Wachkoma-Patient in Alfdorf Plötzlich pflegt Ulrike Knecht ihren Mann – und sucht wieder Kraft

Mithilfe des Pflegedienstes kümmert sich Ulrike Knecht rund um die Uhr um ihren Mann Wolfgang. Um sich ein wenig Privatsphäre zu wahren, ist sie abends und nachts mit ihm allein. Foto: privat

Vor fünf Jahren erlitt Wolfgang Knecht einen Herzinfarkt und liegt seitdem im Wachkoma. Seine Frau kümmert sich um alles, außer um sich selbst. Ein Spendenprojekt soll das nun ändern.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Eigentlich lief alles wie immer an dem Tag, der ihr ganzes Leben von einer Sekunde zur nächsten komplett auf den Kopf gestellt hat. Ende April 2017 war das. Ein Frühlingstag, an dem sich Ulrike Knecht guter Dinge von ihrem Mann verabschiedete und zur Arbeit nach Welzheim fuhr. „Bis heute Abend“, rief sie ihm zu, und er antwortete mit einem „Tschüss“. Seitdem konnte das Ehepaar sich nicht mehr miteinander unterhalten. Der Familienvater erlitt an diesem Tag einen schweren Herzinfarkt und liegt seither im Wachkoma.

 

„Ich bekam bei der Arbeit einen Anruf, dass mein Mann umgefallen sei“, erzählt Ulrike Knecht. Ihr Mann atme nicht mehr selbstständig, der Notarzt sei auf dem Weg. „Ich verlor den Boden unter den Füßen und bin so schnell ich konnte, heim gerast.“ Ulrike Knecht sieht die Bilder immer noch vor sich. Wie sie ankam und ihr Mann gerade mit Herzdruckmassage und Defibrillator reanimiert wurde. „Es war das volle Programm. Und es kam mir ewig vor, bis sie ihn einigermaßen für den Transport stabilisiert hatten.“

Die Ehefrau pflegt ihren Mann zuhause

Fassungslos und voller Angst folgte Ulrike Knecht dem Rettungswagen und hatte seit diesem Tag eigentlich keine ruhige Minute mehr, denn die heute 56-Jährige pflegt ihren Mann daheim – zwar mithilfe eines Intensivpflegedienstes und jeder Menge Unterstützung von Familie und Nachbarschaft, aber auch oft genug ganz allein. „Wir hätten zwar Anspruch auf eine 24-Stunden-Betreuung, aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich wollte meine Wohnung auch einige Zeit am Tag für mich haben und Momente mit meinem Mann ganz allein. Das ist jetzt meine Lebensaufgabe.“

Ulrike Knecht musste für die Pflege ihren Beruf als Fotografin aufgeben

So nachvollziehbar das ist, so kräftezehrend ist es für Ulrike Knecht auch. Sie musste ihren Job als Fotografin aufgeben und in einen pflegerischen Alltag mit unterschiedlichsten Geräten hineinwachsen, von denen sie vorher noch nicht einmal gehört hatte. Wolfgang Knecht muss gewaschen und gelagert werden. Er wird über eine Sonde ernährt, hat einen Katheter und ein Tracheostoma wegen einer schweren Schluckstörung. „Das muss sehr häufig abgesaugt werden, dadurch schlafe ich nachts entweder gar nicht oder nur stundenweise. Ich komme oft komplett an meine Grenzen.“

Mal wieder richtig durchatmen, sich erholen, Kraft tanken und die Pflege für eine kurze Zeit loslassen, das wäre das, was Ulrike Knecht brauchen könnte. Doch für eine solche Auszeit fehlen der Alfdorfer Familie die finanziellen Möglichkeiten. Hier kommt der noch junge Verein „Füreinander Alfdorf“ ins Spiel, der schon einige Hilfsprojekte, zuletzt auch für ukrainische Flüchtlinge umgesetzt hat. Er möchte Familie Knecht nun eine solche Auszeit ermöglichen und sie bei der Finanzierung einer gemeinsamen Reise unterstützen.

Dazu wurde das Spendenprojekt „Auszeit für Familie Knecht“ ins Leben gerufen. Den Auftakt bildet eine Glühwein- und Würstchenaktion. „Wir sind durch eine andere Familie, der wir auch schon helfen konnten, auf Familie Knecht aufmerksam geworden. Uns war gleich klar, dass wir da helfen müssen, damit Ulrike Knecht endlich mal rauskommt und durchschnaufen kann“, sagt die zweite Vorsitzende des Vereins, Simone Latosik. Gerade in der Vorweihnachtszeit sei es schön, so etwas Gutes tun zu können.

Bei Ulrike Knecht wird die Adventszeit nicht anders ablaufen wie all die Tage davor. Am Vormittag kümmern sich Pfleger um ihren Mann. Zudem wird er von Therapeuten betreut. Gegen Mittag kommt Wolfgang Knecht dann in den Rollstuhl und am Nachmittag beginnt ihre eigene „Schicht“, wie sie es nennt. „Dann haben wir Zeit für uns. Wir sitzen dann auch mal im Wohnzimmer, ich lese ihm vor oder wir schauen etwas im Fernsehen. Fußball mag er.“

„Seit der Reha hat sich viel getan.“

Wenn Wolfgang Knecht in solchen Momenten ihren Blick erwidert, auf Geräusche reagiert oder mit seiner Mimik zeigt, wenn ihm etwas besonders gut oder überhaupt nicht gefällt, dann weiß Ulrike Knecht wieder, wofür sie jeden Tag an ihre Grenzen geht. Dann hat sie das Gefühl, ihr 60-jähriger Mann komme wieder ein Stückchen zurück zu ihr. „Seit der Reha hat sich da viel getan. Damals hat man uns kaum Hoffnung gemacht. Aber es gibt kleine Zeichen. An manchen Tagen wirkt es, als würde er gleich lossprechen. An anderen ist er dagegen weit weg in einer ganz eigenen Welt.“

Ulrike Knecht hadert nicht mehr mit ihrem Schicksal

Aber auch an den schlechteren Tagen hadert Ulrike Knecht nicht mit dem Schicksal – zumindest nicht mehr. „Wir haben uns mit der Situation arrangiert. Und wir haben ihn noch bei uns. Auch die Kinder sagen immer zu mir, dass wir ihn immer noch umarmen und streicheln können.“ Ihre erwachsenen Kinder – ein Sohn und eine Tochter – wären genauso bei der Auszeit am Brombachsee dabei wie ein Enkel, drei Pflegekräfte und die Schwiegermutter. „Das wird im Juli stattfinden. Ich freue mich schon so auf die Tage und bin so dankbar für die Spendenaktion.“

So kommt Hilfe bei Ulrike Knecht an

Kontakt
Wer Ulrike Knecht zu einer Auszeit verhelfen möchte, kann sich unter s.latosik@web.de an die zweite Vorsitzende wenden.

Aktion
Wer helfen will, kann außerdem am Samstag, 3. Dezember, von 9 bis 14 Uhr zu der Glühweinaktion am Rewe-Markt in Alfdorf kommen.

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