VR-Spiel „Mrs Benz“ Wo man das erste Auto der Welt selbst lenken kann
„Mrs Benz“ erzählt die Geschichte von Bertha Benz’ legendärer Autofahrt nach Pforzheim – als interaktive Virtual-Reality-Story. Und am Ende hat Moritz Bleibtreu einen Auftritt.
„Mrs Benz“ erzählt die Geschichte von Bertha Benz’ legendärer Autofahrt nach Pforzheim – als interaktive Virtual-Reality-Story. Und am Ende hat Moritz Bleibtreu einen Auftritt.
Von Bertha Benz’ legendärer Fahrt von Mannheim nach Pforzheim mit dem gemopsten „Patent-Motorwagen“ ihres Mannes zeugen (gestellte) Fotos und einige Exponate im Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum. Nun soll die Geschichte der mutigen Frau des Automobilerfinders weltweit erzählt werden – mit virtueller Realität.
„Mrs Benz“ heißt die von den Singer Studios in London erstellte Story, 30 Menschen haben daran gearbeitet. Interessant daran ist neben der Geschichte selbst das Format. „Mrs Benz“ ist eine Mischung aus Spiel und Animationsfilm, man braucht dafür ein VR-Headset samt Steuergeräten, eines für jede Hand. Das klingt futuristischer, als es ist: Die Hardware gibt es für rund 500 Euro, die VR-Spiele und -Storys dazu beim Facebook-Konzern Meta oder bei Sonys Playstation-Plattform.
„Mrs Benz“ gibt es noch nirgends zu kaufen, feierte aber auf der Biennale in Venedig 2022 Weltpremiere und wird dieses Jahr auf Kreativkonferenzen wie der SXSW im texanischen Austin präsentiert. Unsere Zeitung hat dort als eines der ersten deutschen Medien einen Einblick bekommen.
Ehe die weitere Reise zur Pariser Weltausstellung führt und der Schauspieler Moritz Bleibtreu als Sensationsreporter einen kurzen Auftritt hat, schlüpfen die Spieler oder Nutzer – die Begrifflichkeiten sind noch nicht ganz geklärt – in die Rolle von Bertha Benz. Sie steht frühmorgens leicht verzweifelt in der Werkstatt ihres Mannes und will den Wagen fahrtüchtig kriegen. Sie sucht Baupläne zusammen, montiert ein Rad und macht den Anlasser flott. Dann öffnet sich das Garagentor, und man fährt auf dem dreirädrigen Gefährt durch eine altdeutsche Landschaft, wie die Londoner Macher sie sich heute vorstellen.
Die Regisseurin Eloise Singer bezeichnet „Mrs Benz“ als „narratives Spiel“. Sie kommt vom Film, erkundet jetzt aber den Raum zwischen Narration und Gaming. „Klänge und Stimmen sind für die Erzählung extrem wichtig“, sagt die Britin.
Im Spiel hört man Bertha Benz oft mit sich selbst sprechen und sieht die Welt durch ihre Augen. Die Fahrt mit dem Motorwagen wird nicht nur von akribisch recherchierten Geräuschen untermalt, man hört auch geflüsterte Sprüche der Zeitgenossen: „Eine Sünde ist das!“, ruft einer, und tatsächlich war die Kirche damals ein starker Gegner von Innovationen wie der Automobilität.
In Gesprächen mit einer Freundin und auf Wikipedia habe sie die Geschichte von Bertha Benz kennengelernt, erzählt Eloise Singer. Für die Recherche war sie dann in vielen Archiven und versuchte, den Zeitgeist im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu erspüren. „Die Story kann man aber auf der ganzen Welt erzählen“, ist sie überzeugt, „jeder würde gern das erste Auto der Welt fahren, oder?“
Das Süddeutschland des Jahres 1888 gerät etwas klischeehaft mit reichlich Fachwerkfassaden und romantischen Hohlwegen. Charmant ist die Darstellung der Werkstatt, in der Carl Benz seinen Motorwagen geparkt hat. Was damals die Scheune war, ist heute die Garage – in der immer noch genauso gern geschraubt und gehämmert wird.
Bis man mit Bertha Benz aus besagter Scheune herausfährt, sind wie beschrieben einige Aufgaben zu lösen. Man kann da im Grunde nichts falsch machen. Die Gegenstände, die aus Schubladen geholt oder von A nach B gehievt werden sollen, sind gut markiert, leichter als in „Mrs Benz“ hat man noch nie ein hölzernes Rad gewechselt. Und doch spürt man etwas von dem Erhabenen, das auch Bertha Benz auf ihrer Abenteuerfahrt gefühlt haben muss.
Im Abspann heißt es, ihr Name sei fast vergessen. Das gilt für Amerika mehr als für Baden-Württemberg. Doch wenn ein Deal mit Meta oder dessen Konkurrenten Sony zustande kommt, dürfte die Frau des Autoerfinders 135 Jahre nach ihrer kühnen Fahrt bald auf der ganzen Welt bekannt sein.
„Die Reaktion auf ‚Mrs Benz‘ war bislang phänomenal“, sagt Eloise Singer. Narrative Spiele wie dieses könnten virtueller Realität wenn nicht zum Durchbruch, dann doch zu weiteren Nutzern verhelfen. Derzeit entstehen jedenfalls viele Inhalte dieser Art – und „Mrs Benz“ ist einer der besseren.