Wagenknecht in Stuttgart Beim Thema Krieg wird es laut
Auf ihrer Wahlkampftour in Stuttgart arbeitet sich Sahra Wagenknecht an den Ampel-Parteien ab. Reicht das, um Unschlüssige von ihrer Politik zu überzeugen?
Auf ihrer Wahlkampftour in Stuttgart arbeitet sich Sahra Wagenknecht an den Ampel-Parteien ab. Reicht das, um Unschlüssige von ihrer Politik zu überzeugen?
Irgendwann weiß auch ein gelernter Fernsehmoderator wie Steffen Quasebarth nicht weiter – und es läuft Pausenmusik. Um das Publikum auf die Namensgeberin des Bündnis Sahra Wagenknecht vorzubereiten, hat Tino Eisenbrenner mit seinem Trio Liedzeilen vom Frieden gespielt. Die BSW-Landesvorsitzende Jessica Tatti und der frühere Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel haben das Publikum warmgeredet. Quasebarth, früher Moderater im MDR und heute Thüringer Landtagsabgeordneter für das BSW, hat erzählt, warum er in die Politik gegangen ist. Schließlich – gut eine Stunde nach Veranstaltungsbeginn – betritt Sahra Wagenknecht die Bühne in der Stuttgarter Liederhalle.
Da ist keine künstlich erzeugte Spannung, wie man an der Nervosität der Organisatoren merkt. An diesem Dienstag bekommt man einen Eindruck von den mit heißer Nadel gestrickten Wahlkampftouren, die die Politiker aller Parteien vor der vorgezogenen Bundestagswahl am 23. Februar abreißen. Am späten Nachmittag beantwortet Wagenknecht noch Fragen in einem Live-Talk im 50 Kilometer entfernten Heilbronn. Dann geht es durch den unberechenbaren Feierabendstau in die Landeshauptstadt.
Der rund 750 Menschen fassende Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle ist voll besetzt. Vor den Türen müssen zahlreiche Interessierte abgewiesen werden. Stuttgart ist die zweite Station von Wagenknechts Tour quer durch Deutschland. 2000, sagt Wagenknecht, wollten sie tags zuvor auf dem Münchner Marienplatz hören. Das beruhige sie. Sie braucht die Aufmerksamkeit. In den jüngsten Umfragen schwankten die Werte für das BSW zuletzt um die fünf Prozent. Der Einzug in den Bundestag ist damit längst nicht sicher.
Umso mehr ist Wagenknecht darauf angewiesen, nicht nur ihre Anhänger auf sich einzuschwören, sondern auch Unzufriedene zu gewinnen. Und so arbeitet sich die frühere Linken-Politikern in ihrer Rede vor allem an Grünen und SPD ab, aber auch Friedrich Merz kriegt sein Fett weg. Sie erntet Applaus für Argumente gegen zu teuren Klimaschutz, hohe Energiepreise oder eine verfehlte Mietenpolitik. Konkret wird sie, als sie Beitragssätze für eine Umlagerente vorrechnet, in die auch Selbstständige und Beamte einzahlen müssten. Am lautesten wird es im Saal, als Wagenknecht ihre Position zum Ukrainekrieg vertritt und für Frieden wirbt. „Wir müssen endlich aufhören, Waffen zu liefern und uns dafür einsetzen, dass verhandelt wird“, wiederholt sie, was sie seit Langem fordert.
Im Publikum sitzen viele Anhänger und Unterstützer, darunter Menschen, die sich von anderen Parteien enttäuscht abgewandt haben, aber nicht nur. Es sind auch Wählerinnen und Wähler dabei, die sich informieren, Wagenknecht einmal erleben wollen. Sind sie nach der Veranstaltung überzeugt? Das wollen sie dann lieber nicht sagen. In die Reihe der Selfie-Jäger, die Wagenknecht nach der Veranstaltung noch belagern dürfen, reihen sie sich aber nicht ein.
Sahra Wagenknecht zieht am nächsten Tag weiter nach Wuppertal. Noch sieben Stationen stehen auf ihrer Wahlkampftour. Sie arbeitet sich nach Norden vor, bis sie drei Tage vor der Wahl vor dem Brandenburger Tor sprechen wird. Dann wird sich zeigen, ob sie Recht hat, wenn sie sagt: „Viele Menschen im Land wünschen sich, dass das BSW mit einer starken Fraktion in den Bundestag kommt.“ Bisher geben das die Umfrage nicht her.