Wachsender Mangel an den Schulen Mint-Lehrer verzweifelt gesucht

Mangelware: Lehrer für Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Informatik sind besonders gefragt. Foto: dpa

Lehrermangel ist ein verbreitetes Problem an den Schulen im Land. In den Mint-Fächern ist das Defizit besonders groß. Und Zahlen zeigen: Es wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Das Land versucht mit neuen dualen Studiengängen dagegenzuhalten. Im ersten Durchgang mit mäßigem Erfolg.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Ein Land wie Baden-Württemberg, eine Hochtechnologie-Region wie der Großraum Stuttgart brauchen Naturwissenschaftler, Ingenieure, IT-Experten und entsprechende Facharbeiter. Und zuallererst in den Schulen gut ausgebildete Lehrkräfte für die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). Doch da sieht es mau aus. Die Lage verschärft sich sogar.  

 

Wie ist der Lehrermangel im Mint-Bereich?

Im Bereich Mathematik, Naturwissenschaft und Technik sei bei der Lehrerversorgung „die Decke noch deutlich kürzer als in anderen Fächern“, sagt Thomas Schenk, der Leiter des Staatlichen Schulamts Stuttgart. Felix Winkler, der geschäftsführende Schulleiter der Beruflichen Schulen, wo heute schon etwa 90 Prozent der Lehrkräfte Direkt- oder Quereinsteiger sind, sieht hier eine „große Herausforderung, die zunehmend alle Schularten betreffen wird“. Auch die Gymnasien.

„Der Mangel ist auch bei uns groß“, erklärt Manfred Birk, der geschäftsführende Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien. Das Defizit werde sich noch verschärfen mit der G9-Reform, wenn „Informatik am Gymnasium als durchlaufendes Fach installiert wird“. Birk klagt, man habe im Land einfach „zu wenig Mint-Studenten“. Dies sei „vor allem unter den Frauen“ so. Da diese „gerne ins Lehramt gehen“, wirke sich das Defizit dadurch „gerade in der Schule umso härter aus“.

„Viele naturwissenschaftlichen Lehrkräfte unterrichten nur noch ein Fach, um die Löcher an der Schule zu stopfen“, sagt Manfred Birk. „Mathematik wird in der Unterstufe bisweilen auch fachfremd unterrichtet.“ Es kämen auch „immer mehr ‚schnellgebleichte‘ Lehrer anderer Fächer zum Einsatz. In der Sekundarstufe I ist das nicht anders. Auch dort kennt man fachfremden Unterricht. In manchen Fällen sei das „fast fahrlässig“, findet Thomas Schenk. An einigen Schulen werden Lehrer, wenn es dort zwei Physiklehrer gibt, an andere Schulen abgeordnet. Vor allem in Chemie und Physik sei die Lage „schwierig“, sagt Katharina Rebmann, die zuständige Schulrätin beim Schulamt.  

Wie ist die aktuelle Entwicklung?

Die jüngsten Zahlen von Lehrkräften, die nach dem Referendariat in die Schulen kommen, sind unerfreulich. So habe man jüngst im Vergleich zum vorigen Schuljahr 2022/23 „den größten Rückgang an allgemein bildenden Schulen in den Fächern Biologie, Chemie, Mathematik und Physik“, sagt Fabian Schmidt, Sprecher beim Landeskultusministerium. Das Minus ist zum Teil beträchtlich. An den Beruflichen Schulen hat dieses Jahr gar kein neuer Physiklehrer seinen Dienst nach dem Referendariat angetreten, im Vorjahr waren es wenigstens noch zwölf.

Wie sind die Zahlen an den Hochschulen?

Die Zahl der Studienanfänger in den Mint-Fächern an Pädagogischen Hochschulen im Sek-I-Bereich erzeugen keine Zuversicht. Beispiel PH Schwäbisch Gmünd: In Physik hatten in den Vorjahren immer wenigstens drei oder vier junge Leute das Studium aufgenommen, in diesem Jahr niemand. In Mathematik waren es vor ein paar Jahren noch 43 Studienanfänger, dieses mal nur 17, noch weniger als im Vorjahr. In Chemie waren es vor ein paar Jahren schon mal zwölf Anfänger, jetzt sind es noch drei.

An der PH Ludwigsburg sieht es ähnlich aus. Dort sind im Fach Physik dieses Jahr gerade mal drei junge Leute ins Studium gestartet. Auf dem seit Jahren niedrigsten Niveau bei den Anfängerzahlen sind auch in Ludwigsburg die Informatik (nur drei Erstsemester) und die Chemie (acht) gelandet.

An der Uni Stuttgart treten das Studium der Technikpädagogik für die Berufsschule jedes Jahr nur etwa zehn junge Leute an, zwei Drittel im Master, nur ein Drittel im Bachelor, sagt Bernd Zinn, der zuständige Studiendekan. „Wir könnten deutlich mehr aufnehmen.“ Immerhin habe man die Quote der Studienabbrecher durch Tutorien in Höherer Mathematik verringern können. 

