Vorwürfe gegen Placido Domingo Belege für sexuelles Fehlverhalten

Von red/AP 

2019 hallte ein Knall durch die Opernwelt: Anschuldigungen gegen den Star-Tenor schockierten die gesamte Szene. Eine neue Untersuchung untermauert nun die Vorwürfe.

  Foto: AP/Jacquelyn Martin
  Foto: AP/Jacquelyn Martin

San Francisco - Die Vorwürfe gegen den Opernsänger Plácido Domingo ebben nicht ab - im Gegenteil: Domingo habe sich mindestens 20 Jahre lang sexuell falsch verhalten und seine Macht ausgenutzt, zeigt eine neue Untersuchung der Operngewerkschaft American Guild of Musical Artists. Darin kommen nach den 2019 publik gewordenen Anschuldigungen mehrere neue Beschuldigerinnen zu Wort, wie die Nachrichtenagentur AP erfuhr. 27 Menschen geben demnach zu Protokoll, sexuell belästigt worden zu sein oder ein unangebrachtes Verhalten Domingos bezeugen zu können, als er Führungspositionen bei der Washingtoner Oper und der Oper in Los Angeles innehatte.

Warnung vor Kontakt

Die Angaben der 27 zeigen ein klares Muster von sexuellem Fehlverhalten, wie mit der Untersuchung vertraute Personen der Nachrichtenagentur AP schilderten. Die American Guild of Musical Artists ließ Anwälte die seit dem vergangenen Jahr bestehenden Anschuldigungen gegen Domingo prüfen. Den Abschlussbericht hat die Gewerkschaft zwar bisher nicht veröffentlicht. Die AP erfuhr aber aus dem Umfeld der Untersuchung, dass insgesamt 55 Menschen befragt wurden. Zusätzlich zu den 27 mutmaßlichen Opfern und Zeugen bestätigten zwölf weitere, ihnen sei der Ruf des Stars bekannt gewesen - Frauen seien vor engem Kontakt mit ihm gewarnt worden.

Die Nachrichtenagentur AP hatte 2019 zwei Berichte über mehrere Frauen veröffentlicht, die dem heute 79-Jährigen sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch vorwerfen. Danach leitete die Operngewerkschaft ihre Untersuchung ein; eine weitere läuft noch an der Los Angeles Opera. Die Untersuchung der Gewerkschaft spiegelt die Vorwürfe aus den AP-Berichten wider. Sie lauten: Ungewollte Berührungen von Küssen auf den Mund bis hin zu festem Anfassen und Begrapschen, Telefonanrufe spät in der Nacht mit der Bitte, zu seiner Wohnung zu kommen, ein beharrliches Dringen darauf, zusammen auszugehen, sodass sich manche Frauen wie Stalking-Opfer fühlten. Die Sopranistin Angela Turner Wilson schilderte: Nach wochenlangen Avancen habe Domingo in einem Backstage-Raum gewaltsam ihre nackte Brust unter einem Bademantel angefasst.

Domingo spricht von Flirts

Zwei der Frauen berichteten von sexuellen Beziehungen zu Domingo. Sie hätten sich wegen seiner Position in der Oper dazu gezwungen gefühlt, hieß es aus dem Umfeld der Gewerkschaftsuntersuchung. Sie hätten Angst gehabt, ein Nein gegenüber dem Star schade der Karriere.

Was Domingo selbst angeht, sagen mit der Gewerkschaftsuntersuchung vertraute Personen, er habe bekräftigt, sich nicht falsch verhalten zu haben. Über seine Kolleginnen und Kollegen und deren Karrieren habe er keine Macht gehabt. Zwar habe er geflirtet, aber die Grenzen ansonsten nicht überschritten. Die untersuchenden Anwälte bewerteten Domingos Verhalten dagegen offenbar als unangebracht - und zwar nicht nur nach heutigen Metoo-Standards, sondern auch nach denen der 1990er Jahre.

Keine Absicht des Stars

In einer Stellungnahme an die AP erklärte der Opernstar, in den vergangenen Monaten habe er viel Zeit gehabt, über die Anschuldigungen nachzudenken. „Ich respektiere, dass diese Frauen sich letztlich sicher genug fühlen, offen zu sprechen, und ich will sie wissen lassen, dass mir der Schmerz aufrichtig leid tut, den ich ihnen zugefügt habe.“ Er übernehme volle Verantwortung für sein Handeln und habe aus der Erfahrung gelernt. „Ich verstehe jetzt, dass manche Frauen Angst davor hatten, sich offen zu äußern, weil sie Bedenken hatten, dass sich das nachteilig auf ihre Karrieren auswirken würde. Das war niemals meine Absicht und niemand sollte sich so je fühlen müssen.“

Er fühle sich positivem Wandel in der Opernindustrie verpflichtet, erklärte Domingo und wünsche sich einen sichereren Arbeitsplatz für alle. „Und ich hoffe, dass mein Beispiel, vorwärts zu gehen, andere zum Nachfolgen ermutigt.“ Für den Star-Tenor hatten die Anschuldigungen berufliche Konsequenzen. Viele US-Unternehmen und Kulturstätten beendeten die Zusammenarbeit mit ihm, andere Tätigkeiten gab er unter dem Druck auf. In Europa dagegen absolvierte Domingo wie bisher Auftritte.




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