Vorwurf der Uni Tübingen Hirnforscher hat Daten verfälscht

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Eine Kommission der Universität Tübingen wirft dem renommierten Hirnforscher Niels Birbaumer wissenschaftliches Fehlverhalten vor.

Professor Niels Birbaumer und sein Team erforschen, wie man mit vollständig gelähmten Patienten (Locked-In-Syndrom) kommunizieren kann. Foto: Horst Haas
Professor Niels Birbaumer und sein Team erforschen, wie man mit vollständig gelähmten Patienten (Locked-In-Syndrom) kommunizieren kann. Foto: Horst Haas

Tübingen - Eine Kommission der Universität Tübingen hat ein wissenschaftliches Fehlverhalten des renommierten Hirnforschers Niels Birbaumer festgestellt. Die Experten fordern unter anderem, dass eine Studie des Wissenschaftlers, die 2017 viel Aufsehen erregt hatte, wegen des Verdachts auf Datenverfälschung zurückgezogen wird. In einer Pressemitteilung der Universität vom Donnerstag wird der Forscher namentlich nicht erwähnt. Dort heißt es lediglich, ein „Seniorprofessor“ und ein weiterer Forscher hätten erhobene Daten teilweise nicht in ihre Analysen einfließen lassen und dieses Vorgehen auch nicht transparent gemacht. Zudem seien weitere Daten und Informationen, die den Analysen zugrunde liegen, nicht einsehbar.

Die Studie zur Hirnforschung war im Fachmagazin „Plos Biology“ erschienen. Darin kamen Birbaumer und seine Co-Autoren zu dem Ergebnis, dass eine Kommunikation mit vollständig gelähmten Patienten über eine Schnittstelle zwischen ihrem Gehirn und einem Computer möglich sei. Man spricht in solchen Fällen auch von Complete-Locked-in-Patienten. Sie können nicht einmal mehr die Augenlider bewegen, um sich der Außenwelt mitzuteilen.

Die Hochschule prüft nun weitere Konsequenzen

Birbaumer und sein Team haben solche Menschen mithilfe der Nahinfrarot-Spektroskopie (NIRS) untersucht. Dabei wird der Sauerstoffverbrauch und damit die Aktivität in einzelnen Hirnregionen gemessen. Die Forscher stellten den Patienten Fragen, die diese in Gedanken mit Ja oder Nein beantworten sollten. Birbaumer gab an, man könne anhand der NIRS-Daten mit 70-prozentiger Sicherheit erkennen, ob eine Frage mit Ja oder Nein beantwortet wurde.

Der Tübinger Informatiker Martin Spüler glaubt dagegen, dass sich aus den Daten kein statistisch belegbarer Unterschied zwischen Ja und Nein herauslesen lasse. Birbaumer und sein Team hätten bei der Auswertung gravierende Fehler gemacht. Die Universität reagierte auf die Zweifel an Birbaumers Arbeit mit der Gründung einer unabhängigen Untersuchungskommission.

Wie aus der Mitteilung vom Donnerstag hervorgeht, prüft die Universität Tübingen nun Konsequenzen. So schlägt die Kommission vor, auch zurückliegende Arbeiten der betroffenen Wissenschaftler sowie Birbaumers Status als Seniorprofessor zu überprüfen. Auch die anderen Publikationen, an denen die beiden betroffenen Wissenschaftler seit 2014 mitgewirkt haben, müssten durch externe Gutachter überprüft werden, heißt es weiter. Zudem wird angeregt, eine Anlaufstelle für betroffene Patienten und Angehörige zu schaffen.

Professor Birbaumer weist den Vorwurf zurück

Gegenüber dem „Schwäbischen Tagblatt“ bestritt Birbaumer den Vorwurf, Daten gefälscht zu haben. Das Gutachten der Kommission enthalte „eklatante Fehler“. Der 74-Jährige kündigte an, seine Arbeit bald einzustellen, da er nun kein Geld mehr bekomme. Deshalb mache er sich Sorgen um die Patienten, um die sich nun niemand mehr kümmere.

Im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung wollte Birbaumer Mitte April indes nicht ausschließen, dass er seine Daten stellenweise etwas zu wohlwollend interpretiert haben könnte. „Je mehr Herzblut Sie reinstecken, desto größer ist das Risiko einer positiven Verzerrung.“