Was sind die Ursachen für den Mangel?

Schülern, die ein Faible für die Mint-Fächer haben, winken in der Wirtschaft lukrative Jobs, entsprechend mehr Bewerber belegen ingenieurwissenschaftliche Studiengänge. Und seit Längerem ist ein Problem: Die Industrie werbe etwa Informatiker „sogar noch nach einem absolvierten Lehramtsstudium ab“, stellt Manfred Birk fest.  

Was tut das Land gegen den Mangel?

Das Land hat drei neue duale Masterstudiengänge in Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg mit insgesamt 60 Plätzen eingerichtet. In Stuttgart wird im Mint-Bereich für das berufliche Lehramt ausgebildet, in Freiburg fürs Gymnasium, an der PH Karlsruhe für die Sekundarstufe I, mit jeweils 20 Plätzen, Mathematik ist bei allen obligatorisch.

Der Modellversuch soll eine neue Zielgruppe erreichen: Personen etwa mit einem Bachelor oder Master in einer Ingenieurwissenschaft, von denen manche vielleicht sogar schon in der Wirtschaft tätig waren, die aber doch ein Interesse am Lehrerberuf haben. Der Vorteil: Der Master inklusive Referendariat dauert drei statt vier Jahre, es gibt von Anfang an Geld, im ersten Jahr ein Schulpraktikum, im zweiten wird an der Schule schon ein paar Wochenstunden unterrichtet. Nächstes Semester geht es los.

Die Zahlen sind im ersten Durchgang aber überschaubar. In Stuttgart haben sich zwar 25 Personen auf die 20 Plätze beworben, aber nur neun wurden genommen, die anderen hätten nicht die nötige Vorqualifikation oder keine ausreichenden Sprachkenntnisse, erklärt Studiendekan Bernd Zinn. In Freiburg gingen nur sechs Bewerbungen ein, „vier Personen wurden zugelassen“, sagt ein Pressesprecher. Ähnlich an der PH Karlsruhe: Man habe „sieben Bewerbungen erhalten“, so eine Sprecherin, „drei dieser Personen konnten zugelassen werden“.

Mit den neuen dualen Studiengängen „geht das Land einen gänzlich neuen Weg in der Lehrkräftebildung“, erklären dazu die beiden Ministerien für Kultus und Wissenschaft. Die Ministerinnen Theresia Schopper und Petra Olschowski sprachen von einem gemeinsamen „Kraftakt“ mit den Hochschulen. Man habe erst ab April Werbung machen können. Gemessen daran seien die Bewerberzahlen „ein gutes Signal“. Ein so neues, innovative Studienangebot brauche „eine gewisse Anlaufzeit“.

Die neuen Studiengänge sind auch nur ein Weg unter anderen, mit denen das Land mehr Mint-Lehrkräfte gewinnen will. So ist der Seiteneinstieg ins gymnasiale Lehramt für Physik und Informatik seit Längerem geöffnet. Zum Schuljahr 2024 wurde an allgemein bildenden Gymnasien der Direkteinstieg in Mathematik, Informatik, Biologie, Chemie und Physik ausgeschrieben. In der Sekundarstufe I ist der Direkteinstieg seit diesem Jahr in allen Fächern möglich. An beruflichen Schulen wurde der Direkteinstieg mit flankierender Nachqualifizierung auch auf Biologie und Mathematik ausgeweitet. Und für Bestandslehrkräfte gibt es Qualifizierungen wie den Kontaktstudiengang Informatik, Mathematik, Physik (IMP) oder Angebote zu berufsbegleitenden Drittfachstudien. Das Kontaktstudium IMP wurde an der Uni Konstanz mit 60 Plätzen ausgebaut.

Aktueller Rückgang von Neulehrern im Mint-Bereich im Land

Biologie
Sekundarstufe I: Absolventen im Land im Schuljahr 2023/2024: 149, minus 38 im Vergleich zum Jahr 2022/2023, Gymnasien: Absolventen: 148 , minus 27, Berufliche Schulen: Absolventen: 12, minus 3.

Chemie
Sekundarstufe I: Absolventen: 51 , plus 3, Gymnasien: Absolventen: 88 , minus 17, Berufliche Schulen: Absolventen: 11 , minus 8.

Mathematik
Sekundarstufe I: Absolventen: 174 , minus 38, Gymnasien: Absolventen: 192, minus 15, Berufliche Schulen: Absolventen: 31, plus 4.

Physik
Sekundarstufe I: Absolventen: 44 , minus 4, Gymnasien: Absolventen: 73, minus 15, Berufliche Schulen: Absolventen: keine , minus 12. ury

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