Hohe Temperaturen in Sibirien Der Klimawandel trifft die Arktis besonders hart

Eine Satellitenaufnahme vom 16. Juli 2020 von einem Waldbrand in der Sakha Republik in Sibirien. Foto: Copernicus Sentinel/Sentinel Hub/Pierre Markuse

Temperaturrekorde und riesige Waldbrände in der Arktis: In diesem Jahr hat es besonders Sibirien getroffen. Forscher haben nun die meteorologischen Hintergründe erforscht und die Entwicklung im ersten Halbjahr rekonstruiert – und sie sind sehr besorgt.

Werchojansk - Das Städtchen im Osten Sibiriens, das Ende Juni weltweit plötzlich in die Schlagzeilen geraten ist, heißt Werchojansk: An der Wetterstation in der Nähe des lokalen Flughafens des 1300-Seelen-Ortes wurden 38 Grad Celsius gemessen. Der Ort liegt hoch im Norden – rund 100 Kilometer nördlich des Polarkreises, der auch durch Nordskandinavien läuft. Und so markiert dieser Rekord eine neue Dimension in der Klimaerwärmung, welche die Arktis besonders massiv betrifft. Bestätigt wurden die Rekordwerte aus Werchojansk durch Satellitenmessungen, die in großräumigerem Maßstab Temperaturen von bis zu 37 Grad registrierten.

 

Ein internationales Forscherteam der Initiative World Weather Attribution (WWA) hat nun die Wettersituation in Sibirien analysiert und festgestellt, dass es dort bereits seit Jahresbeginn ungewöhnlich warm war. Beteiligt an dieser Studie sind eine Reihe von Universitäten und Wetterbehörden, darunter auch der Deutsche Wetterdienst. Den Aufzeichnungen zufolge lagen die Temperaturen in den ersten sechs Monaten des Jahres um mehr als fünf Grad über den Werten, die im Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010 in der Region gemessen wurden. Während es noch Ende Januar in Werchojansk einen Kälteeinbruch mit Tageshöchstwerten von weit unter minus 50 Grad gab, lagen die Werte ab Mitte Februar fast durchweg über dem langjährigen Mittel. Der Ort gilt übrigens als kälteste Stelle in bewohntem Gebiet: Im Februar 1892 wurden dort ein Rekordwert von minus 67,8 Grad gemessen.

Der subpolare Jetstream ist blockiert worden

Wie es zu den anhaltend ungewöhnlich hohen Temperaturen kommt, erläutert Olga Zolina vom Shirshov Institut für Ozeanologie der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau. Demnach herrschte in der ersten Jahreshälfte ungewöhnlich niedriger Luftdruck über dem Arktischen Ozean, wodurch der subpolare Jetstream blockiert wurde, der normalerweise für Luftaustausch sorgt. Von April an sorgte dann anhaltend hoher Luftdruck über dem Land dafür, dass warme Luft von Süden nach Norden transportiert wurde – was im Juni zu den bekannten Rekordwerten führte. Und Prognosen des Arktischen Klimaforums zufolge werden die überdurchschnittlich hohen Temperaturen im größten Teil der Arktis mindestens bis August anhalten.

Damit wächst auch die Gefahr weiterer Waldbrände. Ihre Zahl und Intensität hat in Sibirien – Meldungen zufolge aber auch in Alaska – im Vergleich zu den Vorjahren erheblich zugenommen. Die ungewöhnlich hohen Temperaturen und intensive Sonneneinstrahlung, die in nördlichen Breiten um diese Zeit praktisch 24 Stunden scheint, stellen dabei eine wahrhaft brandgefährliche Kombination dar. Hinzu kommt, dass die Brände zusätzlich regional das Klima beeinflussen – und weltweit zudem bereits rund 60 Millionen Tonnen zusätzliches CO2 in die Atmosphäre gepustet haben.

Wahrscheinlichkeit solcher Hitzewellen durch Klimawandel viel höher

Ohne den Klimawandel wären solche Hitzewellen, wie sie in den letzten Jahren verstärkt in der Arktis auftreten, kaum denkbar. Daran lassen die Forscher der Meteorologeninitiative WWA keinen Zweifel. Ihren Berechnungen zufolge würde ein solches Ereignis ohne menschlichen Einfluss nur alle 80 000 Jahre auftreten. Weil aber die Klimagase die Atmosphäre bereits aufgeheizt hätten, sei die Wahrscheinlichkeit nun um mindestens den Faktor 600 höher. Deshalb trete eine solch lang anhaltende Hitzeperiode jetzt einmal in weniger als 130 Jahren auf. Bald könnte das noch häufiger vorkommen: Die letzten Jahre zeigen bereits, dass auch in anderen arktischen Regionen wie Alaska, Kanada und Skandinavien ungewöhnlich hohe Temperaturen und Dürreperioden zum Alltag zu werden drohen.

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Die Meteorologen warnen daher eindringlich, dass sich die Gefahr im Laufe des Jahrhunderts weiter erhöhe, wenn die Emission von Klimagasen nicht schnell reduziert werde. „Weil Hitzewellen in den meisten Teilen der Welt die bei weitem tödlichsten Extremwetterereignisse sind, müssen sie sehr ernst genommen werden“, betont etwa Friederike Otto vom Institut für Umweltveränderungen im britischen Oxford, die auch in die Leitung der WWA-Inititative eingebunden ist.

Hitzewellen und Niederschläge konzentrieren sich auf ein Gebiet

Unklar ist noch, wie stark die massive Erwärmung der Arktis auch für südliche Breiten bedeutungsvoll wird, also etwa für Europa oder die USA. Immer deutlicher kristallisiert sich aber heraus, dass durch die kleiner werdenden Temperaturunterschiede zwischen Norden und Süden der weltumspannende Jetstream beeinflusst wird. Er weist sozusagen Beulen Richtung Nordpol auf der einen und zum Äquator auf der anderen Seite auf. Diese Ausstülpungen wandern mit dem Windband von West nach Ost um den Globus und bewegen dabei Hoch- und Tiefdruckgebiete.

Nun scheint sich diese Wanderung immer häufiger zu verlangsamen, so dass die Beulen sozusagen stehen bleiben – und damit die Wetterverhältnisse vor Ort längere Zeit zementiert werden. Das bedeutet, dass sich Hitzewellen und starke Niederschläge über Tage oder sogar Wochen hinweg auf ein Gebiet konzentrieren können – mit fatalen Folgen, wie die Vergangenheit zeigt.

Die Veränderungen in den Luftströmungen in der Arktis können sich also künftig sehr wohl auch auf unser Wettergeschehen in Deutschland und Europa auswirken. Die Dürreperioden 2018 und 2019 sind dabei mögliche Vorboten für diese Entwicklung.

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