverlust wird vonseiten des Pflegeheims ausdrücklich bestritten: „Eine Gewichtsabnahme war nicht festzustellen und wurde auch von den Angehörigen nicht angesprochen.“ Ebenso weist das Heim den Vorwurf zurück, „dass wir uns nicht darum kümmern, dass unsere Bewohnerinnen und Bewohnern regelmäßig essen und ihre Medikamente einnehmen“. Die Mitarbeitenden würden regelmäßig geschult, man bespreche den „bestmöglichen Umgang“ und nehme „Hinweise von Angehörigen sehr ernst“.
Auch das Ansinnen, Windeln zu tragen, stellt das Heim anders dar: „Sollte eine Inkontinenz vorliegen, wird diese Diagnose von einem Arzt gestellt. So auch bei der genannten Bewohnerin. Die Angehörigen klären wir immer über die Risiken auf, wenn eine Betroffene in Nässe liegen muss. Dies kann nur mit der Verwendung von Inkontinenzprodukten verhindert werden.“
Klingel weggenommen: Heim entschuldigt sich
Eingeräumt wird das Fehlverhalten eines Pflegers beim Klingelentzug: „Wir haben den Mitarbeitenden dazu aufgefordert, diese Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, der Bewohnerin nicht zu entziehen. Bei den Angehörigen entschuldigen wir uns ausdrücklich, wenn sich unser Mitarbeitender hier nicht immer korrekt verhalten haben sollte.“
Eine rechtliche Klärung in den zwischen Angehörigen und Pflegeheim strittigen Fragen gibt es nicht, weshalb der Name des Heims hier ungenannt bleibt. Es sei „eine sehr komplexe Gemengelage“, in der die Heime arbeiten, sagt Wolfgang Latendorf, Vorsitzender des Sozialverbands VdK im Kreis Esslingen.
Der „Horrorfilm im Kopf“: ins Pflegeheim abgeschoben zu werden. Vertreterinnen von Altenverbänden plädieren dagegen für Realismus statt Klischees. Foto: dpa
Menschliche Bedürfnisse, rechtliche Belange und eine von Personalknappheit geprägte Pflegesituation bilden ein Spannungsfeld, in dem sich nicht immer scharf trennen lässt, ob Missstände aus individuellem Fehlverhalten oder strukturellen Defiziten entstehen. Und über allem steht die herausfordernde Situation am Lebensende, die „Angst vor der Pflegebedürftigkeit“, wie Latendorf sagt, die institutionalisierte Pflege mit „Niedergang und Kontrollverlust“ verbinde.
Manchmal überwiegt Erleichterung
Das Schwinden kognitiver und motorischer Fähigkeiten und damit der sogenannten Selbstwirksamkeit ist eben nicht mit Sprüchen à la „Altern ist nichts für Feiglinge“ zu kompensieren. Allerdings muss Latendorf zufolge differenziert werden: „Beim Eintritt ins Pflegeheim nach einem Akutereignis steht die Verlusterfahrung im Vordergrund, bei einer allmählichen Verschlechterung der Gesundheit überwiegt beim Wechsel ins Heim die Erleichterung.“ Seniorenverbände und Träger von Pflegeheimen im Kreis Esslingen weisen denn auch darauf hin, dass es nicht nur Beschwerden, sondern auch viel Anerkennung und Dankbarkeit gebe, von Angehörigen wie von Bewohnern.
„Horrorfilm im Kopf“: Altenvertreterinnen für Realismus statt Klischees
Gisela Rehfeld und Renate Schaumburg, die Vorsitzenden des Kreisseniorenrats Esslingen, raten älteren Menschen, sich mit dem verdrängten Thema Pflegeheim „bereits in guten Tagen“ zu beschäftigen. „Da läuft der Horrorfilm im Kopf“, sagt Rehfeld, „aber nur wenige haben sich Pflegeheime einmal genau angeschaut und sich überlegt, was für sie persönlich dort wichtig wäre.“ Schaumburg betont, dass Pflegeheime heute keine abgeschotteten Anstalten seien, sondern froh über alle, die von außen kommen. Zahlreiche Ehrenamtliche seien im Einsatz, geboten werde in den Heimen ein vielfältiges Programm, und viele Bewohner hätten mehr Kontakt zu anderen Menschen als in der Einsamkeit zuhause.
Keine großen Skandale im Landkreis
Verschiedene Pflegeheimträger räumen auf Anfrage allerdings individuelle Fehler und Abweichungen von Qualitätsstandards durchaus ein. Diese ließen sich jedoch meist schnell beheben. Ein großer Pflegeheimskandal wurde in den vergangenen zehn Jahren im Kreis Esslingen jedenfalls nicht bekannt. Laut der Heimaufsicht im Landratsamt gab es in diesem Zeitraum „vereinzelt strafrechtliche Ermittlungen, diese endeten jedoch ohne Urteil“.
Aber bleibt unterhalb der rechtlichen Schwelle ein menschliches Problem, eines der Zuwendung? „Ja“, sagt Christoph F., der als Pfleger mit Irene K. zu tun hatte. Am Beispiel des stehen gebliebenen Essens schildert er: „Das Personal sorgt dafür, dass alle Bewohner ihre Mahlzeiten bekommen. Aber es kann sich nicht dazusetzen und dafür sorgen, dass die Leute essen. Dazu ist keine Zeit.“ Anteilnahme, Achtsamkeit? Für beide läuft die Zeit ab, Pfleger wie Bewohner, aber in unterschiedlichem Sinn. „Pflege ist Kommunikation“, sagt der Pfleger. „Mit Frau K. konnte man immer reden, auch wenn sie manchmal anstrengend war. Aber Kommunikation braucht Zeit, die man nicht hat.“
Und: Kommunikation braucht Sprachkompetenz. Nicht nur im Fall Irene K. sind mangelnde Deutschkenntnisse des Pflegepersonals eine Quelle des Unmuts. Zwar werden von ausgebildeten und auszubildenden Pflegerinnen und Pflegern Deutsch-Zertifikate verlangt. Bei Pflegehilfskräften aber sei die Sprachhürde ein Problem, bestätigen Pflegeheimträger. Deshalb werden teils eigene Sprachkurse angeboten, teils externe bezuschusst. Die Träger stellen allerdings auch klar: Ohne Zuwanderung gäbe es überhaupt keine Pflege mehr. 90 Prozent der Auszubildenden kommen inzwischen aus Ländern außerhalb der EU.