Die Sanierung der Wagenhallen kostet mehr als die von der Stadt genehmigten 5,5 Millionen Euro. Zudem sind die Kulturschaffenden am Nordbahnhof zerstritten – möglich, dass am Ende alle Verlierer sind.

Stuttgart - Die Zukunft der Wagenhallen im Nordbahnhof ist trotz eines Gemeinderatsbeschlusses bei den letzten Etatberatungen, in diesem und dem nächsten Jahr 5,5 Millionen Euro zur Ertüchtigung des Tragwerks und die Umsetzung eines Nutzungskonzepts zu investieren, gefährdet. Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung beläuft sich der Sanierungsaufwand der mehr als 120 Jahren alten ehemaligen Bahn-Instandsetzungshallen mittlerweile auf mindestens 20, wenn nicht gar 25 Millionen Euro.

Der für die Liegenschaften zuständige Bürgermeister Michael Föll (CDU) bestätigt diese Beträge nicht. Er wollte sie aber auch nicht dementieren. Föll räumte ein, dass das auf den Wünschen der Hallennutzer basierende Sanierungskonzept auf „deutlich höhere Kosten“ basiere als bisher kalkuliert. Auch der CDU-Stadtrat Jürgen Sauer, selbst Mitglied im Beirat des Wagenhallenbetriebs, spricht von einem „zweistelligen Millionenaufwand“, für den allerdings niemand etwas könne.

Bis 2015 sind die Wagenhallen garantiert nicht saniert

Seitdem der Kulturbetrieb Wagenhalle 2012 einen Bauantrag für eine Nutzungsänderung eingereicht hat, wird intensiv über die Statik und die Betriebssicherheit diskutiert. Bis zum Ende der Vertragslaufzeit 2015 könne der Betrieb fortgeführt werden, erfuhr der Gemeinderat vor den Etatberatungen, in dem er sich vor allem für die Sanierung der Tragwerkskonstruktion und den vorbeugenden Brandschutz notwendigen Maßnahmen aussprach.

Das Ziel, bis Ende 2015 alle Arbeiten abgeschlossen zu haben, hat man allerdings längst aus dem Auge verloren. Nun werde geprüft, ob es einfachere, also günstigere Lösungen gibt oder ob man die Maßnahmen in mehreren Schritten angehen könne. Aber selbst für diesen Fall, gibt der Kämmerer zu bedenken, müsse die Gesamtfinanzierung stehen.

Jürgen Sauer hofft auf ein Ende des Streits

Für Jürgen Sauer ist es indes „fünf vor zwölf“. Bei dieser Prognose hat er auch die Finanzierungsprobleme vor Augen, vor allem aber das jämmerliche Bild, das die Kulturschaffenden aus seiner Sicht gerade abgeben würden. „Wenn die sich nicht schnell einkriegen, wird die Halle geschlossen“, prophezeit Sauer.

Hört man sich in den Wagenhallen um, merkt man vor allem eins: die Stimmung ist angespannt. Stefan Mellmann, der mit Thorsten Gutbrod im Kulturbetrieb Wagenhallen für die Veranstaltungen der Spielstätte zuständig ist, will am liebsten gar nichts sagen. Seit klar ist, dass sich die Künstler des Kunstvereins Wagenhallen gemäß eines aktuellen Brandschutzgutachtens während der Veranstaltungen des Kulturbetriebs Wagenhallen nicht in der Halle aufhalten dürfen, herrscht eine Art Kleinkrieg am Nordbahnhof. Gutbrod und Mellmann werden im Internet bedroht und beschimpft. Mellmann, als Künstler selbst Gründungsmitglied des Kunstvereins Wagenhallen und Veranstalter von Konzerten, Lesungen, Hochzeiten oder Firmenfeiern in den Wagenhallen, „ist menschlich enttäuscht von vielen ehemaligen Weggefährten“. Mehr wolle er derzeit nicht sagen.

Gehen Kunst und Kommerz zusammen?

Der Konflikt zwischen seinem Kulturbetrieb und dem Kunstverein schwelt seit Langem. Dahinter steckt die alte Frage, was Kunst ist und was Kommerz. Die Mitglieder des Kunstvereins werfen Mellmann und Gutbrod vor, durch ihre Fremdveranstaltungen die Seele des Veranstaltungsortes zu verkaufen. Das Duo verweist dagegen darauf, dass es ohne die Einnahmen aus den Fremdveranstaltungen die Wagenhallen schon lange nicht mehr geben würde.

„Wenn es jetzt heißt, dass 70 Künstler vor der Tür stehen, wenn in den Wagenhallen eine Party stattfindet, ist das maßlos übertrieben“, sagt ein Kenner der Materie, der angesichts der angespannten Stimmung anonym bleiben will. Seinen Beobachtungen zufolge arbeiten viele der Künstler tagsüber in ihren Ateliers und haben abends, wenn Veranstaltungen in den Wagenhallen sind, Besseres zu tun, als in schlecht beheizten Ateliers zu werkeln. „Wie viele Künstler in den Wagenhallen wirklich arbeiten oder die Halle nur als Lager nutzen, will ich nicht beurteilen“, sagt Mellmann. „Wenn wir hier aber nicht zusammenhalten und Geschlossenheit demonstrieren, wird es die Wagenhallen bald nicht mehr geben.“

„Ein beknacktes Signal an die Politik“

Auch Stephan Karle, 75-prozentiger Teilhaber des Kulturbetriebs Wagenhallen, und als Vermittler zwischen Rathaus und Künstlern eine Art Spiritus Rector des komplizierten Kulturgebildes, stört sich am Kleinkrieg der Künstler. „Dass sie nicht miteinander sprechen, sondern stattdessen über das Internet übereinander herziehen, ist ein beknacktes Signal an die Politik.“ Den Erhalt der Ateliers habe man der Verwaltung zu verdanken: „Für die Zeit des Umbaus hätte man ja auch eine Seite der Halle schließen können, das wollte die Stadt nicht, die Politik wollte sowohl den Veranstaltungsbetrieb als auch die Ateliers erhalten“, sagt Karle.

An das Ende der Wagenhallen will er noch nicht glauben: „Solange es einen Silberstreif am Horizont gibt, machen wir weiter. Klar ist aber: die Bude gehört der Stadt, sie muss am Ende das Geld geben, also muss sie auch das Vorgehen vorgeben dürfen.“

Von der Reparaturhalle zum Markenzeichen

Die Wagenhallen sind über die nationalen Grenzen hinaus ein Markenzeichen für Kunst, Musik, Architektur, Baubotanik und Subkultur. Betrieb und Produktion nehmen den städtischen Kulturetat nicht in Anspruch. Um die Nachfrage nach Räumen bedienen und investieren zu können, will man den Veranstaltungsbereich ausweiten und die große Halle in rund 70 Ateliers und Werkstattflächen umwidmen.

Bis 2003 wurden die Wagenhallen von der Bahn für Reparaturen und Wartungen von Bussen genutzt. Dann wurden sie von der Stadt gekauft und für kulturelle Zwecke und als Lager und Werkstatt vermietet. Seit 2006 fungiert der Kulturbetrieb Wagenhallen als Verpächter. Der Kulturbetrieb Gutbrod Mellmann nutzt die Tangohalle und einen Teil der großen Halle. Die übrigen Flächen sind an Mieter von Ateliers und Werkstätten, Veranstaltungs- und Lagerflächen verpachtet.

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