Besonderes Quartier in Ludwigsburg Neu trifft alt: Wohnen in der ehemaligen Jägerhofkaserne
Aufstockungen, ein Mobilitätskonzept, nachhaltige Energieversorgung: das Jägerquartier bietet vieles von dem, was modernen Wohnungsbau ausmacht. Ein Besuch.
Aufstockungen, ein Mobilitätskonzept, nachhaltige Energieversorgung: das Jägerquartier bietet vieles von dem, was modernen Wohnungsbau ausmacht. Ein Besuch.
Noch rattern und brummen ringsum die Baumaschinen. Dass man im neuen Jägerquartier einmal gut und ruhig wohnen kann, ist dennoch vorstellbar – schon jetzt. Und einige tun das auch schon. Gut die Hälfte des Vorzeigeprojekts der Ludwigsburger Wohnungsbau (WBL) ist fertig. In drei der sechs sogenannten Stadthäuser, die in die Mitte des Geländes – ein ehemaliger Exerzierplatz – gesetzt wurden, leben schon Familien. In die restlichen drei quaderförmigen Häusern werden die Mieter im Sommer einziehen.
Das Besondere und gleichzeitig Herausfordernde am neuen Quartier zwischen Jägerhof- und Alt-Württemberg-Allee ist die Verknüpfung von Neu und Alt. Die Jägerhofkaserne war die letzte ehemals militärisch genutzte Liegenschaft in der Innenstadt. Gebaut wurde sie vom Ende des 19. Jahrhunderts an, in den 30er-Jahren wurden zwei der Mannschaftsgebäude, die den Block begrenzen, verbunden und aufgestockt. Nun bekommen sie sogar noch ein viertes Stockwerk. Bis Mitte der 90er nutzte die Bundeswehr die Gebäude, im Anschluss kamen dort Übersiedler unter.
Wie mit der historischen Bausubstanz aus mehreren Jahrzehnten umgegangen werden soll, darüber haben sich die Verantwortlichen bei der WBL lange beschäftigt. Experten aus Karlsruhe haben die Ziegel und Fugen untersucht, vieles kann erhalten bleiben – abgerissen wurden die Zwischenbauten aus den 30ern und die Satteldächer. Weil mit den alten Mauern vorsichtig umgegangen werden muss, damit diese nicht zusammenbrechen und deshalb nicht alles in einem Rutsch entkernt werden kann, dauert das Projekt noch mindestens bis Ende 2024 – vorausgesetzt die Baufirmen spielen mit.
Achim Eckstein, Leiter Projektmanagement bei der WBL, ist zufrieden, mit dem, was schon geworden und noch im Werden ist. Das Jägerquartier sei mit das aufwendigste Projekt, das das Unternehmen bisher realisiert habe. Im Grunde sei die einzige Hürde, die man nicht übersprungen habe, eine zweigeschossige Tiefgarage gewesen. Die hätte die Kosten von um die 85 Millionen Euro aber noch einmal deutlich in die Höhe schnellen lassen. Weil der Parkplatzschlüssel auf einen Stellplatz pro Wohneinheit festgelegt wurde, reichte eine eingeschossige Tiefgarage mit 213 Parkplätzen. „Aber das war ein ziemliches Hin und Her“, sagt Eckstein.
Ohnehin spricht vieles im neuen Quartier dafür, dass man auch gut ohne Auto zurecht kommt. Lebensmittelmärkte sind gut zu Fuß erreichbar, die nächste Bushaltestelle ist 200 Meter entfernt, die Innenstadt etwas mehr als einen Kilometer. Stellplätze für Mietautos gehören zum „Mobilitätskonzept“ genauso dazu wie Lastenräder.
Auch sonst finden Eckstein und Projektleiter Marc Pohlmann jede Menge Argumente, warum das Viertel einmal besonders wird: im Quartier selbst fahren keine Autos, sodass Eltern ihre Kinder guten Gewissens laufen lassen können. Zwischen den Häusern verteilen sich mehrere Spielplätze für unterschiedliche Altersgruppen, mehr als 60 Prozent der Fläche werden begrünt. Bewässert werden Rasen, Pflanzen und Bäume mit Wasser aus drei Zisternen. Unter anderem wurden elf Platanen, die schon auf dem Platz gestanden hatten, aufwendig verpflanzt. Mittelpunkt des Viertels soll ein Platz mit Café oder Bäckerei werden. Für Eltern besonders attraktiv: Im ehemaligen DRK-Gebäude an der Alt-Württemberg-Allee entsteht eine Kindertagesstätte mit vier Gruppen.
Dass es insgesamt eine gute Durchmischung im Viertel gibt und nicht nur Besserverdiener dort wohnen werden, dafür spricht, dass von den 161 Wohnungen 70 gefördert und dementsprechend billiger vermietet werden. Der bunte Mix aus Wohnungen – von der Ein- bis zur Fünf-Zimmer-Wohnung – wird verkauft. „Darüber generieren wir Erlöse, die dann in die geförderten Wohnungen fließen“, sagt Eckstein. Sein Versprechen: am Ende werde man nicht merken, ob man in einer geförderten oder in einer „normalen“ Wohnung wohne, „die Qualität ist überall gleich.“ Die Eigentumswohnungen haben allesamt Balkone beziehungsweise Loggien mit Blick in Richtung des Innenhofs. Eine weiter Besonderheit sind die Deckenhöhen mit bis zu 3,20 Meter. Der Bau an der Hindenburgstraße, der als einziger Verkehrslärm ausgesetzt ist, ist Büros vorbehalten. 4500 Quadratmeter für Gewerbe sind vorgesehen.
Wer vorhat, eine Wohnung zu kaufen, der muss schon einiges berappen. 7000 Euro kostet der Quadratmeter durchschnittlich. Laut Achim Eckstein ist gut ein Drittel bereits verkauft, zudem gibt es eine Menge Reservierungen. „Die Nachfrage war zu Beginn hoch, aber auch wir können noch nicht absehen, wie sich die Zinswende auswirkt.“
Förderung
Weil sich am vierten Bauabschnitt an der Jägerhofallee unerwartete Probleme mit der alten Bausubstanz und damit höhere Kosten ergeben haben, schießen Stadt, Land und Bund mehr Geld zu. Der Förderrahmen für den Abschnitt wurde von 1,7 auf rund 1,8 Millionen Euro erhöht. Der Anteil der Stadt beträgt rund 40 000 Euro. Der Bauausschuss stimmte jüngst zu.
Historie und Zeitplan
Der Wettbewerb zur „Konversion Jägerhofkaserne“ hatte im Jahr 2018 stattgefunden, Baustart für das Quartier war rund drei Jahre später. Die sogenannten Stadthäuser, sechs Stück, sind inzwischen fertig, die Tiefgarage darunter auch. Die Hälfte ist bereits bezogen, die andere folgt von Juli an. Die weiteren Bauabschnitte 2 bis 4, die das Quartier eingrenzen, sollen voraussichtlich im kommenden Jahr fertig werden. Weitere Infos: www.wohnungsbau-ludwigsburg.de