Wagenburg-Gymnasium Ein Mahnmal erinnert an frühere Schüler

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Schüler des Stuttgarter Wagenburg-Gymnasiums haben über die Folgen des Naziregimes recherchiert – vor Ort. Sie haben daraus ein sagenhaftes Projekt gemacht – mit einem Mahnmal von Schülern für Schüler.

Die Recherchegruppe am Wagenburg-Gymnasium mit einer der plexiglasartigen Scheiben – die aufgesprühten Silhouetten symbolisieren die ehemaligen Schüler. Foto: Lichtgut/Piechowski
Die Recherchegruppe am Wagenburg-Gymnasium mit einer der plexiglasartigen Scheiben – die aufgesprühten Silhouetten symbolisieren die ehemaligen Schüler. Foto: Lichtgut/Piechowski

Stuttgart - Politische Witze zu schreiben oder Jude zu sein – das hat in Zeiten des Nationalsozialismus’ genügt, um aus der Schule zu fliegen, als harmloseste Variante. Doch welcher Jugendliche weiß heute noch etwas darüber? Eine Gruppe von Schülern aus dem Wagenburg-Gymnasium im Stuttgarter Osten, unterstützt von Gerhard Hiller, dem Opa einer Gymnasiastin, ist den Schicksalen von 14 früheren Wagenburg-Schülern nachgegangen und hat in Archiven Spannendes zutage gefördert.

So hatten 13 jüdische Schüler die Schule verlassen müssen, konnten keinen Abschluss machen, mussten emigrieren oder wurden in Konzentrationslager verschleppt. Sie überlebten dennoch alle das Dritte Reich, irgendwie. Und der 16-jährige Neuntklässler Günther Kull war 1943 auf die Idee gekommen, politische Witze in einem Buch zu sammeln, was ihm nicht gut bekommen sollte. Sein Lehrer und die Mitschüler misshandelten ihn, das Kultusministerium verwies ihn von allen Schulen.

Das Mahnmal haben die Schüler selbst gestaltet

Aus diesen Rechercheergebnissen entstand die Idee, diesen Opfern des Naziregimes ein Gesicht zu geben und ihnen ein Mahnmal zu setzen. Die von den Schülern selbst entwickelte Skulptur soll ins Treppenhaus ihrer Schule kommen und am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, bei einer Feier enthüllt werden. „Es geht darum, diesen Schülern ihre Würde zurückzugeben“, sagt Zenab Taha.

Eher zufällig sei sie in diese Recherchegruppe reingerutscht, berichtet die Schülerin der Kursstufe 2, die auch einen Seminarkurs zu Israel besucht hat. „Die Erkenntnis, wofür man das macht, kam mir erst später“, sagt die arabischstämmige Schülerin. Ihren Kursstufenkollegen Florian Härter hat ein gemeinsamer Besuch mit den israelischen Partnerschülern in der KZ-Gedenkstätte Dachau zum Nachdenken gebracht. Die Partnerschüler hatten dort nach den Namen ihrer Vorfahren gesucht – und diese auch gefunden. Und plötzlich sei Geschichte gar nicht mehr weit weg gewesen.

Ein Spiegel verbindet Vergangenheit und Gegenwart

Und nun, nach anderthalb Jahren intensiver Recherche, also die Sache mit dem Mahnmal. Es sei ein längerer Prozess gewesen, bis feststand, wie es aussehen soll: zwei plexiglasähnliche Platten mit sieben aufgesprühten menschlichen Silhouetten vor einem Spiegel. Das ergibt gespiegelt 14 Konturen, für jeden Schüler, der die Schule verlassen musste, eine. Schaut man in den Spiegel, sieht man sich mitten zwischen diesen früheren Schülern, als einer von ihnen. „Man hätte ja auch selbst an Stelle dieser Schüler stehen können“, sagt die Kursstuflerin Leonie Kunze. „Das ist absurd, dass man diese Leute nur wegen ihrer Herkunft oder Religion ausgegrenzt hat.“ Auch Zenab kann es nicht fassen, dieses ‚Du kommst jetzt mit, du bist Jude, du wirst sterben’ – „das ist abartig“, findet die Schülerin, „und das Denkmal ist gerechtfertigt“.

Gerade dass das Kunstwerk so neutral gehalten sei, so offen, gefällt den Schülern. Zumindest denen in der Vorbereitungsgruppe. „Es geht generell um Rassismus und Ausgrenzung“, sagen sie. Dafür zu sensibilisieren, sei doch gerade an einer so internationalen Schule wie dem Wagenburg-Gymnasium mit Schülern aus 26 Nationen wichtig. Dort haben 260 der insgesamt 600 Schüler einen ausländischen Pass, mehr als 200 einen französischen.

Die Lehrer haben das Projekt von Anfang an unterstützt

„Es ist ein Denkmal von Schülern für Schüler“, sagt der Deutsch- und Ethiklehrer Johannes Riegger, einer der sieben betreuenden Pädagogen. „Die Gesamtlehrerkonferenz hat dieses Projekt von Anfang an einstimmig unterstützt“, berichtet er. Doch seitens der Schüler habe es durchaus auch Bedenken gegeben. „Einige haben darin keinen Sinn gesehen“, berichten die Schüler aus der Vorbereitungsgruppe. Andere hätten sich besorgt gezeigt, dass das Gedenken an die jüdischen Schüler als Unterstützung der aktuellen Israel-Politik missverstanden werden könnte.

Deshalb ist Riegger gespannt darauf, wie die Schüler am Dienstag reagieren werden auf das Mahnmal und auf diese Feier samt Schweigeminute, an der die ganze Schule teilnimmt. Manche Schüler hätten bereits im Vorfeld signalisiert, sie hätten lieber Unterricht, berichtet die Gruppe.

Doch Lucia Vitale und Anida Alicehajic, die beiden Zehntklässlerinnen, wollen an dem Thema dran bleiben. Im Seminarkurs werden sie recherchieren, was aus den Lehrern im Nationalsozialismus geworden ist. Und vielleicht entdecken sie ja auch noch weitere Dokumente über die Schicksale von Wagenburgschülern.

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