VVS Erdarbeiten für Stuttgart 21 legen S-Bahnen lahm

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Ein zerstörtes Kabel am Nordbahnhof führt im Berufsverkehr zu chaotischen Zuständen. Die Bahn arbeitet dort an einer Baustraße für das Projekt Stuttgart 21. Das Internetportal „S-Bahn-Chaos“ beklagt, die Bahn vernachlässige die Infrastruktur der S-Bahn seit Jahren.

Bei Arbeiten in der Nähe des S-Bahnhalts Nordbahnhof (rechts) ist ein wichtiges Kabel durchtrennt worden. Foto: Horst Rudel
Bei Arbeiten in der Nähe des S-Bahnhalts Nordbahnhof (rechts) ist ein wichtiges Kabel durchtrennt worden. Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Nach einer durch Bauarbeiten am Nordbahnhof verursachten Signalstörung ist es von Montagnachmittag bis Dienstagmorgen zu Störungen und Ausfällen im S-Bahn-Verkehr gekommen. Vor allem am Montagabend habe es in der Innenstadt chaotische Zustände auf den Bahnsteigen gegeben. „In der Station Stadtmitte drängten sich Hunderte von Pendlern, die auf ihre Bahn warteten, auf dem schmalen Bahnsteig“, sagte ein Betroffener. In der S-Bahn-Station unter dem Hauptbahnhof sollen Wartende ihren Unmut lautstark geäußert haben. „Die Leute waren sauer, die Stimmung um mich herum war kurz vor einem Aufstand“, so ein Pendler. Die Störung bereitete offenbar auch personelle Probleme: „S 2 um 20.39 ab Bad Cannstatt: Fahrer weigerte sich nach 13 Stunden Dienst weiterzufahren, Ablösung kam nicht. Zug wurde abgestellt“, behauptete am Montagabend ein Nutzer des Kurznachrichtendiensts Twitter.

Nach Angaben der Bahn waren von dem Ausfall 277 Züge der S-Bahn-Linien S 4, S 5, S 6, S 60 sowie der Regionalbahnen R 4 und R 5 betroffen. Erst am Dienstagmorgen gegen 9 Uhr sei der Zugverkehr wieder fahrplanmäßig gelaufen.

Zwischenfall bei Arbeiten an einer Baustraße

Auslöser der Misere waren Arbeiten im Zuge von Stuttgart 21 im Bereich des Nordbahnhofs. Diesen Umstand bestätigte die Bahn aber offiziell erst am Dienstagnachmittag. Bei Erdarbeiten für eine Baustraße auf dem ehemaligen Güterzugareal wurde am Montag gegen 16.30 Uhr ein wichtiges Signalkabel durchtrennt, das erst in der Nacht zum Dienstag wieder repariert werden konnte. Diese Straße führt nah an der S-Bahn-Haltestelle Nordbahnhof vorbei.

Anfang September 2013 war es schon einmal wegen eines Kabelschadens an der Jägerstraße zu schweren Störungen im S-Bahn-Netz gekommen, von denen 166 Züge betroffen waren. Bei Bauarbeiten im Zusammenhang mit Stuttgart 21 hatte ein Bagger kurz vor dem Beginn des Berufsverkehrs am Nachmittag ein Hochleistungssignalkabel zerstört.

Kritiker bemängeln die fehlende Wartung des Netzes

Für die Betreiber des Internetportals „S-Bahn-Chaos.de“ ist die jüngste Störung allerdings nur der vorläufig letzte Vorfall in einer andauernden Pannenserie. „Seit November kommt es wegen der veralteten Technik und Beschädigungen bei Bauarbeiten immer wieder zu Signalstörungen“, so ein Mitarbeiter des Portals. Dort hat man mit den Abschnitten Korntal, Zuffenhausen/Feuerbach und Herrenberg/Böblingen drei Schwachstellen im S-Bahn-Netz ausgemacht, auf denen es besonders häufig zu Zwischenfällen komme. Die Bahn vernachlässige die Infrastruktur der S-Bahn wegen Stuttgart 21 seit Jahren, lautet die These der Portalbetreiber.

„Das Zeug wird halt älter und immer anfälliger“, sagt ein Mitarbeiter der Bahn aus dem Bereich Netztechnik. Allerdings tausche man jetzt öfter Relaisgruppen in alten Stellwerken aus, um Ausfällen vorzubeugen. Dennoch warnt der Bahnmitarbeiter: „Aber ein Oldtimer kann jederzeit stehen bleiben.“

Die Störungen im Netz haben wegen fehlender zeitlicher Puffer im Fahrplan erhebliche Auswirkungen. Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) hat im vergangenen Jahr in einer Analyse belegt, dass bereits geringe Verspätungen der S-Bahnen zum Verlust von Anschlüssen führen. Bei Verspätungen von sechs Minuten würden im Berufsverkehr am Nachmittag „206 der im Verbundgebiet untersuchten 373 Anschlüsse nicht erreicht“, heißt es in der VVS-Untersuchung. Das seien 55 Prozent. Wenn die S-Bahnen nur drei Minuten hinter dem Fahrplan lägen, hätten Pendler bereits bei 57 von 373 Anschlüssen das Nachsehen. Im vergangenen Jahr hatten Passagiere im VVS-Netz 349 Millionen Fahrten zurückgelegt und damit dem Verkehrsverbund ein Rekordergebnis beschert.

Neue Technik lässt auf sich warten

In ihrer kürzlich getroffenen Vereinbarung zur Stärkung des Nahverkehrs in der Region haben auch das Land, der Regionalverband, die Landkreise und die Landeshauptstadt einen pünktlichen S-Bahn-Betrieb gefordert. Konkrete Beschlüsse wurden nicht gefasst. Um das S-Bahn-Netz zu stabilisieren, fordert der Verkehrsclub Deutschland (VCD) in einem 15-Punkte-Programm unter anderem einen Fahrplan mit größeren Zeitreserven.

Die Pläne der Deutschen Bahn, die langen Haltezeiten in der S-Bahn-Station Hauptbahnhof durch Kameras und Informationsmonitore für die Triebfahrzeugführer zu verkürzen, können erst im kommenden März umgesetzt werden. Als Grund nannte ein Bahnsprecher Lieferverzögerungen für die bereits bestellte Technik.