Marco Krasser leitet die Stadtwerke schon seit einem Vierteljahrhundert. Foto: Stadtwerke Wunsiedel/Krasser/KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle
Die kleine Stadt im Nordosten Bayerns gilt als Herzkammer der Energiewende – und daran hat ein Mann großen Anteil: Marco Krasser, der Chef der Stadtwerke Wunsiedel. Ein Besuch.
Der größte Sohn von Wunsiedel, dieser herrlich im Fichtelgebirge gelegenen Kleinstadt im Nordosten Bayerns, ist der Dichter Jean Paul, der so wunderbare Sätze wie diesen niedergeschrieben hat: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ Marco Krasser, der 53-jährige Geschäftsführer der Stadtwerke Wunsiedel, ist bisher nicht als Dichter aufgefallen, dafür aber als wichtiger Vordenker in der Energiewende – und deshalb ist auch er auf einem guten Weg, zu einer großen Persönlichkeit der Stadt zu werden.
Denn in Wunsiedel schlägt das Herz der Energiewende – wahrscheinlich ist die Kreisstadt mit ihren knapp 10 000 Einwohnern die erste in ganz Deutschland, die schon jetzt klimaneutral ist. So ganz genaue Statistiken führt niemand. Und auch wenn die Hürden für eine kleinere Stadt nicht ganz so hoch sind wie etwa für Stuttgart, mehr als bemerkenswert ist das doch. Wie dieses Herz wummert, ist nicht zu überhören: Im 17 Hektar großen Energiepark brüllen etwa Schiffsmotoren so laut wie eine ganze Ochsenherde, wenn man die Schallschutztür öffnet – sie verwandeln Biogas in Strom und Wärme. Daneben steht ein Wasserstoffkraftwerk. Stromspeicher nehmen überschüssige Energie auf. Und es werden riesige Mengen von Pellets aus Sägespäne produziert. Alles greift hier Hand in Hand.
„Irgendwann haben wir alles leergeräubert – und dann?“
Marco Krasser stapft durch den hohen Schnee, öffnet Räume und Luken, hält Schwätzchen mit den Mitarbeitern und erklärt nebenbei, was ihn antreibt. „Wir können doch so nicht weitermachen auf der Erde“, sagt er: „Irgendwann haben wir alles leergeräubert – und dann?“ Er redet wie ein Grüner, was im tiefschwarzen Bayern an sich schon ungewöhnlich wäre. Aber er sei gar keiner, er lehne viele grüne Ideen ab, sagt er. Ihm gehe es um etwas viel Grundsätzlicheres: „Wir sollten endlich wieder mehr Respekt vor der Natur haben anstatt nur das Geld zu vergöttern.“
Er selber tut das jedenfalls nicht. Schon oft hätten ihn Headhunter aus der Provinz in eine Großstadt wegkaufen wollen. Aber Krasser will in Wunsiedel bleiben. Hier sei er zuhause, hier habe er seine Familie, seine Wurzeln, seine Hühner, seinen Fischteich und seine drei Hektar Wald, in dem er am Wochenende beim Holzmachen den Kopf freibekomme. Und hier habe er vor allem die politische Rückendeckung für seine Ideen von Bürgermeister, Stadträten und Landrat. Und mehr als ein gutes Glas Wein am Tag wolle er ohnehin nicht trinken – wozu also mehr Geld?
Marco Krasser ist Geschäftsführer der Stadtwerke Wunsiedel. Foto: Faltin
Diese Prinzipien des Maßhaltens, der Bodenständigkeit und der Nachhaltigkeit hätten ihm seine Großeltern eingepflanzt, erzählt Krasser: Es wurden keine Lebensmittel verschwendet, das alte Fahrrad wurde repariert, und wenn die Legobausteine verbaut waren, gab es keine neuen. „Endloses Wachstum hilft uns nicht weiter“, sagt er heute.
Stattdessen brauche es einen massiven Wandel, und darin hat Wunsiedel gegenüber vielen anderen Städten 25 Jahre Vorsprung. Als Marco Krasser 2001 den Chefposten bei den Stadtwerken übernahm, war ihm schon klar gewesen, wohin er wollte. Weg vom Gas, stattdessen Sonne, Wind und Biomasse nutzen. Zudem die Energie möglichst vollständig vor Ort erzeugen. Und autark werden für Krisenzeiten. Was heute fast Binsenweisheiten sind, war damals noch beinahe visionär.
Bank war skeptisch
Den ersten Schritt machte Wunsiedel 2004 mit einem Bürgersolarpark – damals sei die Bank noch so skeptisch gewesen, dass sie keinen Kredit gegeben habe, erinnert sich Krasser. Die Bürger, die mutiger waren, erhielten dann jedes Jahr sieben Prozent Zinsen. Im Jahr 2010 kam das erste von mittlerweile vier Blockheizkraftwerken dazu, in denen die übrig gebliebenen Hackschnitzel aus dem Wald verbrannt werden – die Stadtwerke legen Wert darauf, dass bis heute kein einziger Baum dafür extra gefällt worden sei.
