Währungskrise in der Türkei Lira-Verfall macht Südwestfirmen nervös

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Die Türkei ist ein wichtiger Handelspartner für die Wirtschaft in Baden-Württemberg. Sie beobachtet die Entwicklung der Währungskrise genau.

Daimler produziert seit 1967 Lastwagen in der Türkei. Foto: Daimler
Daimler produziert seit 1967 Lastwagen in der Türkei. Foto: Daimler

Stuttgart - Seit Jahresbeginn hat die türkische Lira gegenüber dem Dollar fast die Hälfte und gegenüber dem Euro rund ein Drittel an Wert verloren. Grund ist die allgemeine Schwäche der dortigen Wirtschaft. Durch einen Streit zwischen den USA und der Türkei hat sich der Währungsverfall in den vergangenen Tagen allerdings beschleunigt. Trotz einer leichten Erholung am Dienstag bleibt die Lage angespannt. Das gilt auch für Unternehmen aus Baden-Württemberg, die sich in dem Land engagieren. Ein Überblick:

Aktueller Stand des Streits Nachdem der US-Präsident Donald Trump am Freitag höhere Strafzölle auf Stahl und Aluminium angekündigt hatte, konterte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag mit einem Boykott von US-Elektronikprodukten. Erdogan empfahl, dass sein Land nicht länger iPhones des amerikanischen Herstellers Apple anschaffen solle, sondern auf koreanische Samsung-Geräte oder in der Türkei hergestellte Vestel-Produkte zurückgreife. Auslöser der Auseinandersetzung ist der festgefahrene Streit über einen seit 2016 in der Türkei festgehaltenen evangelikalen US-Pfarrer, dessen Freilassung Trump fordert.

Rege Geschäfte mit der Türkei Nach Auskunft des baden-württembergischen Wirtschaftsministeriums exportierten Unternehmen aus dem Land im Jahr 2017 Waren im Wert von knapp drei Milliarden Euro in die Türkei, was knapp 14 Prozent der bundesweiten Ausfuhren entspricht. Dabei handelte es sich zu fast einem Drittel um Kraftwagen und Kraftwagenteile sowie zu einem Viertel um Maschinen. Zugleich führte Baden-Württemberg Waren im Wert von 2,7 Milliarden Euro aus der Türkei ein, was gut 17 Prozent der deutschen Einfuhren entspricht. Auch hier dominierten mit gut einem Viertel Kraftwagen und Kraftwagenteile (25,5 Prozent), danach folgen mit 17,5 Prozent Maschinen , elektrische Ausrüstungen (17,2 Prozent) sowie Bekleidung (8,2 Prozent).

Der Stellenwert der Türkei im Südwesten Die Türkei stand im Jahr 2017 dem Wirtschaftsministerium zufolge auf Rang 18 aller baden-württembergischen Handelspartner. Zudem gilt nach Aussagen einer Sprecherin: „Die baden-württembergische Wirtschaft ist im Bundesvergleich deutlich überdurchschnittlich mit Niederlassungen und anderen direkten Unternehmensbeteiligungen in der Türkei präsent.“

Unternehmen vor Ort Von den Südwest-Unternehmen, die in der Türkei vertreten sind, dürfte Bosch mit 18 000 Beschäftigten die meisten Mitarbeiter vor Ort haben. Insgesamt setzt der Konzern mit Werken aus den vier Sparten Mobilitätslösungen, Konsumgüter, Industrietechnik sowie Energie- und Gebäudetechnik 1,5 Milliarden Euro um. Rund 6000 Mitarbeiter beschäftigt die Daimler AG in ihren zwei türkischen Werken – gerade erst hat der Konzern mehr als 100 Millionen Euro in sein Lastwagenwerk im anatolischen Aksaray investiert. Nennenswerte Mitarbeiterzahlen haben zudem mit rund 3800 Mitarbeitern der Metzinger Textilkonzern Hugo Boss, der eine große Produktionsstätte in Izmir unterhält, sowie das Joint Venture von Heidelberg Cement mit der türkischen Sabanci Holding namens Akçansa, das rund 1000 Beschäftigte zählt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche kleinere Engagements, die aber durchaus eine große Bedeutung haben können, wie beispielsweise das Joint Venture des Energieversorgers EnBW Borusan EnBW Enerji, das derzeit größte Auslandsengagement des Konzerns im Bereich erneuerbare Energie mit einer Erzeugungskapazität von mehr als einem Gigawatt Wind- und Sonnenenergie.

Abwartende Stimmung Wo man auch fragt: Bei den betroffenen Unternehmen heißt es, die aktuelle Lage werde genau beobachtet. Daimler möchte sich darüber hinaus nicht äußern. Bei Bosch heißt es: „Sollte sich die Währung nicht stabilisieren, schließen wir Auswirkungen auf unser Geschäft nicht aus.“ Heidelberg Cement rechnet aus dem Joint Venture wenn überhaupt mit geringen Auswirkungen, da das Gemeinschaftsunternehmen weniger als ein Prozent zum Ergebnis vor Abschreibungen beitrage.

Sondereffekte bei der EnBW, Boss und EGO Auch bei der EnBW wird – wie bereits seit Jahren, wenn auch aus wechselnden Gründen – die Lage am Bosporus scharf beobachtet. Einen Währungsvorteil hat der Karlsruher Konzern allerdings, denn zum einen werden die Einspeisevergütungen, die die EnBW für ihren Wind- und Sonnenstrom in der Türkei erhält, Dollar-basiert berechnet. Und zum anderen bilanziert die Borusan EnBW Enerji auch in US-Dollar. Ähnlich sieht es offenbar bei Hugo Boss aus. Handelswährungen in der Türkei seien Euro und Dollar, nicht die Lira. Insofern habe die Situation derzeit keine signifikanten Auswirkungen, heißt es in Metzingen. Keine Folgen des Liraverfalls für das Geschäft spürt auch der Oberderdinger Hausgerätezulieferer EGO. Die Wertschöpfung im Werk Ergene, rund eine Stunde Autofahrt von Istanbul entfernt, sei sehr hoch, und man produziere vor allem für Kunden im Lande. Entsprechend gebe es wenig Bewegung in oder aus der Türkei. „Gleichwohl darf die Entwicklung nicht langfristig weitergehen. Gesamtwirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich könnte das sonst dramatische Folgen haben, die dann auch das Unternehmen betreffen könnten“, so eine EGO-Sprecherin.