Der neue VW-Chef Matthias Müller räumt tapfer auf – doch er könnte als tragischer Held enden, meint StZ-Wirtschaftsredakteur Harry Pretzlaff

Stuttgart - Am Abend des 18. September meldeten Nachrichtenagenturen, dass VW in den USA fast eine halbe Million Wagen zurückrufen müsse, weil dem Autobauer Verstöße gegen das amerikanische Klimaschutzgesetz vorgeworfen würden. VW könnten Strafen bis zu 18 Milliarden Dollar drohen, doch es sei völlig unklar, ob dieses theoretische Höchstmaß ausgeschöpft würde, hieß es damals. Die Meldung schien zunächst nicht besonders aufregend zu sein, doch letztlich war sie der Ausgangspunkt einer Krise, die sich in den vergangenen Wochen mit einem beängstigenden Tempo ausgeweitet hat. VW hat eingestanden, dass es bei weltweit mindestens elf Millionen Dieselmotoren Betrügereien mit einer Software gegeben hat, die den Ausstoß von lungenschädlichem Stickoxid manipuliert.

 

Am Dienstag hat die Krise nun eine ganz neue Dimension erreicht. Das größte deutsche Industrieunternehmen beichtete, dass bei der Zulassung von etlichen Modellen der Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid gefälscht wurde. Die Zahl der von dem neuen Problem betroffenen Fahrzeuge gibt der Konzern mit rund 800 000 an, versieht dies aber mit dem Zusatz: nach derzeitigem Erkenntnisstand. Wenn man sich an den Beginn der Krise erinnert, weckt dies nicht gerade Vertrauen, dass es dabei bleibt. Das dicke Ende könnte auch bei diesen Betrügereien erst noch kommen.

Der neue VW-Konzernchef Matthias Müller will mit der Enthüllung der Kohlendioxid-Fälschungen in die Offensive gehen, deutlich machen, dass er alle Verfehlungen der Vergangenheit schonungslos aufdecken werde. Er werde jeden Stein umdrehen, hat der frühere Porsche-Chef angekündigt. Dies ist tapfer. Doch was ist, wenn dabei zu viele unangenehme Überraschungen zum Vorschein kommen? Bisher hatte der Konzern Rückstellungen für Rückrufe in Höhe von 6,7 Milliarden Euro gebildet. Die wirtschaftlichen Risiken der Kohlendioxid-Fälschungen beziffert der Konzern auf zusätzlich zwei Milliarden Euro – als erste Schätzung.

Doch es ist heute schon klar, dass dies bei weitem nicht ausreichen wird. Es drohen hohe Strafzahlungen in vielen Ländern, Anwälte wollen Aktionäre und VW-Kunden als Mandanten gewinnen, um Schadenersatzklagen ausfechten zu können. Zudem stellt sich die Frage, wie die Autokäufer reagieren und wie der Imageschaden wieder repariert werden kann. Es ist nicht mehr ausgeschlossen, dass der neue Konzernchef bei seinen Aufräumarbeiten scheitert und als tragischer Held abtritt. Vielleicht kann VW auch irgendwann die Belastungen nur noch schultern, indem der Konzern sich von dem Ziel verabschiedet, größter Autohersteller der Welt werden zu wollen. VW könnte Luxusmarken wie Bugatti oder Bentley zu Geld machen oder die Lastwagenbauer MAN und Scania an Investoren abgeben. Dies müsste keineswegs einen weiteren Niedergang einleiten. Die Rückkehr zu einer überschaubaren Größe könnte vielmehr die Basis für einen erfolgreichen Neustart sein.