Dann startete die Kooperation mit Sägewerken aus der Region. Deren Sägespäne werden mithilfe der Abwärme der Kraftwerke getrocknet und in einer Anlage der Stadtwerke zu Pellets gepresst. 180.000 Tonnen Pellets entstehen so jedes Jahr, der größte Teil wird auf dem freien Markt verkauft, 10.000 Tonnen werden in den eigenen Kraftwerken genutzt – übrigens in selbst entwickelten Holzvergasern: Indem das Holz vergast statt verbrennt, gibt es eine um ein Viertel höhere nutzbare Energieausbeute. Das ist überhaupt das Prinzip in Wunsiedel: die Sektoren vernetzen und alle vermeintlichen „Abfälle“ nutzen – Krassers Großeltern wären stolz auf ihn.
Eine Pionierleistung,
Zehn gebaute Windräder und acht Solarparks sind kaum noch der Rede wert. Später kamen mehrere Stromspeicher dazu, um überschüssigen Wind- oder Solarstrom zwischenzuspeichern. Derzeit steht im Landkreis Wunsiedel, in Arzberg, einer der größten Stromspeicher Deutschlands, gebaut von Siemens, mit 200 Megawattstunden Kapazität. Auch das war eine Pionierleistung, wenngleich mittlerweile größere Speicher anderswo im Bau sind.
Und schon seit 2020 wird überschüssiger Strom in einer eigenen Anlage in Wasserstoff umgewandelt. Rund 1600 Tonnen Wasserstoff können dort durch Elektrolyse jährlich produziert werden. Als letztes Jahr in Schwäbisch Gmünd das erste größere Wasserstoffkraftwerk in Betrieb ging, hat das Ministerpräsident Winfried Kretschmann als Meilenstein für ganz Baden-Württemberg gefeiert. In Wunsiedel läuft eine ähnlich große Anlage mit knapp neun Megawatt Leistung schon seit fünf Jahren.
Autark in der Krise – in diesen Zeiten ist das viel wert
Viele Ziele sind deshalb mittlerweile erreicht. Wunsiedel versorgt sich selbst und könnte in einer Energiekrise autark sein, zumindest notfallmäßig. Die Biomasse erzeugt die Grundlast, Sonne und Wind schenken den Rest.
Marco Krasser im Wasserstoffkraftwerk Foto: Faltin
Die Klimaneutralität ist nun seit dem vergangenen Jahr rechnerisch vorhanden, auch wenn es natürlich in Wunsiedel noch Ölheizungen gibt. Für Marco Krasser ist die CO2-Neutralität aber nur ein schönes Nebenprodukt. Für ihn sei zentral, die Energieversorgung ohne fossile Brennstoffe, sicher und kostengünstig aufzustellen. Der Öko-Strom kostet in Wunsiedel knapp 30 Cent. Einen ähnlichen Preis bieten mittlerweile viele Versorger, etwa auch die Stadtwerke Stuttgart. Viel günstigere Angebote aber gibt es kaum.
Natürlich stellt sich die Frage, inwieweit der Wunsiedler Weg auf andere Städte übertragbar sei. Marco Krasser ist da optimistisch. Man müsse größere Kommunen in Quartieren aufteilen und dezentral denken, dann könne man viel übernehmen, meint er. Und da, wo es nicht gehe, etwa beim Bau von Windrädern oder dem Betrieb eines Pelletwerks, müsse man mit dem Umland zusammenarbeiten. Es sei ja auch selbstverständlich, dass in einer Großstadt nicht alles selbst angebaut werde, was die Menschen zu ihrer Ernährung brauchten. Wunsiedel liefert jedenfalls gerne Pellets.
Der Wunsiedler Weg macht die Runde
Längst zieht der Wunsiedler Weg Kreise in die Region hinaus. Fünf Landkreise und drei Dutzend Kommunen und deren Einrichtungen haben sich in der Zenob (Zukunftsenergie für Nordostbayern mbH) zusammengeschlossen, um selbst Windkraftanlagen, Solarparks und Stromspeicher zu betreiben anstatt dies Investoren zu überlassen.
Wer also die Zukunft der Energiewende sehen will, muss in die Provinz reisen. Die Energie haben dort Menschen wie Marco Krasser oder der frühere Bürgermeister Karl-Willi Beck immer als Chance begriffen, etwas für den Planeten und für die eigene Bevölkerung zu tun – trotz vieler Schwierigkeiten und manchen Scheiterns, wie man nicht verhehlen darf. Die Anstrengung hat sich aber auch wirtschaftlich gelohnt: Die Stadtwerke sind mittlerweile einer der größten Gewerbesteuerzahler in der Stadt, wegen des verfügbaren Wasserstoffs siedeln sich Unternehmen an, und auch Firmen wie Siemens hätten sich ohne diese Energiedynamik nie ins strukturschwache Gebiet verirrt.
Und Marco Krasser ist noch nicht am Ende mit seinen Ideen. Das Gasnetz als Speicher für Wasserstoff nutzen? Das Auto zum Speicher machen, das Strom ganz ohne Netz hin- und hertransportiert? Alles möglich. Wunsiedel muss sich noch auf einiges gefasst machen.
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