Neun Tage nach dem Vulkanausbruch auf La Palma hat die Lava die Küste erreicht. Der Westen der Insel ist zerschnitten. Was auf der Kanareninsel lebende Deutsche sagen.

Korrespondenten: Martin Dahms (mda)

Madrid - Das Leben geht weiter. Am Mittwochmittag hat Rüdiger Wastl einen Termin beim Physiotherapeuten, das tut Leib und Seele gut. „Man trägt schon eine gewaltige Last auf den Schultern“, sagt der 52-Jährige aus Dietzenbach bei Offenbach. Seit 16 Jahren lebt er auf La Palma, hat dort seine Frau kennen gelernt und seinen heute achtjährigen Sohn aufwachsen sehen.

Am Sonntag vor gut einer Woche verschlang der Vulkan sein Haus mit allem was darinnen war. Es war eines der ersten. Die Lava blieb gefräßig, langsam und gewaltig wälzte sie sich den Berg hinab Richtung Meer, begrub ein Gebäude nach dem anderen, schien mal innezuhalten, nahm wieder Tempo auf. Am späten Dienstagabend erreichte die die Küste und stürzte sich einen Abhang hinab hundert Meter in die Tiefe. Aus der Ferne sah es aus wie flüssiges Gold.

Lava zerstört am Ende auch das „Wunderhaus“

„Das bringt hoffentlich eine gewisse Entspannung“, sagt Wastl, „dass die Lava jetzt abfließen kann und nicht noch immer mehr Häuser mitnimmt.“ Gut 650 Gebäude hat der Vulkan bisher zerstört und ein paar Dutzend weitere beschädigt. Auch das Haus eines dänischen Paares, das ein paar Tage wundersam wie auf einer Insel dem Appetit des Lavastroms entging, ist nicht mehr.

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Das kleine Häuschen war berühmt geworden, weil es inmitten einer glühend heißen Lavawüste zunächst unbeschadet geblieben war, während Hunderte andere Bauten rundherum zerstört worden waren. Das im kanarischen Stil erbaute Einfamilienhaus gehörte dem Rentnerpaar Rainer Cocq und seiner Frau Inge Bergedorf. Die beiden haben die Insel seit Ausbruch der Coronapandemie nicht mehr besucht.

Der Lavastrom ist fünf Kilometer lang

Am Mittwochvormittag sagte der Regionalpräsident der Kanaren, Ángel Victor Torres, es habe sich ein „Kanal“ gebildet, durch den die Lava vom Vulkan zum Meer hinab fließt. Wenn alles gut geht, dann nur noch hier entlang und nicht mehr links und rechts davon. Wie ein rot glühender Faden ist dieser Strom in der Nacht auszumachen.

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Er ist rund fünf Kilometer lang und zerteilt den Westen der Kanareninsel nun in zwei Teile. Da ist kein Rüberkommen, ein höllischer Grenzfluss. Nördlich davon und südlich davon, immer in gebührendem Abstand, versuchen die Menschen, ihr altes Leben weiterzuführen oder sich ein neues Leben auszumalen. Währenddessen ergießt sich die Lava unablässig ins Meer, das Wasser verdampft zischend, das Leben darin erstirbt, in wenigen Stunden wächst eine Lavapyramide zu Füßen des Abhangs heran. La Palma wird größer.

Manchmal riecht es nach Schwefel

Nach der Physiotherapie fährt Wastl den Berg hinab zum Restaurant, das er an der Landstraße zwischen El Paso und Los Llanos betreibt, das „Franchipani“. „Ich gucke auf den Vulkan und weiß, dass dort eigentlich mein Haus stehen müsste“, sagt er. Es stand nur 250 Meter Luftlinie entfernt von der Stelle, an der sich der Berg öffnete. „Unsere Vergangenheit ist in dem Haus begraben“, sagt er.

Er ist bei Freunden im Norden der Insel untergekommen. „Wir können jetzt nachts schlafen. Der Vulkan donnert einem nicht die ganz Zeit im Ohr. Und man sieht ihn nicht permanent.“ Aber hier vom Restaurant aus sieht er ihn doch. Und den Lavastrom auch. Manchmal riecht es nach Schwefel, und immerzu rieselt die Asche. „Wir tragen alle Masken“, sagt Wastl. „Diesmal nicht wegen Covid, sondern um nicht Ruß und Asche einzuatmen.“

Die Solidarität unter den Inselbewohnern ist groß

Das „Franchipani“ liegt nördlich des Lavaflusses, südlich davon liegt die Pension „Tom’s Hütte am Meer“, die der Wilhelmshavener Thomas Klaffke dort seit vielen Jahren betreibt. Sie steht noch, aber alle Wege dahin sind vorerst abgeschnitten. Viele Monate werden vergehen, glaubt Klaffke, bis an seinem Küstenabschnitt, der La Bombilla heißt, wieder Strom und Wasser fließen werden. Klaffke hat die Fähre nach Teneriffa genommen, um dort einen Freund zu besuchen. Auf der Nachbarinsel wird er besser ausspannen können als auf La Palma. „Ich bin so müde“, sagt er.

Das „Franchipani“ ist noch erreichbar und liegt zum Glück außerhalb der Evakuierungszone rund um den Lavafluss. Das Geschäft läuft weiter, so gut es eben geht. „Du kannst ja jetzt nicht deinen Kopf in den Sand stecken und darauf warten, dass alles besser wird“, sagt Wastl. So langsam habe er den ersten Schrecken überwunden. „Aber immer mal wieder kommt Traurigkeit auf. Und zwischenzeitlich fängt man auch ganz dolle an zu weinen. Vor allem bei der ganzen Hilfsbereitschaft, die man rundherum erfährt. Die Solidarität ist es, was dich immer wieder hochzieht.“ Da kommt kein Vulkan gegen an.

Ein Gefühl der Verlassenheit

Schaden
 Der Regionalpräsident der Kanaren, Angel Victor Torres, sagte am Mittwoch, seit dem Vulkanausbruch hätten alle Menschen auf den Kanaren kaum geschlafen. Es herrsche Angst und „ein enormes Gefühl der Verlassenheit“. Torres hatte die Schadenssumme vergangene Woche auf mehr als 400 Millionen Euro beziffert.

Hilfe
Am Mittwoch sagte er, etwa ein Drittel der Bananenproduktion nehme Schaden. Am Dienstag hatte die spanische Regierung Hilfsgelder in Höhe von 10,5 Millionen Euro für die Menschen freigegeben, die ihr Zuhause verloren.