„Wände/Walls“ im Kunstmuseum Stuttgart Immer an der Wand lang!
Sie schützen oder grenzen aus: Das Kunstmuseum nimmt sich das vielseitige wie spannende Thema „Wände/Walls“ vor. Leider ist die Ausstellung völlig unpolitisch geraten.
Sie schützen oder grenzen aus: Das Kunstmuseum nimmt sich das vielseitige wie spannende Thema „Wände/Walls“ vor. Leider ist die Ausstellung völlig unpolitisch geraten.
Stuttgart - Da tut die Stadt Stuttgart alles, um den Feinstaub zu reduzieren – und dann das: Ausgerechnet im Kunstmuseum Stuttgart, das doch eigentlich ein steriler, blitzblanker White Cube sein will, wird in den kommenden Wochen ein nettes Häufchen Reifenabrieb produziert werden. Oder wird es doch eher die Wand sein, die den Kampf verliert? Sicher ist: Es quietscht. Denn der Künstler Michael Sailstorfer hat ein Objekt konstruiert, bei dem sich ein Autoreifen so nah an der Wand dreht, dass der Putz schon bald abgescheuert sein wird. Zeit, führt die Installation vor Augen, lässt sich mitunter auch am Grad der Zerstörung messen.
In den vergangenen Monaten mögen die eigenen vier Wände Schutz besonderer Art geboten haben, aber man kann sich auch einfach nur an ihnen reiben – wie es der amerikanische Konzeptkünstler Bruce Nauman in den siebziger Jahren vorschlug und vermutete, dass es durchaus erotisch zugehen könnte, wenn sich Ausstellungsbesucher an die Wände pressen. Nicht nur im Alltag, auch in der Kunst ist die Wand ein vielfach verhandeltes Thema. Deshalb widmet sich das Kunstmuseum Stuttgart in seiner neuen Ausstellung „Wände/Walls“ nun dezidiert dem Thema, das das Publikum auf besondere Weise einbindet. Denn dort, wo es um Wände, Grenzen, Mauern geht, wird immer auch der Mensch in seiner Körperlichkeit angesprochen.
So weht einem zum Start gleich ein kühles Lüftchen um die Nase. Bruce Nauman hat eine Lehrstunde der Physik inszeniert und zwei Ventilatoren so vor eine Wand gestellt, dass man am eigenen Leib spürt, wie das Hindernis den Luftstrom umlenkt. Das leibliche Erleben bezieht auch Yoko Ono ein, die die Besucher durch ein gläsernes Labyrinth schickt und die dabei quasi vom übrigen Publikum observiert werden. Mitleid kann man dagegen mit dem armen Gaul bekommen, der mit dem Kopf in der Wand steckt, während der Leib in der Luft hängt – in einer verstörenden Installation von Maurizio Cattelan.
Immer wieder haben Künstler die Wand des weißen Ausstellungsraums ins Visier genommen, um zu zeigen, welche Macht im angeblich neutralen White Cube steckt, schließlich kann das Museum Kunst nobilitieren. In der Stuttgarter Ausstellung sind etwa Wandstücke aus drei verschiedenen Museen dieser Welt zu besichtigen, die das Duo Elmgreen & Dragset für eine Serie abgetragen hat und in Rahmen wie Kunstwerke präsentiert. Gerwald Rockenschaub hat dagegen direkt auf den Putz des Kunstmuseums eine Plexiglasscheibe gehängt – auch das ein Hinweis auf das System Kunst.
Selbst wenn einige der historischen Werke in der Ausstellung ikonischen Charakter besitzen mögen, merkt man ihnen mitunter doch an, dass sie an Schlagkraft verloren haben. Vor dreißig Jahren war es eine Sensation, als Daniel Buren die Staatsgalerie Stuttgart mit Blockstreifen versah. Die weißen Streifen auf schwarzem und gelbem Grund wirken heute dagegen eher banal. Auch die Fotoserie von Klaus Rinke, der 1969/70 seinen Körper in verschiedenen Posen in Bezug zur Zimmerwand stellte, ist bestenfalls als Zeitdokument interessant – übrigens haben gerade die Künstlerinnen in den Siebzigern deutlich radikaler mit Körper und Raum experimentiert, als Rinke es tat.
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6631 Millimeter ist die Stirnseite des Ausstellungssaals lang, den Mel Bochner vermessen hat. Und auch wenn es zweifellos bedenkenswert ist, in welcher Weise Maßeinheiten in das Erleben von Raum oder auch Zeit hineinspielen, so kann man sich schon fragen, warum die Ausstellung sich nur auf kunstimmanente und formale Spielereien beschränkt, obwohl im Thema Wände solch enormer politischer Zündstoff steckt. In einer Zeit, in der Menschen in vielen Ländern dieser Erde versuchen, die Mauern diktatorischer Macht einzurennen, oder auch sowohl das Ein- als auch Aussperren von realen und gesellschaftlichen Räumen extrem virulent ist, gibt es wahrlich Spannenderes als die harmlosen Wandgesichter von Ernst Caramelle.
Erstaunlich brav kommen auch die jüngeren Arbeiten daher. Sophie Innmann hat Bierbänke vor eine Wand gestellt in der Hoffnung, dass die Besucher, die sich hier anlehnen, die Farbe in den nächsten Wochen abscheuern werden und der Wandfläche damit „eine Spur“ einschreiben, wie es im Begleitheft zur Ausstellung heißt. Jeewi Lee hat dagegen mehrere japanische Wandschirme aneinandergestellt und die Zeichnungen und Stickereien mit transparentem Papier beklebt. Erstaunlich, dass einer Künstlerin aus Südkorea beim Thema Wand nicht mehr in den Sinn kommt als die Frage nach dem klassischen Tafelbild.
Die stärkste Arbeit ist die von Marina Abramovic und ihrem einstigen Partner Ulay, die 1974 in eikunstmner Performance wieder und wieder gegen das Mauerwerk rannten – als vieldeutiges Sinnbild, das ebenso politische Ohnmacht anklingen lässt wie den ewigen Lebenskampf des Individuums. Emily Katrencik hat dagegen eine ganz eigene Strategie entwickelt, um Hindernisse zu überwinden, die sich ihr in den Weg stellen. In einer Videoarbeit zeigt sie, wie sie eine Wand besiegt – indem sie täglich 1956 Inches von ihr abknabbert und aufisst.
Zu Gast Manche Stipendiatinnen und Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude haben mit unsichtbaren Wänden zu tun – seien es nationale, kulturelle oder sprachliche Barrieren. Um diese soll es in der Ausstellung „Beyond Walls“ gehen, die Gäste der Solitude vom 21. November an im Kunstmuseum Stuttgart zeigen werden.
Digital Beim Ausstellungsbesuch empfiehlt es sich, das Smartphone nicht an der Garderobe abzugeben, weil man damit beim Rundgang Kurzfilme zur Bedeutung der Wand anschauen kann.